Eine Anmerkung

geschrieben am 11. März 2008 um 13:04 Uhr

Kommentare sind immer gern gesehen – beteiligt euch! 🙂

/btw (4)

geschrieben am 28. Februar 2008 um 13:17 Uhr

Wer hasst, braucht keine Gründe, doch nichts berechtigt zu mehr Willkür als aufrichtige Gleichgültigkeit.

Kleine Änderung

geschrieben am 27. Februar 2008 um 22:47 Uhr

Ich habe die Kategorien aus dem Titel aller Texte gelöscht. Es war irgendwie überflüssig, diese jedes Mal zweimal einzufügen.

Nach einer Nacht in Genf

geschrieben am 17. Februar 2008 um 01:25 Uhr

Städte wie diese enthüllen die ungeheure Dichte an Geschichten, die ständig an jedem Ort geschehen; die kleinen wie die großen, die alltäglichen Geschehnisse wie die lebensumwälzenden Dramen. Die Enge der Gassen; die dicht gedrängten Fenster und Balkone; die Lichtermeere an den Ufern des Sees; all diese Details erzeugen den Eindruck, vor etwas Großem, Unvermittelbarem zu stehen, vor einem Gewirr an Stimmen, Namen und Richtungen, das niemand enträtseln kann.

Sieht man die Gebäude nur als ebensolche, als tote Skelette, Konstrukte einer längst vergangenen Kultur vielleicht, dann erscheint diese Enge, diese Dichte als etwas Homogenes; dann besitzt jede Stadt den Charakter eines toten Bienenstocks, dessen leere Waben schon immer nur Identisches beinhalteten, oder zumindest sehr Ähnliches. In dieser Vorstellung wird aus dem vielstimmigem Chor der Geschichten nur eine einzige, leere Stimme; leer, weil sie schon lange verklungen ist, nur die Waben sind übrig. Ganz so, als ob jede unserer Geschichten dazu verdammt sei, von jeder anderen ununterscheidbar zu sein. Als wären wir selbst immer nur Variationen ein und desselben Dings, ein und derselben Honigbiene. Das scheint erschreckend und intuitiv zugleich; wie sonst könnten wir so symmetrische, selbstähnliche Formen wie Städte schaffen?

Gerade deshalb ist es etwas Seltsames – und vielleicht Schönes – an uns Menschen, dass es sich doch anders verhält. Hinter den augenscheinlich gleichen Waben, Parzellen, Gardinen, Zimmern, Appartements stecken immer ganz verschiedene Geschichten. Es gibt keine Homogenität in den Erzählungen unserer Leben, aber auch keine Identität, keine Getrenntheit; hinter den scharfen Grenzen unserer Lebensräume schneiden sich unsere Lebenswelten. Sie kollidieren, überlappen, divergieren, vereinen sich, immerzu. Und auch deshalb bleibt Architektur ein Rätsel.

