Der Takt, nach dem wir alle tanzen (Takt/Frequenz) (4)

geschrieben am 1. August 2005 um 01:21 Uhr

Die Luft schmeckte bitter, es lag an den Fabriken, sagte er sich und wusste, dass es hier siet Jahren keine Fabriken mehr gab. Dennoch, er glaubte den beißenden Geruch von verbrannter Steinkohle zu erkennen, konnte es nicht erklären.
Er war zurückgekehrt, zurückgekehrt zu der Brücke, seinem Platz. Doch der Ort hatte sich verändert, erkannte er kaum schmerzvoll, die Brücke schien sich geneigt zu haben, hing schwer und träge nur knapp über dem Platz.
Auch die Anzugmenschen dort unten schienen sich verändert zu haben, er blickte wieder herunter, sie waren viel näher, viel wärmer, das Grau war ein wenig aus ihren Gesichtern geschwunden, aus den Gesichtern aller Menschen, übrig geblieben war nur der gehetzte Kummer von gefangenen Tieren.
Die Drogen spülten das Bild eines Zoos durch seinen Kopf, er in einem kleinen Zwinger, angekettet.
Er hatte immer nur in Ketten gelebt und tat es immer noch, Bitterkeit verdrängte das Bild und auch die Drogen für einen kurzen Augenblick.
Es war ironisch, er hielt zitternd den schwelenden Stummel einer Zigarette, nein, zynisch.
Es gab keinen Ausweg, hatte nie einen gegeben, das System war kohärent, es gab keine höhere Erkenntnis als diese. Jeder Flucht wurde zum Widererwachen, er hatte diesen Begriff einmal von dem Mädchen gehört, ein schiefes Lächeln zwang sich in sein Gesicht.
Er fühlte keine Reue, was sie anging, er zögerte, zumindest empfand er jetzt keine, aber seine Empfindungen waren ohnehin sehr verschwommen.
Für einen Moment hatte er vergessen, warum er hier war, dann fanden seine Finger das kleine Kästchen in seiner Manteltasche, umschloß es fest mit den Händen. Es musste so sein, er wollte frei sein, wollte nichts anderes mehr.
Seine Ohren waren erfüllt vom Rauschen seines eigenen Herzens, ein schneller, lauter Takt, und er erkannte einen ähnlichen Takt in den Bewegungen der Massen auf dem Platz, den gleichen Takt, nur maschineller, zerstückelter, seine überreizten Neuronen sprachen mit sich selbst, software failure, er wusste es, ließ seinen Blick dennoch auf dem Takt ruhen, ließ ihnen freien Lauf.
Die Arme hielten sich starr an der Brüstung fest, um nicht zu fallen, er musste sich konzentrieren, um dem Takt mit den Augen zu folgen, sah unscharf und doppelt.
Dieser Takt, er stammte nicht von einem Herzen wie das dumpfe Dröhnen in seinen Ohren, nein, eine Million, eine Milliarde Herzen schuffen diesen Takt, nicht in einem einzigen, harmonischen Zusammenspiel, sondern in einem chaotischen Zusammenwirken. Aus ihren asynchronen Schlägen, zu dem unspezifischen Brummen eines Bienenstocks verschwommen, erhob sich dieser Takt, tot und kalt wie ein erloschener Stern, nicht länger menschlich, sondern ganz und gar künstlich, nicht mehr wie der Rhythmus von Musik, sondern nur noch Taktfrequenz, Systemtakt, der Takt, nach dem die Welt ihren absurden Tanz richtete.
Die Konturen um ihn herum verschwammmen, doch der mechanische Takt blieb, blieb in seinen Ohren, überlagerte den biologischen Rhythmus, schien ihn verschlingen zu wollen, frass ihn auf.
Seine Hände hektisch das schwarze Päckchen hervor, er hatte es langsam, überlegt, würdevoll tun wollen, aber nun war er panisch, riss die Spritze heraus und ließ das kleine Holzkästchen fallen. Vor langer Zeit hatte er es gekauft, nie geglaubt, es einmal zu benutzen.
Seine Hand holte weit aus, zielte auf die Wade. Ein kurzer Schmerz, er fühlte, wie seine Synapsen niederbrannten, spürte eine Bewegung, begann zu schweben, und für einen Augenblick war er frei.
Er hörte ihr Lachen, eine letzte freundliche Geste, dann schlug er auf.
Um seinen Körper herum stoben die Menschen auseinander, und für den Zeitraum eines kleinsten wahrnehmbaren Teils des Taktes bildete ein winziger Teil eines gigantischen Systems aus Rädchen und Prozessen einen vollkommen symmetrischen Kreis, einen symbolischen Krater.
Der Moment verstrich, die Lücke schloß sich wieder, wurde reintegriert.
Und die Welt tanzte weiter ihren gewohnten Tanz.

Ende von Rotation Drei. Gesamttitel wird eingefügt, wenn mir einer einfällt.
Aus gegebenem Anlass kein Zitat.

Ruinen

geschrieben am 30. Juli 2005 um 13:23 Uhr

Die alten Steine der Außenmauer stehen noch, manche etwas verstreut zwar, trotzen sie doch widerwillig dem Alter und auch dem Auge, starren immer noch zurück, hüten ihre Geheimnisse wohl unter der Patina von grünem Moos.
Der alte Kaminzug, längst verfallen, umgestürzt und niedergebeugt, teilt seinen Platz mit Löwenzahn und wildem Efeu, dass ihn durchrankt und ihn wie in einer Umarmung zu halten scheint. Er hat nichts mehr zu fürchten, nichts mehr zu geben, nur noch den Stolz eines erlegten Tieres aufzubieten, und nur tote Erinnerungen rinnen aus den weiten Rissen im Gemäuer.
Erbaut, so sagen die Leute im Dorf, wurde es vor langer Zeit, das Bauernhaus, in dem dunklen Kriege, der das Land einst vom Meer bis an die großen Berge im Süden ertränkte, lange ist das her, sehr lange, die Menschen nennen es die dunkle Zeit, wenn sie doch einmal davon reden, sie sprechen nicht gern davon.
Die Steine erzählen nichts von dunklen Zeiten, sie sprechen nicht mehr, halten trotzig jeder Beobachtung stand und verraten nichts, und ihr sommertagsheißes Schweigen mischt sich mit den Geräuschen von Vögeln und Insekten, die den Ort erobert haben wie einst die Soldaten in eben diesem Kriege.
Der fleißig und aufmerksam aus ehemals weißen Kacheln gebaute Fußboden, von Rissen durchlöchert, die der Wildwuchs lange schon für sich eingenommen hat, dient nun nur noch den Ameisen aus dem nahen Wald als Heimstatt. Auch er schweigt, lässt die Ameisen ruhig gewähren, und auch wenn die Kinder im Dorf unten manchmal angstvoll den Geschichten über Hexen und Dämonen lauschen, die hier lauern sollen, so ist der Boden und das ganze Haus doch starr und still, tot, gefangen in einer Art Verachtung für die, die es vergessen, dem Verfall preisgegeben haben.
Würde man hier graben, leicht würde man auf Spuren stoßen, Spuren aus Hunderten von Jahren, Spuren vom Haus und seinen Bewohnern.Viele Generationen von Familien haben es bewohnt, Hunderte von Kindern auf seinem ehemals stolzen Dachboden geträumt, Dutzende Eheleute sich unter seinen Türbalken geküsst. Und ein wenig von jedem Bewohner steckt in diesem Haus und im Boden darum, viel ist es nicht, denn viel ist bereits verloren, viel verrottet oder weit davon gespült. Manchmal nehmen die Kinder aus dem Dorf etwas mit, den kleinen Löffel eines uralten kleinen Buben mit blonden Haaren etwa, der im Boden geglänzt hat, sie verstehen seine Geschichte nicht, und so geht auch er verloren. Auch über das Haus selbst könnte der Boden viel erzählen, so etwa von den Feuersbrünsten, die das Haus oftmals niedergebrannt haben, und deren Spuren noch in den schwarz-kohlenden Holzsplittern zu finden sind, tief verborgen im sandigen Grund.
Die Steine, sie erinnern sich genau an jeden der Bewohner. Jedes Gesicht, längst schon kalt und verrottet, ist für sie noch lebendig. Der Gram lässt sie darüber schweigen, doch an einem schönen Tage kann man es an ihnen ablesen, in den tief verrunzelten Scharten im Stein erkennen, die vielen sorgsam gehüteten Erinnerungen, soviele Willkommensgrüße und Abschiede, soviel Freude und auch Trauer. Und auch die Ältesten im Dorf könnten sich niemals messen mit der Weisheit, die diese Steine besitzen.
Doch sie sprechen nicht mehr, nicht etwa aus der kindischen Verletztheit eines jungen Menschen heraus, nein, es ist die abweisende Verachtung eines Alten, der eine schwere Mißachtung ahndet, ruhig, mit aller Zeit der Welt.
Bald werden auch die Steine verschwunden sein. Jedes Jahr werden sie weniger, einige zerbröckeln einfach, werden vom Wind davon getragen, andere werden von den Dorfbewohnern geraubt, und so geht in stürmischen Nächten oft ein Seufzen durch die alten Mauern, denn auch die vielen Bewohner, die vielen Menschen, denen dieser Ort einst Schutz oder gar einen Platz zum Leben bot, auch sie werden mit den Steinen und dem Seufzen verschwinden.
Hunderten von Jahren hat das Haus standgehalten, hat oft Unheil abgehalten und viel eingesteckt, wortlos, zufrieden. Und immer ist es lebendig geblieben, hat niemals nachgegeben. Bis das Vergessen kam.

„Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“ – Bertolt Brecht

Der Fischer

geschrieben am 30. Juli 2005 um 13:17 Uhr

Seine Hände zogen kleine, rundliche Linien durch den Sand, schienen etwas zu suchen im nassen Boden, der an einigen Stellen noch schlickige Pfützen aufwies.
Er hatte die Arme weit von sich gestreckt, den Kopf starr nach oben gerichtet, zur Sonne hin, um jeden Strahl aufzusaugen, jeden Schluck Wärme aufzunehmen. Die Ebbe war gekommen, wie sie immer kam, langsam, aber mit einer gewissen Ebenmäßigkeit, und nun saß er neben seinen Netzen, auf einem Stück Meeresboden. Die anderen Fischer lachten oft über ihn, weil er sich während jeder Ebbe hier herunter begab, statt auf der sicheren Hafenmauer oder dahinter zu stehen und seine Netze zu flicken. Er wusste, sie konnten es nicht verstehen.
Ein leises Seufzen ging über seine Lippen, und seine großen, klobbigen Füße gruben sich noch ein Stück tiefer in den Schlick, spürten die Kälte, die von unten aufstieg, ein letzter Abschiedsgruß des Meeres, dass sich zurückgezogen hatte, aber zurückkommen würde.
Oft saß er hier und tat nichts, gar nichts, lag einfach nur da und genoß die Sonne, unbeschwert, in gewisser Weise sogar fröhlich. Er saß auch hier, wenn die Sonne nicht schien, denn wenn auch die Sonne ihm keine Gesellschaft leistete, so blieb doch die Ebbe, blieb für die ihr bestimmte Zeit. Wenn sie wieder ging und mit der Flut tauschte, dann musste auch er wieder fort von diesem Ort, musste zurück, zurück in den Hafen, zurück zu seinem Schiff, zurück aufs Meer, er dachte an die tobende Gischt, die es in mancher Nacht aufwarf, an die tausend prickelnden Nadelstiche, die der Wind dort draussen auf ihn warf, ein großes wütendes Tier, dass sein Revier verteidigte, rachsüchtig, tobend, er blickte hinaus auf den weiten Schlick vor sich.
Noch herrschte Ebbe, erinnerte er sich, er sank tiefer in den kleinen Holzstuhl, den er sich mitgebracht hatte, immer mitbrachte, altes vergilbtes Holz, in seinem Aussehen seiner Haut nicht unähnlich, vom Wetter gezeichnet, aber standhaft.
Oft dachte er an das Meer und auch an seinen Beruf, der doch so untrennbar mit der See verbunden war. Er wusste, nie hätte er diesen Beruf erlernen wollen, doch seine Eltern hatten es so gewollt, und so hatte er die Schule abbrechen und seinem Vater auf dem Schiff helfen müssen. Lange war er danach auf der Flucht gewesen, heute nannte er es Flucht, sehr lange, ein einsamer, wütender junger Mann, der von Hafen zu Hafen fuhr, ohne Interessen oder Wünsche, der immer nur vor dem Meer und seinen Eltern weglief und dabei doch ebendiese See befuhr, weil er nichts anderes gelernt hatte. Viele Städte hatte er gesehen, viele Länder, viele Sprachen gehört, viele Mädchen geküsst. Doch das Meer hatte er nie hinter sich lassen können, immer hatte er es gebraucht, um weiter zu fliehen, immer hatte er es nutzen müssen, um sein Geld zu verdienen. Und das Meer hatte es ihm auf seine Weise gedankt, er dachte an unzählige Stürme, an riesige Wellen, haushohe Wände, die fließende Verwünschungen in die Nacht malten, an den grollenden Wind, der sie vorlas.
Sein Blick fiel auf die Kaimauer, eng gemauerte, riesige Steinquader, die noch neu waren und das Sonnenlicht deshalb etwas stärker widerspiegelten. Er lächelte wieder in die Sonne. In ein paar Jahren, wenn die ersten Sturmfluten gegen diese neuen Steine gedonnert waren, würden auch sie wieder vergilbt und dreckig aussehen, das Sonnenlicht nicht mehr zurückwerfen, nur noch einen matten Schein besitzen. Die anderen Männer hoch über ihm, auf der Mauer, bellten sich Befehle entgegen, und er wusste, dass die Flut bald kommen würde, und er würde wieder mit ihnen fahren. Er dachte an die drei Kinder, drei Söhne, er würde wieder für sie aufs Meer fahren, auch wenn er sie nie sehen würde.
Der alte Kutter seines Vaters war noch gut in Schuss, wie sie hier sagten, und das war gut so, denn viel brachte die Fischerei nicht mehr ein, das wussten sie alle, nur drei Fischer fuhren noch hinaus, mussten, hatten nichts anderes gelernt. Seit 22 Jahren fuhr er mit dem alten Schiff, er dachte an den Tag, an dem er sich entschieden hatte, zurückzukommen, den Tag, an dem ihn der Brief erreicht hatte, in irgendeiner der großen Hafenstädte, deren Namen er heute kaum noch wusste. Der Pfarrer hatte ihn aufgesetzt, denn seine Mutter konnte ihn nicht schreiben, war zu schwach gewesen.
Es war eine stürmische Nacht gewesen, er hatte es sich immer gut vorstellen können, war er doch hier aufgewachsen, und sein Vater war hinausgefahren, alleine, wie immer. Drei Tage später hatten sie das Boot gefunden, nur leicht beschädigt, auf der Seite liegend, in einer kleinen Bucht nicht weit von hier. Viele der Menschen hier schrieben der See einen Charakter zu, und viele hatten damals gesagt, die See hätte ihnen etwas zurückgeben wollen, als Trost, als Erinnerung. Schon damals hatte er es anders empfunden, obwohl er es nie gesagt hatte, wohl um seine Mutter zu schonen, die dennoch bald darauf gestorben war.
Da war keine Entschuldigung, kein Trost, den die See spenden wollte, nur Hohn, grenzenloser sadistischer Hohn, davon war er überzeugt. Und er dachte an das alte kleine Schiff, das er immer noch befuhr, die Botschaft war klar gewesen, es war Zynismus gewesen, mörderisch kalt wie die harten Wellen, die hier wie überall an die Küste schlugen. Er hasste das Meer dafür, und dennoch würde er bald wieder hinausfahren. Doch noch herrschte die Ebbe, noch einen kurzen Augenblick lang, seine alte Verbündete, der einzige menschliche, mitleidige Zug der See.
Nach 22 Jahren wusste er nicht mehr genau, warum er sofort zurückgekehrt war, sein weniges Erspartes für einen Flug, seinen einzigen Flug ausgegeben hatte, er wusste es wirklich nicht mehr, vielleicht war es ein Funken Übermut gewesen, den er damals noch hatte, vielleicht war es die Sorge um seine Mutter gewesen, eine alte Fischersfrau, die nie jung oder schön gewesen zu sein schien.
Als er erst einmal hier war, konnte er nicht mehr gehen, der Blick auf die See hatte ihn gebannt, und er hatte ohnehin kein Verlangen mehr nach der Welt da draußen verspürt, hatte sie gesehen und für sich seinen Frieden mit ihr gemacht. Nur seine Kinder verbanden ihn noch mit der Welt, sie lebten immer noch in großen Städten, dem Meer sehr nahe, auch wenn sie nicht viel mit der See zu tun hatten.
Und so war er hiergeblieben, überwies jeden Monat auf drei Konten, er verstand nicht viel davon, ließ das einen Freund bei der Bank im Dorf erledigen, und er fuhr zur See, jeden Tag, und manchmal kam ihm das wie ein beständiges Duell vor, ein Duell mit dem Meer, auch wenn es das nicht war, denn das Meer war ungleich stärker als er selbst. Viele der älteren -überlebenden- Fischer erzählten, dass sie immer Respekt vor dem Meer gehabt hatten, doch er wusste, das war keine Versicherung. Er begnetete dem Meer mit der selben Art von Respekt, den er den Piraten entgegengebracht hatte, die ihn früher einmal mit dem Gewehr in der Hand unter Deck gezwungen hatten, vor langer Zeit, irgendwo im Pazifik.
Doch er musste aufs Meer hinaus, konnte nicht anders. Umso glücklicher war er, dass keins seiner Kinder auf dem Meer arbeiten geschweige denn leben würde, sie alle hatten eine gute Ausbildung vor sich, er wusste das, und in gewisser Weise machte ihn das glücklicher als alles andere, auch wenn seine Kinder für ihn nur Fotos waren.
Kleine, konstant auf- und abschwingende Wellen schlossen sich um seine Füße, hatten sich unbemerkt angeschlichen und erschraken ihn nun, auf eine vertraute Weise. Die Flut kam. Er blickte ein letztes Mal in den Himmel, dann stand er auf und ging, ging zu seinem Schiff, aufs Meer. Er würde wiederkommen und wieder in der Sonne liegen, wieder und wieder und wieder. Bis es auch ihn holen würde.

