Kategorie 'Kleine Serien'

Die Große Schande (5 – Finale)

Diesen Artikel drucken 16. April 2009

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Natürlich hörte ich mich um, befragte Arbeitskollegen und Freunde, auch meine Frau. Aber selbst sie sagte mir nicht, wie sie abstimmen würde. Ich las natürlich die streng geheimen Meinungsumfragen aus meinem Verwaltungsbezirk, aber auch die waren allenfalls vage. Es hieß darin, dass die meisten Menschen eine Antwort verweigerten, und die, die antworteten, waren gegen das Vergessen. Das überraschte mich nicht. Auch ich wusste lange nicht, wie ich abstimmen würde: Meine eigene Entscheidung fiel erst am Samstag Abend, als ich erfuhr, dass Dr. Peter Den hingerichtet worden war, wegen angeblicher Verschwörung. Meine Vermutungen und die Gerüchte, von denen ich gehört hatte, setzten sich zu einem Bild zusammen. Ich konnte mit niemandem darüber reden, aber der Tod dieses Menschen, den ich nie getroffen hatte, machte mir endlich bewusst, was geschehen würde. Es gibt keinen guten oder plausiblen Grund, weshalb ich an diesem Abend in das feindliche Lager wechselte. Ich hatte schon lange nicht mehr um Moral nachgedacht, erst recht nicht über den moralischen Wert der Wahrheit. Vielleicht ist die Art von innerem Aufruhr, die auch viele der memento-Kämpfer motivierte, auch bei mir immer schon vorhanden gewesen. Ich glaube nicht daran, dass ich gute, ethische Gründe hatte: eine Laune war es aber auch nicht. Es war eine Affinität zur Wahrheit, die mich trieb. Es ging mir nicht um die Toten, auch nicht um die Verbrechen. Der Grund, weshalb ich zu einem Mitglied von memento wurde, war nur ein Hang zur Aufrichtigkeit. Eine Art Geschmack, den die Wahrheit für mich plötzlich gewann, wo sie kurz vor ihrer Vernichtung stand.
Am Sonntag ging ich zu der Wahl. Fotografen waren da und fotografierten mich und meine Frau bei der Abgabe unserer Stimmen. Auf dem Wahlzettel kreuzte ich „Vergessen“ an und bestätigte damit, wie ein Beisatz erklärte, dass ich jegliche Maßnahmen akzeptieren und unterstützen würde, die die Regierungsstellen zur Auslöschung der Großen Schande für notwendig erachteten. Ich hatte natürlich davon erfahren, dass sowohl Namen als auch Abstimmungsverhalten aufgezeichnet wurden, damit man wusste, wer was gewählt hatte. Die Wahl war nicht nur eine Wahl, sie war bereits ein Selektionsverfahren.