Blacksuit

geschrieben am 19. Januar 2008 um 20:17 Uhr

Er hatte die im alten Design gehaltene Kreditkarte schon zweimal in den Kartenleser des Kassenautomaten geschoben, doch der Fehler in dieser Szene fiel ihm erst auf, als die ebenfalls absichtlich altmodische gehaltene Maschine auch beim dritten Versuch jede Zahlung verweigerte. Es war weder nötig noch sinnvoll, die alten Maschinendesigns und die längst nutzlosen Plastikkarten zu verwenden, die Zahlautomaten waren davon schon lange nicht mehr abhängig, aber aus Gründen der Ästhetik hatte man sie beibehalten; dennoch stand im Display des Automaten natürlich nichts von einer abgelaufenen oder überzogenen Kreditkarte, sondern nur
IDENT-PIN ungültig.
Und so blieben auch die Türen des Supermarktes verschlossen, solange er den Korb mit den Einkäufen im Arm hatte. Manchmal hatten Geräte dieser Bauart Fehlfunktionen, so dass man ein zweites Mal den Schlüssel übertragen musste. Doch noch nie hatte er es erlebt, das das System dreimal versagte. Er erwartete daher, dass es eine Art von Rückmeldung an die Zentrale oder einen Wachdienst geben würde und blieb verwirrt im Ausgangsbereich stehen. Sein Blick wanderte unschlüssig über die Maschine, den Boden und fand schließlich in den elektronischen Spiegel an der Wand hinter der Kasse. Einen Moment dauerte es noch, bis er das Ungeheuerliche in der digitalen Reflexion erkannte, doch dann fiel ihm der Fehler auf und er erschrak.
Das im Spiegel – das war nicht er selbst. Er korrigierte sich; natürlich war er es selbst. Seine echte Identität war verborgen unter der Blacksuit, die sein Aussehen, seine Stimme und seine Kleidung von Kopf bis Fuß frei konfigurierbar machte, aber das dort im Spiegel – das war auch keine seiner künstlichen Identitäten. Wie die meisten Menschen hatte er etwa ein halbes Dutzend davon, verschiedene für die jeweiligen Anlässe; dazu selbstverständlich auch zehn bis zwanzig verschiedene Kleidungssets, schließlich wollte er ja nicht immer die gleiche virtuelle Kleidung tragen. Was er jedoch dort im Spiegel sah, das war keine seiner digitalen Identitäten. Täuschte er sich? Er ging einen Schritt auf den Spiegel zu und sah genau hin. Nein, dieses Gesicht hatte er sich sicher nicht ausgesucht. Er hatte den JohnD_12AX-Skin übergeworfen, als er sich auf den Weg gemacht hatte; den mit dem schwarzen Sakko, oder mit dem weißen, das wusste er nicht mehr genau. Auf jeden Fall hatte er sicher nicht diesen Skin gewählt; er hatte jetzt das Gesicht eines Matrosen oder Kriminellen, mit tiefen, harten Konturen und einigen kaum verborgenen Narben. Die Kleidung war abgewetzt und größtenteils aus Lederimitat; solche Skins wurden allenfalls zum Spaß getragen, aber sicher nicht beim Einkaufen. Vielleicht war beim Einschalten des Skins etwas schief gelaufen. Er überprüfte die Anzeigen, die der Anzug in sein Auge projizierte; es gab keine Fehlermeldungen. Mit einigen durch die Jacke verborgenen Bewegungen seiner Finger startete er das Diagnosemodul.
Ungültige IDENT-PIN. Diagnose abgebrochen
flüsterte eine leise Stimme aus der Blacksuit.
Er wechselte zur Skinauswahl, und zu seinem Erstaunen fand er in der Liste keinen Oberflächenskin, der ihm auch nur annähernd bekannt vorkam. DESC_4r hieß der, den er gerade auftrug. Er wählte einen der anderen aus und bestätigte die Umstellung, um das System zu testen.
Ungültige IDENT-PIN. Skinwechsel abgebrochen.
Wieder die leise Frauenstimme, der alte Kassenautomat grinste ihn mißmutig an.
Er hatte den falschen Anzug an, das war die Erklärung, anders konnte es nicht sein. Aber wie konnte das sein? Er suchte nach dem Statusbericht des Anzugs, dort war der echte Besitzer für gewöhnlich eingetragen. Eigentlich sollte man den Vollanzug nicht einmal schließen können, wenn man nicht der Besitzer war, aber auch solche Fehler konnten sicher geschehen, auch wenn er davon noch nie gehört hatte.
Eigentümer: n/a – Bitte natürliche Identität angeben.
Ein leerer Anzug, vielleicht war einfach der Speicher gelöscht worden.
Er wählte die Zeile, gab seine IDENT-Nummer ein und bestätigte. Ein Symbol am oberen Rand zeigte an, dass die Eingabe gepüft wurde.
Identität nicht gefunden. Bitte achten Sie auf die Groß- und Kleinschreibung bei der Eingabe ihrer IDENT.
Er überprüfte seine Eingabe zweimal; es konnte nicht sein, es musste die richtige Nummer sein; A12Doring. Er gab sie erneut ein und bestätigte.
Identität nicht gefunden. Bitte wenden Sie sich an den zuständigen Systemadministrator.
Er begann sich vor dem Anzug zu gruseln. Er sah sich um; er war der einzige Kunde. Dann griff er nach der Verriegelung des Kopfendes. Wenn der Anzug eingeschaltet war, konnte man sie nur fühlen und nicht sehen. Eine Weile tastete er über die künstlichen Haaren, die künstliche Stirn, die künstlichen Ohren.
Er fand ihn nicht, er war nicht da; hektisch zog er am Haaransatz, wo die unsichtbare Kapuze des Anzugs mit dem Rest der Suit verbunden war, riß daran, bis die ganz Stirn schmerzte . Es half nichts.
Ausstieg verweigert, ungültige IDENT-PIN. Bitte geben Sie ihre natürliche Identität an.
Die Angst in ihm wuchs. Warum ließ es ihn nicht hinaus? War war mit seiner Identität geschehen? Er gab sie noch einmal ein, diesmal geschah etwas.
Ihre Identität ist nicht existent. Es wird eine Verbindung zur Hotline hergestellt.
Er sah, wie der Anzug den Code wählte.
>>Blacksuit Support, Guten Tag, bitte schildern sie das Problem.<< sagte eine blecherne Frauenstimme am anderen Ende der Leitung, er war sich nicht ganz sicher, ob er mit einer Frau oder einem Computer sprach. Er erklärte seine Lage, das Wesen am anderen Ende der Leitung schien einige Sekunden nachzudenken (oder zu rechnen).
>>Es tut mir leid, aber ich kann sie tatsächlich nicht in der Datenbank finden…<<, sie stockte, >>da scheint es doch einige… Anomalien in ihrem System zu geben. Von hier aus kann ich das Problem nicht lösen, sie sollten auf dem schnellsten Weg die nächste Filiale aufsuchen.<<
Er sah, wie der Routenplaner aufgerufen wurde, sie hatte die Adresse schon eingegeben.
>>Ich hoffe, Blacksuit Kreditkarten konnte ihnen helfen und bedanke mich für das Gespräch, Herr Doring.<<
Er stutzte.
>>Wie haben sie mich gerade genannt?<<
>>Doe. Oh, das ist die Firmenpolitik; solange ihre natürliche Identität nicht zweifelsfrei geklärt ist, werden sie von uns unter dem Namen John Doe geführt. Fassen sie das bitte nicht als Herabwürdigung auf.<<
Sie trennte die Verbindung. Der blinkende Pfeil vor seinen Augen wies den Weg zur nächsten Filiale. Alles würde in Ordnung kommen, wenn er dort war; er beruhigte sich wieder etwas. Er stellte den Einkaufskorb ab, die Tür öffnete sich. Auf der Straße angekommen folgte er den Pfeilen.
Es waren nicht viele Menschen unterwegs, aber diejenigen, die er sah, wechselten die Straßenseite, wenn sie an ihm vorbeikamen. Er erkannte einen Nachbarn, oder zumindest glaubte er, dass sich unter der Oberfläche einer seiner Nachbarn verbarg. Der Zweifel begann an ihm zu nagen; was, wenn sie seine Daten wirklich verloren hatten? Wenn sie ihm nicht glauben würden? Das war so gut wie unmöglich, das wusste er. Wenn sie den Anzug entfernen würden, könnten sie sicher feststellen, wer er war. Aber dennoch; er hatte Angst. Was, wenn nicht? Wenn er unter dieser grässlichen Oberfläche gefangen bleiben würde? Seine Knie fühlten sich seltsam weich an.
Plötzlich wollte er nicht mehr allein dorthin gehen; seine Wohnung lag beinahe auf dem Weg, und so beschloss er, den Umweg in Kauf zu nehmen. Im Routingmodul fand er den Weg dorthin nicht – natürlich nicht, der Speicher war ja gelöscht worden. Also musste er sich mit einiger Mühe selbst orientieren.
Nach einer Weile bog er entgegen der Pfeilrichtung in eine Querstraße ab, die ihm bekannt vorkam; Alle drei Sekunden wies ihn die Stimme des Anzugs darauf hin, dass er umdrehen solle, er konnte es nicht abstellen.
Zu seiner Überraschung fand er das Haus sofort. Im Flur stank es nach Urin, das war ihm auf dem Weg nach draußen nicht aufgefallen. Vermutlich war auch das eine Fehlfunktion des Anzugs. Seine Hände zitterten leicht, als er auf den Summer drückte; das Schloss ließ ihn auch hier nicht passieren. Für einen Moment hörte er kein Geräusch aus der Wohnung, und er dachte darüber nach, ob er vielleicht an der falschen Tür geklingelt hatte. Dann jedoch hörte er Schritte. Die Tür öffnete sich, und seine Frau stand dahinter, in dem Skin, den sie zu Hause immer trug. Er war ihrer natürlichen Identität nicht unähnlich, nur waren die Konturen ihres künstlichen Gesichts etwas weicher, und ihre Augen hatten eine andere Farbe.
Er lächelte, bis er bemerkte, dass es nicht sein Lächeln war, sondern ein fremdes. Sie sah ihn verständnislos an.
„Ich weiß, ich sehe seltsam aus, aber es gibt da einige Probleme mit dem Anzug. Ich muss zur Reparatur in die nächste Filiale, aber ich möchte nicht allein gehen…“. Seine Frau legte den Kopf schief.
„Wer sind sie denn?“ fragte sie, er hörte die Angst dahinter auch durch die künstliche Stimme hindurch, und ihm wurde etwas schwindelig.
„Ich bin es, dein Mann.“
„Wer? Ich habe keinen Mann.“ antwortete und zog die Tür ein wenig weiter zu.
„Liebling, ich bin es. Erkennst du mich nicht?“
„Ich hatte nie einen Mann“ sagte sie tonlos und mehr zu sich selbst, dann schlug sie die Tür zu.