„Das Meer ist salzig wie die Träne, die Träne ist salzig wie das Meer. Das Meer und die Träne sind sich durch die Einsamkeit verwandt. Das Meer hat sie schon, die Träne sucht sie.“ – Karl Gutzkow, Gutzkows Werke, Bd. 4

Update

geschrieben am 28. Juli 2005 um 15:19 Uhr

Aufgrund meiner derzeitigen Abwesenheit kann ich leider nichts online stellen (Internet-Café…). Am Montag kommt dann aber „Der Fischer“.

Grüße.

Schrei im Glas

geschrieben am 9. Juli 2005 um 19:49 Uhr

Die Räder des Zuges ratterten über die Gleise, bedächtig und ziellos, ächzend unter der Gewissheit, niemals ruhen zu dürfen, niemals eine Heimat zu erreichen.
Er sah sich um, blickte in fremde, ferne Gesichter und wusste, dass keiner von ihnen so empfand, spüren konnte, was er spürte.
Sein Kopf glitt zurück zu seinem Spiegelbild im Fenster, ein Schrei, zu Glas geworden, erstarrt.
Die anderen Fahrgäste, so hatte er bemerkt, hielten fast schon respekt-, nein, angstvollen Abstand zu ihm, er wusste, warum, konnte es verstehen, nein, hätte es verstehen können, verstand es nicht.
Er blickte hinunter auf sich selbst, auf das Schizophren-Gestückelte, das noch war, und ein anderer Teil von ihm blickte hinab auf seine Hände, blutverkrustet, getrocknetes, totes Blut, das in Poren und Hautfalten geronnen war und ihn an ein Gebirge erinnerte, uralt, voller Geschichten, so alt, dass sie niemand mehr erzählen konnte.
Es war rechtzeitig gewesen, dachte er, ein Funken Selbstzufriedenheit spülte in ihm hoch, mischte sich mit dem Schrei im Glas und zerfloß zu dem Geschmack bitter-süß-sauer Retrospektive.
Schweigend wog er die Tabletten in den Händen, versuchte sich an die genauen Bezeichnungen zu erinnern, verwarf es wieder, es war irrelevant, er würde sie nicht nehmen, und er dachte an die vielen Tablettenschachteln, die er gesehen hatte, ein verschwommenes, kaltes Bild des Zimmers, nein, er würde sie nicht nehmen, nie wieder würde er solche Tabletten nehmen, niemals wieder.
Er fand den Behälter, ließ die Tabletten hineinfallen und erinnerte sich an das schale Lächeln der Krankenschwester, die sie ihm gegeben hatte, ein Lächeln, hinter dem sich Ekel und Bewunderung versteckten, zu gleichen Teilen, nein, gemeinsam, in einer inneren Absprache zu einer Emotion verschmolzen. Er hatte sich geweigert, seine Hände zu reinigen, das Blut zu entfernen, er wusste nicht, warum, und wusste es doch.
Sie hatte ganz sicher gehen wollen, dachte er und lächelte fast, wie ein Betrunkener, ganz und gar ohne Grund oder Sinn, und sein Lächeln gefror. Sein Blick fand wieder den Schrei im Spiegel, fand das Gesicht eines Lebenden, emotionslos, wenn auch düster, und er suchte nach dem Schrei darin, fand ihn nicht, nur ein anonymes, nominelles Gesicht, jamais vu, er hatte von dem Phänomen gelesen, er klammerte sich an die Folgerichtigkeit seines Geistes, presste sich eng an die kühlen Wände des Schocks.
Ein Schaffner schritt durch den Waggon, er hatte keine Fahrkarte gekauft, zum ersten Mal in seinem Leben, es war irrelevant, der Mann betrachtete ihn unsicher, betrachtete seine Hände, die rotgefärbten Ärmel, die Hose. Er öffnete den Mund, wollte etwas sagen, sich erklären, doch er schloß ihn wieder, denn der Mann schritt entschlossen und schnell an ihm vorbei, ließ den Blick dabei immer noch vorsichtig auf ihm ruhen.
Seine Handgelenke spürten noch das Pochen, das leise Pochen in den zerschnittenen Unterarmen, ein schwächer werdendes Klopfen, eine Million Tropfen Blut, die wütend den Tod herbeischrieen, ihn im düsteren Takt des Herzens herbeitrommelten.
Es wurde dunkel, ein Tunnel, und er stöhnte leise unter dem Gewicht der Bilder, die sich in der Dunkelheit manifestierten, ihn zu umschließen suchten, atmete erst wieder, als der Tunnel hinter ihnen lag, und einige Sekunden lang musste er sich versichern, dass der Zug noch existent war, sich nicht verloren hatte in den Bildern.
Wut kochte in ihm hoch, er wusste nicht, wohin damit, wohin mit der Emotion, und so blickte er weiter still auf seine Hände, folgte den Kratern und Falten, die das Blut geschaffen hatte.
Sie werde es schaffen, es schaffen, durchkommen, der Satz klang immer noch in seinen Ohren, und er stellte sich das Gesicht des Arztes vor, von dem er stammte.
Es hatte ihn nicht beruhigt. Es war ein junger Mann gewesen, dennoch tiefe Furchen auf seiner Stirn, die viel erzählten.
Lang hatte der Mann gesprochen, nur halb hatte er zugehört, und am Ende hatte er eine Hand auf seine Schulter gelegt und ihm gedankt, gedankt für seine Hilfe, seine entschlossenes Handeln. Es hatte ihn nicht interessiert.
Jemand ging durch den Waggon, eine junge Frau, ein Kind auf dem Arm, sein Blick nahm den des Kindes auf und erkannte in seinem Lächeln das Mädchen, das Mädchen, dass er an der Notaufnahme hatte abgeben müssen wie ein Auto in einer Werkstatt. Er könne jetzt nichts mehr tun, hatten sie gesagt, und ihn herausgeworfen. Das letzte Bild von ihr, sie in einem Bett, sehr klein, an Kabel und Maschinen angeschlossen.
Wieder blickte er in das Fensterglas, sein Widerstand zerbrach. Das Bild kehrte wieder, er wurde es nicht los, musste die Schritte durch das Haus, in ihr Zimmer, ihr Zimmer, immer wieder sehen, immer und immer wieder, und er hörte wieder die laute Musik, sah wieder die Tablettenschachteln und das Blut, das viele Blut, sie in der Mitte des Raumes, kalt und ohne Bewusstsein. Und wieder und wieder sah er sich selbst, wie er laut schrie, ihre Unterarme mit den Händen abzudrückten suchte, aus denen immer noch mehr und mehr Blut strömte.
Er blickte starr aus dem Fenster, oder in das Fenster, oder in sich selbst hinein, stundenlang.
Eine Hand berührte ihn am der Schulter, tastend und unsicher.
„Endstation.“, sagte der Schaffner leise, aber bestimmt.
Seine Schultern sackten unter der Berührung zusammen wie Gerüste, die lange ein großes Gewicht getragen hatten. Einige Tränen rannen über sein Gesicht, fielen auf seine Hände, lösten etwas Blut.
„Ja, Endstation.“, antwortete er flüsternd, hob die Hände vors Gesicht.
Und der Schrei löste sich laut hallend aus dem Glas, als wäre er nie dort gewesen, floh durch die Luft des Zuges, hinaus in die Nacht.

