Der arme Hass Diesen Artikel drucken

Wieviel klarer könnte eine Empfindung noch sein? Einzig und allein ihr Gegenteil besitzt die gleiche (eine größere?) Klarheit und Einfachheit. Spricht man von ihr, muss man eigentlich nichts mehr erklären; das warum ist vielleicht noch eine Frage wert, aber das betrifft das Gefühl selbst nicht, ist nur eine Ergänzung, eine kontingente Information, die ebenso zum Hass gehört wie die Ursache des Unfalls zum Unfall selbst; man mag danach fragen, vielleicht ist es sogar vernünftig, nach einer Antwort zu verlangen, aber wenn man sie hat, ändert das nichts. Aber schon in der Frage selbst unterscheidet sich Hass von seinem Gegenteil: man kann fragen, warum jemand liebt, aber die Frage selbst ist schon widersprüchlich.
Und vielleicht ist dieser Unterschied der Ursprung der Armut. Sicher, oft haben wir gute Gründe zu hassen: manchmal glauben wir das auch nur, aber oftmals mag es stimmen. Vielleicht verhält es sich so bei Kriegstreibern; bei Mördern; bei kalt rechnenden Bürokraten. Wenn es nicht zynisch wäre, könnten wir sagen, es sei klug, vielleicht sogar gut, diese Menschen zu hassen.
Wir gehen gern in diese Falle. Es scheint uns logisch: ist es nicht gerecht, diese Menschen zu hassen? Kann man uns dafür verdammen, dass wir diese Kreaturen, diesen Abschaum hassen? Und dann hat uns die Armut auch schon.
Es ist keine Armut des Geistes, auch keine der Worte oder der Antworten. Nein, alles ist ganz klar und einfach, so wie die Empfindung selbst. Aber sie reicht nicht aus, nicht einmal sich selbst, und darin besteht die Armut.
Wir denken an einen anderen, an das Objekt unseres Hasses. Wir denken an diese verhassten Taten, diese verhasste Art. Vielleicht geschieht es, während wir die Nachrichten schauen. Wir sehen das Gesicht eines Vergewaltigers oder Kriegsverbrechers – und dann hassen wir. Das dreckige Grinsen dieser Fratze stiert uns zuerst aus dem Bildschirm, dann aus dem Inneren unseres Kopfes an. Und die Fratze hat einen Mund. Sie hat Wangen und Ohren. Sie hat Augen. Sie steckt auf einem Hals, der auf einem Oberkörper ruht. An diesem sind Arme und Beine befestigt, an denen ihrerseits wiederum Hände und Füße mit Fingern und Zehen hängen. Alles ist gebildet von Haut und Fleisch, darunter von Knochen und Gelenken.
Wie wir es auch drehen wollen, diese Kreatur, dieses Objekt unseres Hasses ist – ein Mensch. Und bleibt ein Mensch.
Aber ist sie nicht doch ganz anders als wir? Müsste sie es nicht sein? Ist sie nicht ein Dämon, eine ganz andere Art von Wesen als wir? Wir schauen noch einmal auf das Bild: kein Dämon, ein Mensch. Ein verstörender Gedanke kommt uns: vielleicht sind wir ihr ähnlich. Aber das kann nicht sein: sie kann nicht sein wie wir. Und doch sieht sie so aus wie wir, isst wie wir, geht wie wir. Sie kleidet sich so wie ein Mensch: Sie spricht unsere Sprache.
Und dann bleibt nur noch eins: Wir müssen es ändern. Wir müssen dafür sorgen, dass dieses Ding, dieses Höllenwesen uns nicht mehr ähnelt: es reicht nicht, es zu hassen. Denn das schafft einen Unterschied, einen Graben zwischen uns und ihm, der sich in der Wirklichkeit – noch – nicht wiederfindet. Noch nicht. Vielleicht würde es schon reichen, wenn die Kreatur eingesperrt wäre. Vielleicht wäre das Differenz genug. Aber reicht das wirklich aus? Wahrscheinlich nicht. Schließlich spricht sie immer noch unsere Sprache, hat einen Körper, der unserem ähnlich ist. Was mehr könnten wir tun? Wir könnten ihm das Recht nehmen, zu sprechen; zu gehen; zu essen. Ja, das wäre eine Möglichkeit. Wir lassen sie hungern, und schon ist ihre abgemagerte Kontur der unseren nicht mehr so verwandt. Wir prügeln die Sprache aus ihr heraus. Was dann noch an Gestammel bleibt, erinnert kaum noch an die schönen Worte, die wir verwenden. Wir brechen ihr die Beine, und schon kann sie uns auch das Gehen nicht mehr gleichtun.
Aber ist das genug? Ist der Abstand zwischen uns und ihr groß genug? Ist da nicht immer noch der Hass, der uns sagt, dass dieses Ding nicht einmal in der Erinnerung mit uns verwandt sein darf? Und hat sie nicht immer noch unsere Gliedmaßen? Immer noch Augen, die uns auf so vertraute Weise anstarren?
Es reicht nicht, es reicht immer noch nicht: Es wird nie reichen. Wir können ihr die Augen ausbrennen, die Gliedmaßen abschneiden, wir können sie ermorden. Sie bleibt ein Mensch.
Hass ist arm; ihm fehlt die Wirklichkeit. Er muss sie schaffen. Immer weiter schaffen.