„Ich hatte nie einen Mann“, sagte sie tonlos und er sah sich wieder im digitalen Spiegel des Supermarktes. Sein Kopf war ein Bildschirm und der Körper darunter steckte immer noch in dem grässlichen, falschen Skin. Der Kassenautomat hatte nun Augen und bediente sich selbst mit dünnen, metallischen Ärmchen, die aus der Verkleidung ragten.
A12Doring tippten sie auf der veralteten Tastatur, er sah die Zeichen in der Spiegelung des Bildschirms auf seinen Schultern. Die Zahlen verschwanden wieder, Identität nicht existent, bitten achten sie auf die Groß- und Kleinschreibung bei der Eingabe ihrer IDENT.
Seine Frau stand vor der verriegelten Ausgangstür und lächelte ihn und den Automaten seltsam an, ihr Mund öffnete sich,

Er erwachte auf der Türschwelle und sah die Köpfe zweier Männer mit identischen Gesichtern über sich, identische Skins bis auf die Kleidung. Der mit dem schwarzen Sakko sah ihn durchdringend an,
„Wir sind von der Wache.“ sagten die beiden fast zeitgleich mit ähnlichen Stimmen.
Der im schwarzen Sakko beugte sich zu ihm herunter;
„Wir nehmen sie fest aufgrund des Verdachts der Nicht-Identität“, er überlegte einen Moment, „sie sind nicht sie selbst.“, fügte er erklärend hinzu, im Hintergrund hörte er seine Frau leise mit dem anderen Agenten sprechen.

Sie lächelte fast hämisch, ihr Mund öffnete sich.
„Ich weiß ein Geheimnis…“ sagte sie, dann begann ihre Gestalt sich zu verändern.
Der Kassenautomat gab weiter stakkatohaft Zeichen ein, immer wieder. Auf dem Monitor, der einmal sein Kopf gewesen war, blinkte im selben Rhythmus
Doring nicht existent.
Für einen Moment erkannte er in den verzweifelten, aufgeklebten Augen der Maschine seinen eigenen blauen Augen, aber dann wurden sie grün, braun, rot, schließlich farblos.
Die Schultern der Frau wurden breiter, ihre Brust schmaler, ihr gelbes Kleid wurde kürzer und immer heller, alles zugleich, und nach einem Augenblick hatte sie den Skin der Agenten übergeworfen.
„Ich weiß ein Geheimnis“, flüsterte sie, „es gibt keine Blacksuit.“

„Seine Persönlichkeit destabilisiert sich, wir müssen die Suit jetzt entfernen.“ Er blickte an die Decke, dort war der Name Blacksuit Corp. eingraviert, in einem sich wiederholenden Muster. OP-Licht blendete ihn. Ein Mann stand neben ihm und hielt ein Skalpell in den Händen. Er sah auch die beiden Agenten mit den gleichen Gesichtern, der eine im schwarzen Sakko, der andere im weißen, der eine blickte ihn ernst an, der andere lächelte.
„Wir nehmen sie fest wegen des Verdachts der Nichtidentität. Sie sind nicht sie selbst.“ sagte der eine. Seine Arme und Beine waren an den medizinischen Stuhl gefesselt, auf dem er lag, er sträubte sich gegen die Ketten, als der Arzt noch einen Schritt auf ihn zu ging.

Sie lächelte ihn und den verzweifelnden Automaten hämisch an, „Es gibt keine Blacksuit.“

sagte der Agent im weißen Sakko, sein Kollege schien ihn nicht zu hören.
„Wir müssen jetzt anfangen.“, der Arzt setzte das Messer auf seine Brust, er tobte und schüttelte sich, riss mit aller Kraft an den Fesseln.
„Sie sind nicht sie selbst.“ sagte das schwarze Sakko,
der andere Agent lächelte still,
„Es gibt keine Blacksuit.“ flüsterte er noch einmal.
„Sein Anzug destabilisiert sich, wir müssen die Persönlichkeit jetzt herausschneiden.“ kreischte der Arzt, er hörte seine eigene fremde Stimme schreien, aber seine Schreie klangen wie das Wählgeräusch eines alten Modems,
„Sie sind schuldig des Vergehens der Nicht-Identität“, der Agent überlegte oder rechnete einen Moment,
„Sie sind nicht sie selbst.“
Es gibt keine Blacksuit.
Er brüllte vor Schmerz –

Sie sind nicht sie selbst.
Es gibt keine Blacksuit.

Es g7bt keiAe Black4uit.
Sie siBd nicFt sie sel5st.