„Fall – I will follow.“ – Titel eines Musikalbums der Gruppe Lacrimas Profundere.

Nachtrag:
„Warum ich kein Wort mehr spreche, warum ich nicht schreie, tobe, rase, fragst du?
Weil kein Schrei laut genug wäre, selbst wenn die ganze Welt schreien würde.“ – bad_indicator.

Und dann herrschte Stille

geschrieben am 29. Juni 2005 um 15:36 Uhr

Er konnte es fast schon sehen, fast schon berühren, und seine Gedanken schweiften ab, schweiften zu der Zukunft oder besser zu keiner Zukunft, und er sah silberne Vögel in den Himmel steigen, in der Höhe glitzern, Kondensstreifen aus Verbrennungsrückständen hinter sich lassend, eine Kunstturnerin, die lange Bänder hinter sich herzieht, und ihr Flug beschrieb eine wunderschöne Parabel, wie vom logos selbst konstruiert, doch jetzt war es nur in seinem Kopf, nur in seinem Kopf, er musste sich beeilen.
Er huschte um die Ecken, geduckt, die sich warm anschmiegende Waffe in der Hand, und er drückte ab, ein leises Zischen, sonst nichts, und noch ein Körper vor ihm fiel aus der Dunkelheit, ihm entgegengestreckt, die gleiche Uniform, er beachtete sie nicht, er musste weiter, musste zu seinem Ziel, und er würde es erreichen.
Sie hatten es nicht anders verdient, alle, und er würde sich retten, aber er hatte es auch nicht anders verdient und er würde sie alle retten, ein paradoxer Gedanke, natürlich, aber es schien ihm wahr, nein, es war wahr, sie alle hatten es nicht anders verdient und deshalb würde er sie alle retten, sie befreien, und er dachte an die Gräßlichkeiten, die er gesehen hatte, Bilder huschten durch die dunklen Korridore seiner Seele, eine Landmine, ein hungerndes Kind, mit schwarzem Haar und ebensolchen Augen, ein Huhn in einem Käfig, ein Mann in einem Büro, die Krawatte weit heruntergezogen wie ein Richtschwert, weinend, ein Blatt Papier in der Hand, das Gesicht einer Nachbarin aus früheren Tagen, die spöttisch und verachtend über den Zaun blickt, nein, es ging nicht anders. Der Mensch war so, er war so, er war immer so, und er dachte an Kindersoldaten und kleine Mädchen mit wunden Fingern, die Teppiche knüpften und an ältere Kinder, die ihren Krieg in einer Diskothek austrugen, nein, in einem Büro, er verwarf beide Bilder, alle Bilder, sie alle waren äquivalent, sie zeigten das gleiche, etwas, dass er ohnehin kannte, die Grausamkeit und die Schmerzen der Menschen, jedes Menschen, aller Menschen, und er schlich weiter, nicht mehr so verstohlen, es waren keine Wachen mehr da, er hatte gezählt, wusste wieviele es waren, und er wurde sicher, sie hatten ihn nicht bemerkt, nicht gehört, der Alarm war nicht losgegangen, es hatte funktioniert, doch er blieb weiter geduckt.
Seine Füße stoppten vor der Stahltür, und er zog ein Kabel und ein Werkzeug aus seinem schwarzen Rucksack, tat irgendetwas mit der Türsteuerung, er wusste nicht genau, was, achtete nicht darauf, seine Hände taten es selbstständig, und die Tür öffnete sich und schloß sich hinter ihm.
Und er lachte. Lachte, weil er an die Bibel dachte, an den Tag des Jüngsten Gerichts, es war so naiv, so dumm, nein, es würde keinen ewigen Richter geben, es gab ihn nicht, und selbst wenn, sein Lachen wurde träge, selbst wenn, es gab keine Erlösung, kein Mensch würde die Probe bestehen, freigesprochen werden, die Menschen waren alle gleich, er wusste es, hatte es gesehen, und die Bilder spannten sich wieder um seinen Kopf wie ein Strick, er lachte wieder, um sie zu vertreiben, Humanismus, was für eine absurd-zynische Idee, diese Welt und den Menschen in ihr verbessern zu wollen.
Seine Hände berührten das Terminal, entfernten Schrauben, verbanden es mit dem System in seinem Rucksack, lang würde es nicht mehr dauern, er hörte die Sirenen heulen, aber es war zu spät für sie, die ihn aufhalten wollten, nicht auf ihn hören wollten, nichts verstanden, auch wenn es so einfach war. Schmerz und Tod und Grausamkeit herrschten nur dort, wo Leben war, sie waren machtlos ohne Leben. Er würde die Welt verbessern, ihr den ewigen Schlaf schenken, den sie nicht anders verdient hatte und der sie retten würde, das Terminal war fast bereit. Seine Gedanken schweiften wieder zu den Stahlvögeln, es waren nur noch Augenblicke, bis sie ihre imaginären Schwingen ausbreiten würden, auf einem Strahl aus Feuer in den Himmel reiten würden, achttausendeinhundertachtundsiebzig Brüder, die sich nur durch ihre Seriennummern unterschieden und alle auf die gleiche Weise in der Sonne glänzten, und er konnte sehen, wie sie ihre bedächtigen Parabeln am Himmel zogen, um darniederzustürzen, ein jeder auf eine Stadt, pflichtbewusst und in Selbstaufopferung. Und wie gefallene Engel würden sie herabstürzen und die Menschen retten, indem sie niemanden verschont ließen, nur noch Ruinen und Asche und eine unermeßliche Stille ließen.
Sein Finger ruhte schon aus dem Auslöser, er lächelte wissend, ein Klischee, der Auslöser war tatsächlich rot, und er war stolz auf sich, er hatte diese Anlage ausgewählt, sie lange observiert, und er hatte alles funktioniert, er sah nicht nach, ob es die richtigen Sprengköpfe waren, seine Informationen waren zuverlässig, es würde funktionieren. Sein Kopf begann in Trance zu rechnen, Achttausendeinhundertachtundsiebzig mal zweihundertfünzig Megatonnen, es würde reichen, die Erde würde lichterloh brennen, so hell brennen, dass jeder es sehen könnte.
Ein letztes Bild gestattete er sich, das Antlitz einer Frau, alt und vergilbt, tot und begraben, dann vollendete er es.
Heute war der Tag des Jüngsten Gerichts, und ein jeder würde vor dem Richter versagen und gerettet werden.
Achttausendeinhundertachtundsiebzig Stahlvögel schoßen in den Himmel, flogen davon. Und dann herrschte Stille.

„Alles Leben ist Leiden“* – Siddhartha Gautama

post scriptum: /single shot sind kurze, einprägsame Geschichten, die keinen direkten (wohl aber indirekten) Bezug zu den zusammenhängenden Texten haben.

* Interpretation des Autors. Buddhas Intention war mit großer Sicherheit nicht so absolut, wie es im Kontext der Geschichte erscheinen mag.