2 Antworten zu “Der arme Hass”

  1. overclouded_tangle sagt:

    Ist Liebe wirklich eine klare Empfindung? Ist Liebe nicht vielmehr ein unendlicher Nebel, der sich über dich legt und vieles verhüllt und im Dunkeln lässt? Ist Liebe nicht oft kompliziert und verworren? Ist sie nicht manchmal schwammig, ja fließend und schwer zu begrenzen?

    Das war jetzt nur so ein Gedanke zu den ersten Sätzen. Zu allen weiteren Sätzen bleibt sicher noch viel zu sagen. Ein wenig zirkulär vielleicht aber das ist wahrscheinlich deine Absicht. Du kommst zweimal zum selben Schluss und willst es nicht einsehen. Sie ist ein Mensch. Du verunstaltest die gehasste Person, das gehasste Wesen immer wieder und kommst zu dem Schluss: Sie ist noch zu menschlich. Und sobald du die Armut erwähnst (vielleicht eine Wahrheit streifst) verfällst du züruck in die Rechtfertigung. Wir hassen- berechtigterweise. Besteht die Armut in der Notwendigkeit der Rechtfertigung und der Distanzierung?

    Zu guter Letzt noch eine Frage: Warum „Immer weiter schaffen“ und nicht „Immer wieder schaffen“? Spielst du auf das Prinzip unendlicher Steigerung (schneller, besser, weiter) an? Oder willst du nur sagen, dass die geschaffene Wirklichkeit immer weiter ausgebaut werden muss, bis sie irgendwann alles umfasst. Aber ist es nicht so, dass diese produzierte Wirklichkeit auch immer wieder zerstört wird und deswegen neu geschaffen, also wieder geschaffen werden muss?

  2. Hallo overclouded_tangle,
    natürlich ist sie das. Aber hier erscheint sie nur als natürlicher Gegenpart, und es hätte den Text vom Thema weggeführt, weiter darauf einzugehen. Es wäre vielleicht besser gewesen, sie ganz aus dem Spiel zu lassen..
    Zu deiner Frage; Der Antrieb ist ja der, die Welt im eigenen Kopf mit der Welt draußen in Einklang zu bringen. Der Graben, den der Hass aufwirft, muss auch in der Wirklichkeit geschaffen werden. Aber weil der Graben nie tief genug ist, müssen wir ihn immer tiefer ausheben; egal, wie tief wir graben, wir werden nie den Zustand erreichen, der angestrebt ist. Deshalb muss der Hass immer weiter fordern; es mag sein, dass er dabei zerstört (z.B. sein Objekt), aber dann hat er einfach kein Objekt mehr, und das ist alles. Dass alles neu geschaffen wird[?] bedeutet ja nicht, dass der Hass in unseren Köpfen diesen neuen Anfang begreift.

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