A7 A767 F19AE 136A4F5F
1BC 4BDC 163F5 354 AD56B

1010001100 0111001110 1110001110 1001010111 1100101010 10101011111 101101000 000000111
1100101010 10101011111 101101000 000000111 1010001100 0111001110 1110001110 1001010111

Runlevel 0. System halted.

Erwache, Nichts.

Wahnsinnstat

geschrieben am 15. Januar 2008 um 00:40 Uhr

Glas und Metall. Glas und Metall.
Er hatte es als Kind gern getan, obwohl seine Eltern ihn oft dafür gescholten hatten, und jetzt musste er wieder daran zurückdenken: Wenn man mit einem spitzen Gegenstand über Glas schrammte, mit einem Stück Metall oder Stein etwa, so verursachte man kleine Kratzer in der Oberfläche, winzige Risse in der Oberfläche, die man nur bemerken konnte, wenn man sie bei gutem Licht betrachtete. Für das bloße Auge waren es dann immer noch bloße Schmarren, kleine Narben im makellosen Gefüge, die sich nur auszeichneten, weil sie das Licht in einem anderen Winkel brachen als die umliegende, plane Oberfläche. Unter einem Mikroskop dagegen sah dieser kleine Kratzer aus wie die Folge einer Naturkatastrophe: Riesige, zerklüftete Hänge konnte man sehen, mit rissigen Graten darin und unzähligen, fein verästelten Abgründen. Hatte man das Glas zuvor grob genug behandelt, so hatt sich der Grund dieses scharfkantigen Gebirgskessels sogar ganz verflüssigt, für einen Moment, und man sah dort unten auf eine wieder erstarrte, rundliche Mondlandschaft. Bei entsprechender Beleuchtung konnte man vielleicht sogar die Spannungen im Gefüge sehen, in einem schillernden Farbengewirr. Dann waren die apokalyptischen Kräfte zu sehen, die an den Ausläufern der winzigen Canyons zerrten, sie zu zermalmen drohten, und vielleicht wünschte man sich dann, das Glas nie berührt zu haben.
Doch wie so oft blieb auch hier das Wesentliche dem Auge verborgen, denn eine harte Spitze verursachte nicht nur diese oberflächlichen Verwüstungen, das wusste er jetzt. Man erkannte es schon am Geräusch, das der Gegenstand verursachte, an dem sengenden Klirren und Heulen und Quietschen, das Glas – es schwang.
Natürlich konnte man das nicht sehen, dafür geschah es zu schnell, aber das Glas vibrierte tatsächlich, Tausende Male pro Sekunde wurde es hin und her gerissen, von links nach rechts, von oben nach unten, er wusste das aus seinen Büchern.
Meist, ja meist, da erschöpfte sich dieses Vibrieren in dem nervenzehrenden Kreischen, an das man sich nie gewöhnen konnte.
Doch manchmal, da geschah etwas anderes. Vielleicht war da schon der ein oder andere Makel im Glas gewesen, der es im Inneren ein wenig geschwächt hatte, immer noch ein wenig mehr. Vielleicht war es auch zu lange falsch gelagert worden, zu kalt oder zu feucht oder zu warm. Es mochte die Spannung in einem dieser kataklystischen Canyons sein, oder auch nur die Ermüdung des Materials:
Man fuhr wieder über das Glas, mit einem Schraubenzieher vielleicht, und schrammte kleine Narben hinein. Wieder wehrte sich der Stoff, kreischte laut auf – vibrierte. Das Glas schwang, und an einer ganz gewöhnlichen Linie, einer ganz gewöhnlichen,
Brach es plötzlich.
Es riß ganz und gar auseinander, brach in tausend klirrende, verlorene Scherben, die sich ihren eigenen Weg suchten, ganz allein, zu Boden fielen mit ihren scharfen Kanten und den schneidenden Ecken: Selbst wenn man es versuchen würde, man könnte die Bruchstellen nie wieder kleben. Es blieb zerborsten.
Das war schrecklich, war immer schrecklich, aber ist es einmal so weit gekommen, kann man nichts davon wieder rückgängig machen. Und genau das war wohl mit dem Glas geschehen, aus dem er bestand, und niemand konnte daran noch etwas ändern. Das dachte er, dann begann er zu schießen.

Drei Jahre bad_indicator: Ein langer Weg…

geschrieben am 10. Januar 2008 um 12:31 Uhr

von dort nach hier. 😉

Vielen Dank an alle mehr oder minder treuen Leser.

edit:

Wo wir gerade schon feiern; vermutlich am Ende des ersten Quartals wird eine stark überarbeitete Fassung der System/Kreis-Trilogie als Buch erscheinen, wenn auch natürlich nicht bei einem großen Verlag 😉
Weitere Informationen gibt es zu gegebener Zeit.

Ein Gebäude (3)

geschrieben am 5. Januar 2008 um 00:45 Uhr

Wenn er nachts durch die Flure schleicht, dann bleibt er ab und zu stehen und horcht: Er schaut links und rechts die Gänge hinunter. Manchmal bleibt er auch unvermittelt stehen und lauscht auf etwas, dass nur er hören kann. In diesem Gebaren hat er eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Katze. Er bewegt sich kaum so geschmeidig wie eine Katze, aber ebenso leise; vielleicht ähnelt er auch eher eine Ratte, die mal hier, mal dort schnüffelt und etwas Essbares zu erspähen sucht; ja, eine Ratte, das kommt auch seiner Gestalt recht nahe.