Mastermind (3)

geschrieben am 28. Juni 2005 um 01:20 Uhr

Sein Blick war klar. Sein Atem, sein Puls war ruhig. Er spürte es, fühlte, konnte es durch die Dunkelheit vor seinen geöffneten Augen wahrnehmen, ein Stück der Ewigkeit – oder etwas, das er dafür hielt, fügte er hinzu – schloß sich um ihn.
Ein Zentrum, ein statischer Kern in einem unermeßlichen Meer aus rotierenden, kollidierenden, kalkulierenden Splittern einer zerfasernden Welt.
Und er spürte auch, wie er sich dem Ziel näherte, die Ruhe im Inneren wurde ein Teil von ihm oder er wurde ein Teil dieser Ruhe, die beiden Sichtweisen waren letztlich äquivalent, hatte er einmal konstatiert, dennoch bevorzugte er die erstere Lesart, vielleicht aus Eitelkeit, er wusste es nicht.
Es hatte ihm zunächst Angst gemacht, unglaubliche Angst sogar, auch wenn er sich das erst viel später eingestanden hatte, und doch war er beim ersten Mal verschreckt gewesen, fast panisch, und war aufgesprungen von dem Sessel, in dem er jetzt wieder locker ruhte, und er für einen winzigen Moment konnte er die Angst von damals fast wieder spüren, fast schmecken, und er musste sich zur Ordnung rufen.
Jetzt jedoch blickte er kalt und leer auf diesen Sturm, diesen Variablensturm, wie er es genannt hatte, in Anlehnung an den Beruf, den er vor langer Zeit ausgeübt hatte. Und für eine Weile, die immer wie ein ganzes Jahr schien, blickte das Chaos zurück, aus hunderttausend gebrochenen Augen, mit eben demselben, unpersönlichen, fernen Blick, ein hunderttausendfach vergrößernder Spiegel, steril und kalt und leer wie er selbst.
Und er fühlte, wie eine weitere Ewigkeit verstrich, während er den Blick starr festhielt, nicht mehr losließ, nicht mehr loslassen konnte.
Er wusste es ganz genau, er wusste ganz genau, was geschehen würde, vielleicht konnte er es nicht besitzen – leider nicht – aber er konnte es beherrschen, eine gewisse Kontrolle ausüben, es für einen Moment niederzwingen, und deshalb war er vollkommen leer und fokussiert.
Und wartete.
Und irgendwann begann das Chaos, zu weichen, es löste sich langsam und ließ leise fluchend den Blick auf die tieferliegenden Strukturen zu, die Splitter schienen langsamer um ihn zu rotieren, aber die Veränderung fand so langsam, so fließend statt, dass er den Blick kurz hätte abwenden müssen, um es zu sehen. Das weiße Rauschen der Farben und Licher nahm ab, zuerst an den Rändern, dort, wo die Ruhe endete, Abgrenzungen wurden klarer, der Kontrast baute sich langsam auf, so, als wäre es eine gestörtes – oder verstörtes – Funksignal, dass dort langsam an Kontur gewann, durch unzählige Filteralgorithmen gejagt und restauriert, rekonstruiert wurde, und in gewisser Weise hielt er diesen Vergleich für angebracht, auch wenn er sich den Gedanken sofort verbat. Die wirbelnden Massen schienen widerstrebend Regeln und Relationen zu gehorchen, sich ihrem ruhigen Kern langsam zu beugen, wie ein Gebäude, dessen Mauern sich langsam der Schwerkraft beugten, ächzend, flehend, mit der leisen Ankündigung, wiederzukehren.
Und von einem Moment zum anderen hatte er sein Ziel erreicht und gestattete sich, wieder auszuatmen, während er sich umblickte, langsam und vorsichtig noch.
Der Sturm hatte sich gelegt, und er blickte auf die ruhige See vor sich. Feinste Drähte aus Licht lagen da vor ihm, verbanden große und kleine Lichter miteinander, die sich in einer unendlich weiten Ebene vor ihm ausbreiteten.
Er würde sie am ehesten als Zahlen beschreiben, obwohl sie das nicht waren. Aber er würde es auch nie jemandem erklären, dachte er. Es waren keine Zahlen, wohl aber vielleicht.. Werte. Personen, Institutionen, Relationen. Alles fand er hier wieder, geordnet, verständlich, wenn er sich nur darauf konzentrierte, nicht mathematisch oder rational angeordnet, keine präzise Kalkulation, nein, vielleicht eher so etwas wie die Konkretisierung oder systematische Darstellung von Intuition. Seine abstrakt gewordenen Augen schweiften über die gigantische Ebene und blieben eine kurze Zeit bei dem Moment, den er vorgestern wahrgenommen hatte, als er an der Brücke stand und – wie immer – auf das Chaos unter ihm blickte.
Und er konnte jedes anonyme Gesicht wiederfinden, konnte die Abhängigkeiten erkennen, die kleinen dünnen Fäden, die von jedem dort unten zu jedem anderen verliefen, manche waren etwas dicker, er erkannte Zuneigung oder Hass darin, je nachdem, er konnte nicht erklären wie, aber es war ihm klar, wenn er sich dieses Bild ansah, diese Modell, diese Metastruktur. Selbst die Gebäude hatten ihren Platz wiedergefunden hier, sie strahlten in einem hellen Funkeln, repräsentierten gewisse Interessen, gewisse Konventionen, den Code of Conduct beispielsweise, auch natürlich das unbedingte Prinzip, dass diesem wie vielem der anderen großen Licher innewohnte.
Dies war keine Zauberei, er hatte das nie geglaubt, es hatte auch nichts mit Religion zu tun, nein, es war nur eine sehr… spezielle Ansicht der Welt, die sich ohnehin in seinem Kopf befand, er wusste es, es gab Ränder seiner Wahrnehmung, auch hier, er konnte selbstverständlich nicht in die Zukunft blicken oder durch die Wände eines Hauses, dass er nie betreten hatte, nein, das war unmöglich, auch die Welt gehorchte den Gesetzen der Physik, sie war nur eine komprimierte, eine gefilterte, durch Konzentration temporär geordnete Ansicht seiner Wahrnehmungen, jeder kleinsten. Es waren die ganz winzigen und die titanengroßen Dinge, die der ruhige Kern, der er war, hier verarbeitete, interpolierte, zu einem kohärenten Bild des Systems zusammensetzte, dachte er wieder und wieder und schwebte über die Ebene.
Hierher kam er oft, machmal, um nur etwas zu überdenken, wie ein Schachspieler, der eine Partie noch einmal spielte, um Fehler zu analysieren, und so schob er dann mit seinen geistigen Armen einige Pfäden zur Seite, sah, was geschah, welche Veränderungen sein Unterbewusstsein entdeckte konnte, antizipieren konnte. Die Rolle eines Schachspielers gefiel ihm, er gestattete sich diese Arroganz, er war unberührt, er verschob nur Menschen, kleine Winkelzüge, kleine Anstöße, das System und seine Regeln erledigten den Rest, es waren Marionetten, nichts als leere Figuren, die er auf diesem gigantischen Brett wie auch in der realen Welt verschieben konnte, wie er wollte.
Hier hatte er auch geplant, wie sie zur Seite zu schaffen war, kam ihm in den Sinn, er wusste nicht, warum. Es war ganz einfach gewesen, wie erwartet, er hatte nur einige ganz geringe Eingriffe machen müssen, und es hatte funktionieren, und jemand anders würde für ihren Tod büßen müssen, ein Geschäftspartner, ein Feind, jemand, den er ohnehin aus dem Weg räumen musste.
Dieses Mal war etwas anders, er fühlte es jetzt ganz deutlich, hatte es die ganze Zeit gespürt, aber nicht gewagt, es zu denken. Er witterte es, konnte es aber nicht sehen, eine Gefahr vielleicht. Bemüht blieb er ruhig, versuchte noch mehr Ordnung herzustellen, den Fehler zu finden, drehte sich weg von den dünnen Knoten unter der Brücke, hin zu dem Moment, der ihn offensichtlich, wie er verärgert eingestand, immer noch beschäftige.
Und plötzlich stand sie vor ihm, doch es war nicht das Bild, dass er erwartet hatte, es schien selbstständig, selbsttätig. Die rote Träne schien über ihren Lippen gefroren zu sein, doch ihre Augen waren offen und klar, und sie blickten ihn aus unendlichen Höhen an, fixierten ihn, er spürte, wie die Angst in ihm wuchs, wie das die geronnene Ordnung zu zerfließen begann, langsam, wie ein Dieb, der sich hinter seinem Rücken davonschleichen wollte, er musste sich konzentrieren, rief er sich zu, konzentrieren auf dieses Täuschbild, und er suchte einen Schwachpunkt, einen Fixpunkt, und fand ihre Augen.
Und erschrak.
Diese Augen waren nicht leer, sie waren lebendig, sie zeigten ihr Wesen, ihre Wut, ihre Trauer, und doch waren sie wie Spiegel, klarer und stärker, als er es für möglich hielt, und sie nahmen ihn gefangen, er wich zurück, sie folgten, er wand sich ab, sie drehten sich um ihn.
Und er sah sein eigenes Spiegelbild in ihren abstrakten Pupillen und erkannte sich selbst als kleines Licht, von dem dünne Fäden aus Licht zu anderen Lichtern führten, Teil des Systems, wie er lakonisch feststellte, und er sah nun durch ihre Augen, und wie in Trance folgte er seiner eigenen Repräsentation in die Vergangenheit, sah die Abhängigkeiten, die sich plötzlich aufbauten, die dünnen Fäden, die ihn wie eine Marionette von einem Moment zum anderen hatten taumeln lassen, immer nur taumeln lassen, so wie jede andere Marionette auch, und ihre Augen blieben das letzte, was er sah, bevor die Ordung um ihn herum endgültig zerbrach und das Chaos über ihm zusammenschlug wie ein rachsüchtiger Wolkenbruch, graue Pupillen, in denen sich seine eigene Bitterkeit und die ihre widerspiegelte.