Früher, als noch alles anders war, da war er ein recht hochgewachsener Mann mit einem etwas dümmlichen, aber klaren Ausdruck in den Augen gewesen: Etwas besonderes war er nie. Seine Vergangenheit war, inzwischen sogar für ihn, nicht der Rede wert; irgendwann nach einer mittelmäßigen Karriere als Kleinkrimineller hat er einmal angefangen, als Hausmeister zu arbeiten, und das tut er immer noch. Ein gewisses Geschick für die kleinen technischen Dinge war ihm schon immer gegeben gewesen, und so konnte er in diesem Beruf einigermaßen über die Runden kommen. Vor diesem Gebäude hat er schon viele andere betreut, Facility Management nennt man das heute, aber das weiß er nur aus seinem Arbeitsvertrag, und an den denkt er nur selten.
Die Menschen, die ihn heute noch sehen, haben seine Veränderung kaum erkannt; sie meiden ihn, wenn sie können, ansonsten sind sie so freundlich wie nötig, um das zu bekommen, was sie von ihm brauchen; meist Hilfe bei verklemmten Türen, streikenden Steckdosen, verstopften Abflüssen, Blutflecken im Flur.
Auch er selbst ist sich der Veränderung nicht immer bewusst; noch kann man von einem Leben sprechen, dass er lebt, vielleicht werden es einmal zwei verschiedene werden, die nichts voneinander wissen. Physisch gesehen ist er in jedem Fall immer noch eine Einheit, auch wenn sich sein Aussehen verändert hat; Sein Rücken ist ganz krumm geworden in den wenigen Jahren, die er hier schon arbeitet. Die Schultern geben langsam der fehlenden Spannung der Nackenmuskeln nach und haben sich dicht an das Rückgrat gelehnt, und so macht er den Eindruck eines alten Kirchenschiffs, das langsam in sich zusammensinkt. Die Augen sind meist blutunterlaufen und liegen in tiefen Kratern, im Halblicht der nächtlichen Beleuchtung kann man sie kaum erkennen. Manche der Schwestern tuscheln, er trinke, aber das stimmt nicht.

Aber nicht nur er hat sich verändert; auch alles um ihn herum ist anders geworden. Als die seltsamen Selbstmorde begannen, war er es gewesen, der Gitter vor den Balkonen anschraubte. Doch danach waren immer wieder Menschen vom Dach in den Tod gestürzt, und niemand konnte es sich erklären; Studenten waren unter den Toten, Ärzte, Patienten, Schwestern. Die meisten hatten sich gegen Morgen das Leben genommen, meist während eines langen Bereitschaftsdienstes oder nachdem sie einige Stunden geschlafen hatten. Inzwischen ist das der Grund, warum immer mehr Angestellte das Gebäude verlassen und nicht wiederkommen. Auch die Patienten meiden das Gebäude, wenn es möglich ist. Einen Teil der Bettenhäuser hat man schon stillgelegt, weil es nicht genug Personal gibt. Die wenigen, die bleiben oder bleiben müssen, weil sie keine andere Anstellung finden, leisten nur ungern Nachtdienste; manche munkeln, es spuke in dem Komplex. Die Ärzte, die Schwestern, ja sogar schwer kranke Patienten versuchen sich in der Nacht mit Fernsehen, Spielen und Aufputschmitteln wach zu halten, um ja nicht einzuschlafen: Mit trüben Augen und leerem Blick wanken sie dann durch die Gänge, starren auf die Uhren, warten, gehen, warten.

Es gibt nur noch einen, der in diesem Gebäude schläft, und das ist er, der Hausmeister. Er ist schon immer von einfachem Gemüt gewesen, und auch deshalb ist er sich dessen gar nicht so recht bewusst. Es fing ganz kurz nach den ersten Selbstmorden an. Er erinnert sich gut daran, denn er war es, der die Blutlachen im Innenhof beseitigen musst; das gefiel ihm nicht, beim ersten Mal war ihm sogar schlecht gewesen. Doch nach ein paar Malen gewöhnte er sich daran, es war auch nur Dreck, Dreck, wie er ihn jeden Tag beseitigte, wenn etwa ein Unfallopfer durch die Flure geschoben wurde.

Dann begannen die Träume. Es waren Albträume, aber seltsame sterile; viele der Menschen, die hier arbeiteten, hatten auch solche gehabt, aber er war der einzige, der sich an einzelne erinnerte. Anfangs waren sie schockierend gewesen, Träume von seltsam verdrehter Grausamkeit, Bilder von den Blutlachen, aber aus einer merkwürdigen Perspektive betrachtet. Menschen, die in den Tod stürzten, Schreie und immer wieder ein verkrüppeltes Lachen wie von Blechdosen, die man zusammendrückte. Und am Ende jedes Traumes ein riesiges Raubtier, so riesig, dass man es nur hören, aber nicht sehen konnte, als wäre man bereits verschlugen worden.

Damals hatte auch er darüber nachgedacht, das Gebäude zu verlassen und zu kündigen. Aber draußen gab es nichts für ihn; eine Frau oder Freundin hat er nie gehabt, Freunde auch kaum. Seine Eltern waren früh gestorben. Vor den Träumen hatte er das Gebäude schon seit Jahren nicht mehr verlassen; er wohnt in einem ausrangierten Patientenzimmer. Was er braucht, kauft er im hauseigenen Laden, wo er Rabatt bekommt; er isst immer in der Kantine.
Es gab nichts, wo er hätte hingehen können, und deshalb blieb er. Am Anfang fiel ihm das schwer, die Träume verstörten ihn mehr und mehr, er schlief wenig. Doch nach einer Weile verflog der Schrecken. Er hatte sie immer noch, diese Albträume, sie machten ihm immer noch Angst; aber es war eine andere Art von Angst, eine sterile vielleicht. Er wachte nicht mehr schweißgebadet auf. Seine Angst vertrocknete langsam, wurde zu einer Konstante seines Alltags, die ebenso wie andere Routinen keine Reaktion mehr provozierte. Mehr noch; in gewisser Weise begann er, etwas Beruhigendes in der ständigen Präsenz dieses großen Tieres zu sehen.

Dann, irgendwann, fiel die Lüftung in seinem Zimmer aus; er bemerkte das nicht sofort, denn das Rauschen der kleinen Lüfter in Decken und Wänden ist zwar allgegenwärtig, aber leise – so leise, dass es drei Nächte dauerte, bis er es bemerkte.
Was ihm auffiel, das war das Fehlen der Träume – sie schwanden zusammen mit dem Flüstern der Lüftung.
Er muss den Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen erkannt haben. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, tauschte er nach diesen drei Nächten den Lüfter in seiner Decke aus und hatte fortan wieder seine Träume.