„Keep me away from the wisdom which does not cry, the philosophy which does not laugh and the greatness which does not bow before children.“ – Khalil Gibran

Das Fraktale/Gewalt

geschrieben am 27. Juni 2005 um 14:09 Uhr

Es scheint mir an dieser Stelle interessant, doch noch einmal über Gewalt zu sprechen. Letztlich scheinen es wir es ja bei dem Übergriff von Die Logik des Wolfes mit einem klassischen Typus zu tun zu haben (wir werden später sehen, ob dem so ist); Gewalt geht von einem Subjekt aus, wirkt auf ein anderes; Täter und Opfer sind analog zu Ursache und Wirkung verknüpft.
In einer gewiss ironischen Lesart sind diese Umstände, diese kausal eindeutigen Relationen äußerst günstig, denn ethische und juristische Systeme stützen sich darauf. Das erscheint einleuchtend; es hat etwas stattgefunden, ein Ereignis, dass gegen gewisse Konventionen verstösst. Aufgabe von juristischen oder ethischen Systemen ist es nun unter anderem, die Schuld zu verteilen. Und wie sollte man Schuld verteilen, wenn nicht über eben diese eindeutigen kausalen Zusammenhänge?
Wie gesagt, dies gilt für den klassischen Begriff der individuellen, klar festgelegten Gewalt.
Nun, dieser setzt die unbedingte Freiheit des Individuums voraus, denn der ein solches System betrachtet den Täter quasi als „letzten Grund“, als letzten Auslöser, eben als (alleinigen!) Täter, der an nichts gebunden ist außer an seine freie Entscheidung, die Gewalt auszuüben, die er im Begriff ist auszuüben. An diese Freiheit kann ein primitives System von Konventionen vielleicht noch gebunden sein, betrachten wir aber aufgeklärt eben die kausalen Zusammenhänge, von denen ich eingangs sprach, so müssen wir einsehen, dass gewisse Zwänge, seien es Kindheit, Armut oder Krankheit, die individuelle Freiheit, also auch die Schuldfähigkeit, die Fähigkeit, Täter zu sein, beschränken.
Der klassische Ansatz mag noch funktionieren, wo es tatsächlich um individuelle Entscheidungen geht (innerhalb des Ermessensspielraums, den gegebene Zwänge noch lassen), denn dort lassen sich Ketten von Tätern/Opfern konstruieren; der „letzte Grund“ wird nur um ein paar Ordnungen in die Vergangenheit geschoben, vielleicht ist nicht mehr der Täter allein schuld, nein, auch seine Eltern erhalten ihren Teil der Schuld, usw.
In dieser Art und Weise handelt unser aktuelles Rechtssystem; es versucht, mehr oder minder ausgeprägt lange oder kurze kausale Pfeile zu konstruieren, die von der Vergangenheit bis direkt auf den Vorfall zeigen.
Ich denke, dies funktioniert in einer (bewusst) globalisiert-fraktalen Welt nicht mehr. Wir haben es heute nicht mehr mit eindeutigen Kausalketten zu tun; es gibt keine Ordnungen vom Typ Eltern-Kinder, Lehrer-Schüler, Arbeitgeber-Arbeitnehmer mehr, die uns sonst so hilfreich waren beim Verteilen von Schuld, all die schönen Dualismen lösen sich auf, denn hier wirkt alles auf alles und jeder auf jeden, in einer verwobenen, rückgekoppelten Weise. Jede Suche nach einer eindeutigen Beziehung zwischen einer Tat und ihren Ursachen führt ins Chaos, da jeder Punkt mit jedem anderen Punkt verstrickt ist, obwohl jeder Punkt dennoch singulär bleibt. Und selbst der Systemcode, von dem der Protagonist in Rotation III spricht, steht nicht darüber, im Gegenteil. Es ist wahr; kontrolliert durch die globalen Algorithmen des Sozialen und des Ökonomischen wird jedes Individuum zum Geschoss, aber die Umkehrung gilt genauso; der Rädchencode wird erst aus der Dynamik der Individuuen geboren. Auch hier ist jeder Opfer und Komplize, jeder Rädchen und Motor des globalen Systems, das sich da aufspannt.
Viele sagen, die totale Marktwirtschaft sei unbedingt abzuschaffen, da sie die Menschen zerstöre. Ich sage; das Kapital ist genau wie der Markt nicht von Gott gegeben, und wir sind schon lange über jede vorgeschobenen globalen Verschwörung hinaus, in der irgendein böser Feind das Kapital angeblich gegen uns richtet. Nein, wir sind es selber, die das heraufbeschworen haben und stetig weiter heraufbeschwören, was der Protagonist da als „den Geist des Todes“ bezeichnet.
Die Gewalt innerhalb eines solchen dynamischen Systems von sich um einander drehenden Subjekten ist nicht mehr frei oder intentionell, sie folgt nicht mehr den steten Pfaden von Wille oder Grund. Es gibt keine Opfer mehr, keine Täter, alles ist dynamisch geworden, die Gewalt, die sich da global gegen uns richtet, geht von uns selbst aus.
Die Gewalt ist im Kern strukturell, sie geht vom System selbst, von jedem Teil des Systems gleichermaßen aus und verschwindet so vollständig.
Wer ist verantwortlich für die Kriege in der Dritten Welt?
Wer ist verantwortlich für die Umweltverschmutzung, für Erfurt, für Atomkraftwerke, für Bomben, für Arbeitslosigkeit, für Verwahrlosung, für Hartz 4?
Sind es Unternehmen, Politiker, Staaten, Konsumenten?
Es sind alle gemeinsam und jeder für sich allein, und diese kausale Streuung von Gewalt macht eine individuelle Schuld unmöglich.

Anmerkung: Ein gutes Beispiel, wenn auch in kleinerem Rahmen, hat der geneigte Leser bereits direkt vor sich. Wie von allen Medien kann natürlich auch von Blogs Gewalt ausgehen; die Blogosphäre ist offensichtlich ein fraktales System, das u.a. Informationen filtert. Filtern impliziert auch immer Herausfiltern, und das impliziert Gewalt (an Information). Es ist aber unmöglich zu klären, von wem diese Gewalt ausgeht, eben weil es sich um ein fraktales System handelt.

Die Logik des Wolfes (2)

geschrieben am 27. Mai 2005 um 01:20 Uhr

Sie hatte am Morgen angerufen, mit einer ruhigen Stimme gesprochen, ein Treffen erbeten. Er war irritiert gewesen, aber er wollte, er musste wissen, was vorging, und der Klang ihrer Stimme hatte ihn dem Treffen zustimmen lassen, und er war zu ihr gekommen, und schon noch bevor sie Platz nahm war es aus ihr herausgesprudelt, es waren etwas überhastete verwirrende Satzfetzen gewesen, aber er hatte schnell verstanden, worum es ging, und sie hatte ihm von dem Jungen erzählt, von dem Brief, von ihrer Entscheidung, von dem Entzugsprogramm, von dem neuen Arzt, den sich nun einmal in der Woche aufsuchte, und von ihrem Umzug, auf Land wollte sie gehen, dort an der frischen Luft und nur für sich arbeiten, sogar etwas Triumph schwang in ihren Worten mit.
Und nun saßen sie hier, er in einem tiefen, schwarzen Sessel, sie auf einem Stuhl nur eine Armlänge entfernt, und immer noch erzählte sie, sie sprach von der Hoffnung, von dem Programm, an dem sie teilnehme wolle, von dem Entzug, sie wirkte klar und nüchtern, und dennoch stießen die Worte immer noch in einem ungebremsten Schwall über ihre Lippen, er fühlte sich an ein Kind erinnert, dass von einer der vielen kindlichen Traditionen schwärmte.
Und er hörte immer noch zu, scheinbar.
Seine Augen wandten sich von der Bücherwand, an der sie gehaftet hatten, wieder zurück zu ihren Augen, und für einen Moment gestattete er sich einen Blick auf das vage Funkeln echter Hoffnung, das langsame Aufflammen von etwas, dass er nicht kennen oder kontrollieren konnte.
Der Schlag kam von unten, wie ein Blitz, wie der kleine Funken zwischen zwei Schaltgattern eines Mikroprozessors, schnell und präzise, mit exakt der richtigen Abstimmung von Kraft und Richtung, ein einzelner Vektor, keine Ecken, keine Kanten, kein Zögern, nur ein schneller, harter Schnitt durch die Luft, so beiläufig und doch kraftvoll, dass das Leuchten in ihren Augen noch blieb, siebeneinhalb Sekunden lang, als hätte es für einen kurzen Moment den Tod vergessen.
Die Entscheidung selbst, so dachte er, war schnell gefallen, sie war obligatorisch, a priori, gewesen. Er konnte nicht zulassen, dass sie ging, dass sie seiner Kontrolle entglitt, dafür, so sagte er sich, auch wenn er das Pochen eines Zweifels hinter dieser Begründung spürte, wusste sie einfach zu viel über ihn, wer wusste, ob sie eines Tages mit den Männern in den grauen Anzügen vor seiner Tür stand, nein, hatte er bekräftigt, er konnte es nicht zulassen.
Und doch hatte er noch eintausendzweihundert lange Züge des Pendels hinter ihm dort gesessen und nichts getan, hatte nur über das Wie nachgedacht, die Herangehensweise überdacht, und er hatte dabei stumm dagesessen und sie reden lassen, einfach nur reden lassen, während er analysierte und seinen Blick über die endlosen Bücherreihen vor ihm wandern ließ.
Und schließlich war seine Augen an einem der Buchrücken haften geblieben, und er hatte sich erinnert, erinnert an eine Nacht vor vielen Nächten, in der sie hier gesessen hatte und im Rausch eines der Bücher gelesen hatte, und er hatte sich auch an die vielen wirren und düsteren Worte erinnert, die in dieser Nacht aus ihrem Mund geflossen waren wie ein reißender Strom, der sich seinen Weg durch einen tiefen Talkessel bahnte. Sie hatte von Wölfen gesprochen, von großen dunklen Männer, von der Angst, eingesperrt zu sein, und er hatte über Gewalt nachgedacht, über die seltsame Beziehung zwischen Räumen und Gewalt. Er hatte sich einen geistigen Exkurs von seiner methodischen Frage erlaubt, den Zusammenhang zwischen der räumlichen Wahrnehmung und dem Anwenden von Gewalt neu überdacht, seine eigenen Erfahrungen reflektiert.
Es stimmte, so hatte er befunden, während der Rezipient von Gewalt – er weigerte sich, in irgendeinem Zusammenhang von Opfern zu sprechen, denn es gab keine Opfer – eine Krümmung wahrnahm, ein Sich-Schließen des Täters um den Rezipienten, einen metaphorischen Kreis der Hölle, so verhielt es sich mit dem Täter umgekehrt, für ihn wurde der Raum größer, die Distanz wuchs, das Entkommen des Rezipienten – besser, die Option des Entkommens – entwickelte eine fast schon räumliche Dimension, dehnte die Abstände zwischen den beiden Subjekten.
Und dann hatte er sich ihrer Angst vor dem Eingesperrtsein besonnen und schließlich diesen Weg, dieses Wie gewählt, denn diese Methode schien die Verdrehung, diese Verkrümmung des Raumes abzumildern, zu verhindern durch Präzision und Geschwindigkeit, und in der Tat war er zufrieden, sein Arm, so hatte sein sensorisches Ich diesen winzigen Moment wahrgenommen, hatte den sich verzerrenden Raum zerschnitten, ähnlich einem Teppichmesser, dass einen Globus zerschnitt – es blieben winzige Krümmungen, winzige Spuren der Tat, kleine Dellen, topologische Unebenheiten, aber sie waren subtil, sie besaßen kein geordnetes Ziel mehr und zerfloßen in alle Richtungen.
Er hatte von diesem Schlag gelesen, vor langer Zeit schon, in einem alten Buch, dass in traditionellem Chinesisch verfasst worden war, und für einen Augenblick war er nicht sicher gewesen, ob er ihn korrekt ausgeführt hatte.
Ein gewisser Stolz mischte sich in die Leere seines Selbst. Er blickte in ein bleicher werdendes Gesicht, dessen Augen sich geschlossen hatten, schön und still, ein kälter werdendes Lächeln auf den Lippen, fast wie im Schlafe.
Es war perfekt gewesen, dachte er. Der Angriff war nicht von Emotionen geleitet worden, von Wut oder Trauer. Auch nicht von Rationalität, von Warum und Weil. Die Quelle dieses Schlags war er selbst gewesen.
Es war perfekt gewesen, dachte er noch einmal voller Bewunderung, dann floß eine einzige blutrote Träne aus ihrer Nase, in langsamen, kriechenden Bewegungen, und zerstörte sein Bild. Noch einmal pochte der Zweifel leise in seinem Hinterkopf, pochte auch in dem Arm, der jetzt schmerzte vom Brechen des dünnen Knochens.
Er schob es auf die seltsamen Umstände und stand auf, um sie wegzuschaffen.

„Die meisten Menschen sind Mörder. Sie töten einen Menschen. In sich selbst.“ – Stanislaw Jerzy Lec

Erwachen/Systeme (1)