Er vermutet manchmal, diejenigen, die schon den Tod gefunden haben, könnten ähnliche Träume gehabt haben. Dann fragt er sich auch, warum er nicht gesprungen ist, und weiß die Antwort, ohne sie aussprechen zu können. Seit die Träume da sind, ist er unwirscher geworden, er spricht kaum noch mit anderen Menschen. Die anderen, selbst verängstigt, manche vielleicht schon vollkommen von Sinnen, meiden ihn umso mehr, aber das stört ihn nicht mehr. Wenn sie etwas von ihm wollen, dann lächelt er sie schief an und sein Gegenüber erkennt, dass dieses Lächeln aufgesetzt ist, nur eine Maske. Manche erkennen noch etwas anderes, etwas Bedrohliches in diesem Lächeln, etwas, dass sie an kaltes Linoleum erinnert, aber sie brauchen ihn, und deshalb akzeptieren sie das; einmal wollte man ihn ersetzen, aber niemand wollte seine Arbeit machen. Also ist er geblieben und kommt seinen Aufgaben nach: Wenn ihn jemand bittet, die losen Teile der Balkongitter wieder festzuschrauben oder die Wegweiser an den Wänden neu zu tünchen, dann lächelt er wieder schief und tut es.
Nachts jedoch, wenn er fast allein in dem Gebäude ist, da steht er manchmal auf, schleicht durch die Gänge, um ungesehen zu bleiben, und schraubt die Gitter wieder lose. Oder er reißt wahllos Pfeile von den Wänden. Oder sperrt Türen auf, die eigentlich verschlossen bleiben sollten.

Ihm ist nicht zu jeder Zeit klar, dass er das tut. Noch ist seine Psyche zwar ein zusammenhängendes Ding, eine Person. Doch sie ist verbogen, gekrümmt wie sein Rücken, und manchmal kann man deshalb nicht mehr von einem Ende hinüber zum anderen sehen. Dann kann er sich nicht daran erinnern, Hausmeister zu sein; oder er kann sich nicht daran erinnern, nachts aufgestanden zu sein.
Manchmal bemerkt er diese Lücken sogar; aber es berührt ihn nicht, im Gegenteil. Er ist gern die Ratte, er mag seine Metamorphose: dieses Wort kennt er noch nicht lange, jemand hat es ihm eingeflüstert. Er spricht es immer noch falsch aus, wenn er mit sich selbst redet.
Seine Metamorphose, seine Veränderung begann, nachdem er die Lüftung in seinem Zimmer erneuert hatte und er wieder seine Träume durchlebte.

Denn von nun an sprach das Raubtier zu ihm.

Ihm ist nicht klar, warum das so ist. Er versteht auch nicht alles, was dieses Ding zu ihm sagt. Manchmal jedoch erzählt es ihm einfach Geschichten, oft gruselige, brutale Märchen, in denen es um lebende Häuser geht und um kleine tückische Wesen, die sie bewohnen. In einigen Nächten trägt es ihm nur lange, monotone Gedichte vor, deren Begrifflichkeiten er nicht versteht; doch er versteht den Ausdruck, den die Stimme des Raubtiers dabei hat.
Manchmal gibt ihm das Ding auch Anweisungen; etwa den Auftrag, die Tür zum Dach wieder aufzuschließen. Er befolgt die Anweisungen immer sofort. Danach erzählt es ihm oft eine neue Geschichte. Die Stimme in seinem Kopf lässt nie einen Zweifel daran, dass er nichts bedeutet; er und das Tier werden nie Freunde sein, aber von Freundschaft hat er nie viel gehalten. Das Ding in seinen Träumen ist viel mächtiger und stärker als er, auch das versteht er. Aber das Tier braucht ihn für einige Tätigkeiten, und das macht ihn zu einem mächtigen Mann. Er hat sich noch nie im Leben so mächtig gefühlt, bevor er zu der Ratte wurde. Ratte, so nennt ihn das Ding in seinen Träumen.

Inzwischen kann er das Tier auch tagsüber hören, wenn er wieder durch die Korridore schleicht, leise und verstohlen; die Lüfter sind überall in dem Gebäude, die Stimme ist allgegenwärtig. Manchmal bleibt er dann stehen, meist unter einem der Lüftungsrohre, und lauscht der Stimme.
Ihm ist klar geworden, dass dieses Tier in den Mauern stecken muss, oder dahinter; mehr weiß er nicht, aber mehr will er auch nicht wissen. Ihm reicht die Gewissheit der Stimme in seinem Kopf. Er findet es nicht mehr falsch, wenn die Menschen vom Dach stürzen: Das Tier hat Recht, denkt er. Die anderen gehören nicht hierher. Diese Welt gehört nur dem Raubtier – und ihm.

Weihnachtsmärchen

geschrieben am 16. Dezember 2007 um 02:56 Uhr

Dass ein Heilsbringer in diesen Monaten geboren worden sein soll, ist vielleicht ein Zufall, aber wenn, dann ist es ein bedeutungsvoller. Eine Nacht mit klarem Himmel und schneidender Kälte löscht all die verzweifelten Versuche aus, die den Raum zwischen uns und der Welt kitten sollen; daran ändern auch Lichterketten und Familiensinn nichts. Denn die Wahrheit, dass wir einen Erlöser brauchen, übersteht sogar Weihnachtsbaum und Kerzenschein.

Das Tagebuch – Insekt (3)

geschrieben am 8. Dezember 2007 um 02:24 Uhr

Dritter Eintrag:

Mein letzter Bericht ist noch nicht lange her, zumindest in meinem Empfinden; ich habe es aufgegeben, an diesem Ort ein echtes Maß für Zeit zu suchen .
Ich habe schon vieles gesehen in dieser Wohnung und sehe ständig mehr. Im Moment lese ich – d.h. liest das Wesen, das ich für mein Alter Ego halte – ein Buch, einige Meter entfernt. Er sitzt ganz ruhig da und liest, obwohl ich keine Buchstaben auf den Seiten sehe, nicht einmal einen Titel. Es ist ein dickes, großformatiges Buch, vielleicht ein Lehrbuch. Ich denke, ich habe studiert; sicher bin ich mir nicht, aber ich vermute es. Ich schätze mein Alter auf 20 bis 30; wenn ich mir die Einrichtung der Wohnung dazu ansehe, bin ich wahrscheinlich wirklich Student.
Natürlich sehe ich mir nicht stundenlang beim Lesen zu. Noch vor kurzem fand eine Geburtstagsfeier statt; einer der Gäste hätte sich beinahe auf mich gesetzt, hockte sich dann jedoch wortlos auf den Boden neben der Couch; auch hier bemerkt mich niemand, es ist so, als wäre ich nicht da. Und doch ist es hier anders als in dem Kinderzimmer. Es ist so, als befände sich die Wohnung und die Menschen in ihr in einer Art Fluss – ja, alles fließt. Es gibt eine gewisse Unschärfe in allem, was ich sehe, als wäre da ein durchscheinender Vorhang vor meinen Augen. Die einzelnen Szenen besitzen zwar einen Ort, einen ausgedehnten Moment, aber darüber hinaus ist nichts fest. Alles bewegt sich. Nein, das trifft es wohl nicht ganz; ich denke, mir wird etwas Bestimmtes gezeigt, ohne dass ich erkennen könnte, was es ist. Vielleicht ist es natürlich auch nur Zufall – aber nein, das glaube ich nicht. Manchmal haben die Ereignisse einen speziellen Ablauf, eine bestimmte… Art. Es ist schwer zu erklären; es ist ein wenig so, als kämen die Dinge, die hier geschehen, von einem uralten Band. Manchmal stockt es, bleibt kurz stehen, als wolle es etwas verdeutlichen; manchmal läuft es sogar einige Sekunden vor und zurück. Andere Szenen dagegen erscheinen mir gestaucht, als würde das Band sich schneller abwickeln, so wie die Geburtstagsfeier, die plötzlich schon wieder vorbei war.

Ich weiß nicht, wann es begann – ich saß eine Weile dort, auf dem Sofa. Ich berichtete schon davon, oder? Ja, ich sehe es, davon habe ich schon geschrieben. Irgendwann hörte ich ein Türschloss leise klicken, dann ein weiteres. Ich wartete – doch es kam niemand. Vielleicht wäre auch nie jemand gekommen, hätte ich einfach nur weiter auf der Couch gesessen, wer weiß das schon; ich jedenfalls stand auf und untersuchte die Türen erneut.
Die Tür zum Bad öffnete sich mühelos. Ich bin mir sicher, sie war zuvor verschlossen gewesen, doch jetzt konnte ich eintreten. Wasserdampf schlug mir entgegen, und das Rauschen von Wasser. Jemand duschte, verborgen durch den Vorhang. Einen Moment lang, das kannst du dir sicherlich denken, zögerte ich. Dies ist sicher wieder ein Spiel – natürlich. Aber dennoch, man beobachtet niemanden beim Duschen, oder? Selbst, wenn er nur eine… ich weiß kein Wort dafür.
Nichtsdestotrotz musste ich, wollte ich erfahren, wer dort in meinem Badezimmer duscht; zumindest lag die Annahme nah, dass es meine Wohnung war. Einige der Poster im Wohnzimmer kommen mir vage bekannt vor, und außerdem habe ich unter der Couch ein Pappschachtel mit ein paar meiner alten Muscheln gefunden. Sie waren nicht so schön poliert wie die gekaufte auf dem Tisch, aber einige von ihnen sind zweifelsohne die selben wie jene aus der Kiste, die ich hierher mitnahm; seltsam, was nur fand ich so besonders an diesen Skeletten.
Wie auch immer, ich schob also den Duschvorhang zurück. Dahinter war – eine Frau. Sie bemerkte mich nicht, aber etwas anderes hatte ich auch nicht erwartet.
Vielleicht wirst du nicht verstehen, warum ich da blieb und sie beobachtete – unter normalen Umständen wäre es sicherlich absolut verwerflich, aber gewöhnlich sind die Umstände nun sicher nicht. Und so blieb ich; ich kann dir nicht sagen, wie lange. Das ganze dauerte vielleicht zwanzig Minuten, vielleicht vierzig, vielleicht sogar eine Stunde. Ich sagte schon – hier scheint alles im Fluss zu sein.
Die Frau war sicher hübsch, das kann ich sagen. Ich schätze sie auf Mitte 20, höchstens. Ihre Haut war noch makellos, und auch in ihrem Gesicht zeigten sich keine Falten. Ihre Haare waren schwarz, ganz schwarz, ihre Augen braun. Sie hatte eine wunderbare Figur, auch wenn die ganze Szene kaum etwas Sexuelles besaß – versteh mich nicht falsch, sie war attraktiv und nackt, aber eben auch so… weit entfernt. Ich hatte dieses Gefühl schon oft; dass alles so weit entfernt ist. Was ich sehe, das macht eine lange Reise bis zu meinen Augen, und auf dem Weg wird das Licht alt. Ich will nicht behaupten, diese Frau hätte mich nicht angesprochen – das würdest du vermutlich ohnehin nicht glauben. Aber es war etwas Gedämpftes, Leichtes. Etwas Vergangenes vielleicht.
Nun, ich habe sie nicht erkannt. Ihr Gesicht kam mir bekannt vor; auch ihr Körper. Etwas äußerst Vertrautes war an ihr, ich konnte es fast greifen, aber – ich erkannte sie nicht. Da war auch keine Emotion, kein Gefühl, nichts. Inzwischen weiß ich, dass ich mit ihr zusammen gewesen sein muss, eine lange Zeit sogar, und das stimmt mich traurig. Sollte ich mich nicht daran erinnern? Ein wenig zumindest. Es hätte mehr bleiben müssen als diese zerstreute körperliche Vertrautheit, oder?
Ich blieb also dort neben dem zurückgezogenen Vorhang stehen. Eine ganze Zeit lang musterte ich sie nur, musterte sie ganz, um doch einen Menschen zu finden, den ich erkennen könnte, aber ich fand niemanden, nur diese halbfremde Frau in meinem Bad. Eigentlich fand ich sogar weniger als eine Fremde; je länger ich hinsah, desto verwaschener wurden ihre Züge, desto fratzenhafter ihre Proportionen. Mein Blick war so starr, dass ihre Arme und Beine fast zu Streichhölzern wurden; ihre Brüste zerfielen in zerquetschte Kugeln. Ihre weiche glatte Haut verdarb, wurde zu einem bräunlichen Panzer, der matt glänzte.
Das machte mir keine Angst; vielleicht erkannte ich sie darin, in dieser Karikatur. Etwas ließ mich an ein Insekt denken dabei; ein ungelenkes, dummes Insekt, dass die Beinchen und die Ärmchen hebt und sich mal hier, mal dort schrubbt, als würde das etwas besser machen.
Ich weiß nicht, was mich zu diesem Gedanken trieb; aber am ehesten erkenne ich dieses Wesen in dem Insekt wieder, dass ich mir vorstellte. Irgendwann jedenfalls stellte sie das Wasser ab und stieg aus der Badewanne; ich ging hinaus und hörte die Tür hinter mir wieder zuschnappen; ich denke, ich hatte gesehen, was ich sehen sollte.
Danach habe ich sie noch oft gesehen, diese Kreatur, meist bekleidet. Ich denke, wir wohnten hier zusammen; ich habe sie mit mir frühstücken sehen, ich weiß nicht, wie oft. Ich sah mich mit ihr Fernsehen, auch wenn ich die Filme nicht wirklich verfolgen konnte. Einige Male fand ich eine Idee, einen Anflug von Vertrautheit in den verwaschenen Streifen auf dem Bildschirm, mehr nicht. Für mich blieb der Schirm blind. Ich sah mich mit ihr schlafen; ich kann nichts Falsches mehr daran erkennen, es zu beobachten, seit ich dieses Insektenbild im Kopf habe.
Ich sah auch viele andere Szenen, aber die meisten davon schienen sich zu überschneiden; selbst das Sonnenlicht vor den trüben Scheiben wechselt seltsam unregelmäßig mit der Dunkelheit, so dass ich beides manchmal nicht genau trennen kann. Ich sprach schon vom Fließen, oder? – Ja, das tat ich.
Gern würde ich dir genauer sagen, was ich noch beobachtete. Aber auch in mir bleiben die einzelnen Ereignisse seltsam verbunden. Es fällt mir schwer, einzelne herauszugreifen, ohne alle fallen zu lassen. Ich weiß etwa, es gab da einen Streit zwischen meinem Alter Ego und ihr, vielleicht auch mehrere; aber viel mehr kann ich nicht sagen. Überhaupt bleiben mir Dialoge hier ebenso verborgen wie das Bild auf dem Fernsehschirm; ich höre die Personen reden, wie eben auch die Menschen auf der Party vor kurzer Zeit, aber ich verstehe nicht einmal Silben. Es ist so, als würde ich an einer dicken Wand lauschen. In manchen Gesprächen meine ich, einen fernen Inhalt zu erkennen; aber er bleibt nebulös und kaum greifbar.
Es gibt nur eine Szene, von der ich dir noch berichten sollte, solange hier Ruhe herrscht; sie ist mir genau im Gedächtnis geblieben, wohl auch, weil sie so lange anhielt; ja, anhalten ist das richtige Wort.
An einem Abend (ich glaube, es war ein Abend) saß er hier genau wie er es jetzt auch tut. Dann jedoch hörte er wohl ein Geräusch, dass ich nicht genau einordnen konnte, und stand auf. Zunächst dachte ich, dies sie nur ein weiterer Übergang, ein weiterer Wechsel in der Zeit. Doch dann sah ich eine scharfe, rote Sonne durch die Fenster scheinen, und mir wurde klar, dass etwas wichtiges geschehen würde.
Er ging also aus dem Zimmer. Ich blieb sitzen und hörte nach einigen Sekunden das leise Plätschern von Wasser; ich hätte wieder einfach dort bleiben können, abwarten können. Doch so lange ich auch gewartet hätte, es wäre wohl nichts geschehen. Also stand ich auf, um ihm folgen; ich fand ihn im Bad, er stand dort und betrachtete sie, während sie duschte.
Ich weiß nicht warum, aber ich konnte sie nicht mehr ansehen. Zumindest nicht so, wie ich es tat, als ich sie zum ersten Mal beobachtete. Sah ich zu ihr hin, am Duschvorhang vorbei, dann sah ich augenblicklich wieder diese Kreatur, dieses große Insekt.
Er dagegen, soviel kann ich sagen, er starrte regelrecht. Sein Blick war so fixiert, dass ich einen Augenblick fürchtete, es würde wieder so enden wie beim letzten Mal. Für einen Moment glaubte ich, gleich wieder diesen seltsamen Satz zu hören und zu fallen.
Aber so war es nicht – er musterte sie einfach nur durch mich hindurch. Ich wagte es, mich zwischen die beiden zu stellen, um ihm in die Augen sehen zu können; in seinem Blick fand ich nichts besonderes. Er war klar und konzentriert, aber mehr nicht. Da war keine Emotion – wenn doch, dann konnte ich sie nicht erkennen.
Ich hatte einen seltsamen Gedanken, während ich dort so stand: Wenn ich so lange mit ihr zusammen gewesen war, warum war sein Blick dann so leer? Ich konnte keine Zärtlichkeit darin erkennen, nicht mal Begehren, nichts. Er musterte sie wirklich nur, vielleicht ganz so, wie ich es getan hatte, als ich hier ankam.
Ich dachte darüber nach, ich weiß nicht wie lange; ich hörte nur das Wasser rauschen, lange Zeit. Irgendwann griff er an mir vorbei und zog ganz den Vorhang ganz zu. Dann ging er wieder ins Wohnzimmer.
Ich bin mir nicht sicher, warum er überhaupt dorthin gegangen war. Ich glaube nicht, dass sie ihn bemerkt hat; ich verließ das Bad nach ihm und schloss die Tür ebenso leise wie er getan hatte. Ich weiß nicht, was er gedacht hat, als er ihr ins Bad folgte, auch nicht, was er dachte, als er dort so stand und starrte. Vielleicht hat er etwas Ähnliches


Ich denke, die Ruhe ist vorbei. Er ist gerade aufgestanden und hat den Raum verlassen. Jetzt höre ich laute Stimmen aus der Küche; ich sollte ihm folgen. Bis bald.