geschrieben am 19. Mai 2005 um 01:16 Uhr

Von hier oben konnte er auf sie herabschauen, er gewann einen Überblick über das System unter ihm, und in gewisser Weise spiegelte der erhabene Standort dieser Brücke sein inneres Verhältnis zu dem unter ihm wider, und so schien sie ihm ‚angemessen‘, seiner Person angemessen, seinem Zustand, seiner Position angemessen.
Aus diesem Grunde – und, wie ihm bewusst war, aus einigen anderen, praktischen, fast pragmatischen Gründen – stand er oft hier und blickte auf den Platz herab, den die Brücke bedrohlich hoch überspannte, fühlte die fragile Mischung aus Ekel und Bewunderung und einigen anderen Emotionen, vielleicht die Mixtur, die ein Jäger vor dem Tigergehege fühlte, in einem Zoo.
Ja, vielleicht war der Ausdruck Zoo ‚angemessen‘ für diesen Platz.
Seine gepflegt und jung wirkenden Hände vollzogen einige schnelle, präzise Bewegungen, zogen eine Schachtel und ein Feuerzeug aus seiner Manteltasche, entzündeten eine der Mentholzigaretten. Er ließ die Asche achtlos über die Brüstung rieseln.
Und wieder blickt er nach unten.
Die Menschen verloren sich dort unten auf ihren endlosen Pfaden, auf ihren kleinen, kurvigen Wegen über den Platz, und von der Brücke aus wurden sie zu einer undefinierbaren, fraktalen Masse, in der das Individuum als singuläre Erscheinung verschwand, zu einem statistischen sample von Systemzwängen und Marketingstrategien wurde. Sanft zog er noch einmal an der Zigaretten.
Der Platz war eingerahmt, er korrigierte sich, er entstand erst durch die umliegenden Bürogebäude, die in einem zynischen Zug den Platz sowohl schuffen als auch permanent zu bedrohen schienen, und so wirkte der Platz auf den Betrachter kleiner, als er tatsächlich war. Vielleicht war das Absicht gewesen, dachte er amüsiert, vielleicht hatten die Architekten dieser Konstruktion diesen seltsamen Widerspruch absichtlich realisiert, damit die Menschen ein wenig schneller über den Platz liefen, wenn sie zu arbeiten hatten. Er musste an ein Buch denken, das zwischen vielen anderen ähnlichen Büchern in seinen Regalen standen, geschrieben von einem wirren, zerstreuten Geist, und doch von einer merklichen Wahrheit hinter seinen Worten beflügelt.
Das Logo, dass in immer blankpolierten, spiegelnden Farben über jedem Eingang der Gebäude prangte, war überall gleich, was ihn zu der Vermutung geführt hatte, dass jedes dem gleichen Unternehmen gehörte, er wusste nicht, wie es hieß, aber letztlich war das auch irrelevant, irrelevant für ihn und vermutlich sogar für die Menschen unter ihm, denn die Arbeiten, die sie verrichteten, folgten keinem offenen Plan mehr, keiner Richtung, sie waren nunmehr Rädchen in einem System von größeren und kleineren Rädchen, und wie jedes gute Zahnrad gaben auch sie sich der Indifferenz preis.
Früher hatte er sich manchmal sogar gewünscht, auch nur ein Rädchen zu sein. Heute war das anders.
Er ließ den Zigarettenstummel fallen.
Vor langer Zeit war er wie sie gewesen. Je häufiger er hier stand, desto stärker war ihm das bewusst gewesen, und er nahm davon zunächst beunruhigt Kenntnis, bis er darin seine eigene Überlegenheit erkannte.
Sein altes Ich erkannte er oft wieder hier, vor allem in all den Fluchtwegen, die ein Zahnrad zu nehmen versuchte, wenn es kein Zahnrad mehr sein wollte. Und so sah er manchmal einen oder zwei Menschen dort unten, die anders waren; sie trugen eine Krawatte von anderer Farbe, manchmal auch ein im Genick verstecktes Tatoo, genau auf Höhe des Kragens, aber immer noch zu entdecken, vielleicht ein kleines Gerät, dass die anderen nicht besaßen, manchmal etwas Ausgefalleneres, und für einen Moment waren diese Menschen anders, sie blickten sich um, während sie über den Platz liefen, in ihre Augen kehrte der Glanz des Individuellen zurück, ein bisschen so, als ob Leben in einen toten Körper zurückkehrte. Er kannte den Zahnrädchencode, wie er es nannte, den Code of Conduct des Unternehmens nicht, aber manche dieser Trends verschwanden wieder, viele schon nach Stunden, oder aber die Menschen verschwanden, die sie auslebten. Andere schienen den Code of Conduct auf so subtile Weise zu unterminieren, dass sie blieben, sich verbreiteten, sich in einer Form von viraler Kontamination reproduzierten, bis schließlich jedes Wesen dort unten davon infiziert war – und die Individualität wieder erlosch. Genauso war auch er einmal gewesen, hatte das Stück Individualität gesucht, dass ihn seiner selbst versichern konnte, zuerst in den Medien, auf Musiksendern, später in Büchern, dann in Drogen, doch überall war die Form viraler Kontamination vorhanden, die er auch hier fühlte, und deshalb war er gescheitert, immer wieder gescheitert, aber das war in einem anderen Leben gewesen. Er konzentrierte sich auf die Pfade, mit denen die Menschen ganz im Sinne des Systems den Boden überzogen, abstrakte Muster, die eine zielgerichtete Geschäftigkeit symbolisieren sollten, die im Realen keine Entsprechung fand, denn kaum einer der Menschen dort unten wusste, warum er eigentlich das tat, was er tat, sie alle waren winzige Teile eines winzigen Prozesses in einer verschachtelten Welt von Prozessen.
Oft hatte er darüber nachgedacht, das Problem wieder und wieder überdacht, und er war zu der Überzeugung gelangt, dass diese Form zeitlich begrenzter Individualität die Strategie eines Meta-Rädchencodes, des Systems selbst war, eine weitere Art von Kontrolle darstellte.
Er erfühlte die Präsenz eines anderen hinter ihm und drehte sich mit der Beiläufigkeit eines Unbeteiligten um, blickte in die hungernden Augen eines Menschen im schwarzen Anzug.
Wie dieser Mann hatte auch er sich nicht mit einfachen Trends, einfachen Variationen des Gegebenen zufriedengegeben, nein, er hatte weitergesucht, nach Erfahrungen, die die Grenzen des Normalen – seiner damaligen Sichtweise nach – sprengen mussten, und er hatte viel zu viel genommen.
Diesen Mann kannte er, er gab ihm nur noch einige Wochen, bis er aus dem System fallen würde, gab ihm deshalb nicht die übliche Menge, sondern eine gestreckte Dosis. Vollzog den Austausch in einer ruhigen, bedachten, aber nicht übermässig angespannten Geste und konzentrierte sich dann wieder auf den Platz. Eigentlich musste er nicht mehr selber diesen Job machen, er tat es dennoch, er wusste nicht warum, und es war tatsächlich nicht relevant für ihn. Vielleicht war es eine perverse Freude an dem, was seinen Kunden geschah, vielleicht auch nur Langeweile, vielleicht auch ein bisschen die Arroganz der Überlegenheit, die er für sich selbst zu Schau stellen konnte, er konnte es nicht entscheiden und es war für seine Tätigkeit auch nicht wichtig.
Noch einmal blickte er Mann in dem schwarzen Anzug nach, er konnte nie wissen, wie jemand in seinem Zustand reagierte. Er grinste. In gewisser Weise garantierte der Tod seiner Kunden oder ihr Abdriften ins Bewusst-Lose seine eigene Sicherheit; verraten konnten sie ihn sicher nicht, und das beruhigte ihn.
Oft dachte er, die Regeln des Spiels seien sehr einfach; jeder in diesem System dort unten konnte wählen, konnte die Anpassung wählen, die den Konformismus, die Selbstaufgabe und schließlich den Tod den Geistes oder, in einer absurden Beibehaltung des Sinnes, den Geist des Todes implizierte.
Oder er konnte die Rebellion wählen, die Auflehnung, das Aufbegehren, vielleicht, weil diesem System gewisse abstrakte Konzepte fehlten, die manche als ‚menschlich‘ bezeichneten, er bewunderte die Naivität dieser Forderungen, doch diese Menschen landeten schließlich auf Kanälen, die das System unsichtbar bereithielt, bei ihm, und das würde den Tod ihres Körpers implizieren, und nichts war gewonnen. Ein geringfügiger Teil seiner Persönlichkeit fühlte sich mehr zur Rebellion hingezogen, aber das war verständlich, so dass er es geschehen ließ, und er dachte an das Mädchen, dass ihn oft besuchte, eine Kundin, eigentlich, aber auch Ausdruck dieser geringfügigen Rest-Sympathie, denn er ließ sie selten zahlen, zumindest nicht mit Geld, wie er lakonisch feststellte. Sie ähnelte den anderen Rebellen sehr, sie schien die Epoche der Bedeutungslosigkeit durch Deutungslosigkeit auflösen zu wollen, diesen Satz hatte er einmal gelesen und fand ihn passend.
Und es gab den dritten Weg, den Weg, den er gegangen war, allein, als einziger, und schon das machte seine Überlegenheit aus, fand er. Er stand immer außerhalb, gehorchte nur seinen Regeln, und das war es, was ihn so von den Menschen dort unten unterschied, ihm diktierte kein System von ethischen, sozialen und medialen Systemen seinen Weg, sie konnte ihm nichts mehr anhaben, er hatte den Durst nach Individualität irgendwann aufgegeben und war so zum Individuum geworden, er war das corrupted file geworden, der unverdaubare Datensatz für die globalen Algorithmen dieser Zeit.
Manchmal kam es ihm fast so vor, als wäre es nicht die Brücke, die den Platz überspannte, sondern er selbst, mit je einem Fuß auf den sich gegenüberliegenden Konzerndächern. Der Gedanke gefiel ihm, und er verweilte noch ein wenig bei ihm, als er sich auf den Weg zurück machte, weg von der Brücke, weg von den Konzerngebäuden.

„Die höchste Erkenntnis tut ab die Erkenntnis, höchste Liebe vergisst die Liebe. Höchste Tugend ist nicht Tugend.“ – Lü Bu We