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Die Große Schande (5) Das Ergebnis fiel eindeutig aus und war, soweit ich das beurteilen kann, nicht manipuliert worden. Ich weiß nicht, ob sie so etwas erwogen haben, ich denke eher nicht. Es war aber auch nicht nötig. 92,4 % der Bevölkerung stimmten für das Vergessen. Ich hatte damit gerechnet, dass der Erdbund noch einige Vorbereitungen treffen musste, aber offenbar hatte man fest mit dem Ergebnis gerechnet. Die Einsatzkräfte waren auf Abruf bereit. Um 2 Uhr morgens am 6. Dezember 2094 bekam ich einen Anruf aus dem Büro. Man überließ mir zwar die Kontrolle über die Infrastruktur,  machte mir allerdings klar, dass eine große Gruppe von Soldaten und Sonderkräften in meinem Verwaltungsbezirk mit dem Projekt begonnen hatte, und dass ich den Kommandeuren jede Unterstützung liefern sollte. Man stellte mir eine Liste zu, die einige Aufgaben benannte, die die Soldaten hatten. Darunter war etwa die Sicherstellung von allen medialen Inhalten mit Bezug auf die Große Schande, ebenso aller Dokumente mit Bezug auf den Zeitrahmen zwischen 88 bis 90. Ein anderer Punkt war das Ingewahrsamnehmen aller bekannten Mitglieder von memento und vergleichbarer Organisation, eben so das Ausfindigmachen aller Personen, die während der Zeit der Großen Schande aus welchen Gründen auch immer handlungsunfähig gewesen waren. Viele andere Zeilen in dem Dokumenten waren geschwärzt worden; selbst ich durfte nicht mehr wissen, worum es sich handelte. Mir war klar, dass man über kurz oder lang alle Menschen verhören würde, die gegen das Vergessen gestimmt hatten. Ein weitere Tätigkeit bestand in der Öffnung der vielen Massengräber, die es in meinem Verwaltungsbezirk und anderswo gab: die Leichen sollten abtransportiert werden, der Bestimmungsort war geschwärzt. Ich erfuhr ihn während meiner späteren Recherchen. Die meisten wurden im Meer versenkt, in einer Mischung aus Beton und Stahl. Nur einen Punkt auf der Liste verstand ich nicht: in Süditalien sollten riesige Mengen an Baumaterial akquiriert werden, um sie nach Norden zu bringen. Der Grund dafür wurde mir erst klar, als ich einen Satz neuer Schulbücher zugestellt bekam. Bisher hatte man in den Schulen das Thema ausgespart, und auch zu Hause wurde, soweit ich das anhand der entsprechenden Befragungsbögen ermessen konnte, nicht viel darüber gesprochen. Dieser Umstand rettete vermutlich Hunderttausenden von Kindern das Leben. Die neuen Schulbücher sprachen jedenfalls nicht von der Großen Schande, aber dafür von einem Meteoriteneinschlag von apokalyptischem Ausmaß. Der Meteorit war der neuen Geschichtsschreibung zu Folge, die ihr wahrscheinlich bisher für wahr hieltet, im Dezember 2088 in der Nähe von Zürich eingeschlagen und hatte Milliarden von Menschen getötet: Ihr Krater bildete dem Buch zu Folge das, was ihr Marquez-Rift nennt.
Als ich die Anweisungen zugestellt bekam, begann ich bereits mit meinen Recherchen. Ich tat alles, was von mir verlangt wurde. Ich versuchte nicht, Zeit zu schinden, sondern übergab alle Daten, die wir über memento hatten, auch fast alle Dokumente in Bezug auf die Große Schande und den gewünschten Zeitraum. Ich stimmte allen Maßnahmen zu, ich unterschrieb sogar Todesurteile, bis es zu viele wurden und man begann, sie maschinell zu erstellen. Das Volk hatte gesprochen, und mir war klar, dass es nicht mehr aufzuhalten war.

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Ich musste vorsichtig sein, und so kooperierte ich vollständig mit der Zentralregierung. Als Männer aus der Nachbarschaft vor der Tür standen, um mich, meine Frau und sogar meine Tochter über die Große Schande zu ‚befragen‘, hätte ich sie mit dem Hinweis auf meine Stellung abweisen können, aber ich tat es nicht. Während der Befragung gab ich sogar zu, dass ich meiner Tochter, die damals bereits 5 war, etwas von den wirklichen Ereignissen erzählt hatte. Das hätte ich nicht tun müssen, aber es bestand das Risiko, dass Widersprüche zwischen unseren Angaben einen Verdacht auf mich lenkten. Damit hatte ich die letzte Grenze überschritten; mein Verhalten mag herzlos wirken, aber früher oder später wäre es sowieso geschehen. Es reichte dem Erdbund nicht, die memento-Anhänger verschwinden zu lassen, normalerweise traf es auch die Familien. Ich hatte meine Wahl getroffen, und ohnehin, ich hatte schon einmal meine Familie im Stich gelassen. Ich tat es nun wieder, und ich empfand keine größere Reue als zuvor.
Die Sammlung von Daten erwies sich leider als schwieriger, als ich erwartet hatte. Dennoch habe ich einige genaue Angaben finden können, was die Position und Lage des ursprünglichen, des echten Kraterrandes angeht. Die kreisrunde Gestalt und die Ausdehnung wird meinen Bericht bestätigen; überprüft sie. Die Daten findet ihr am Ende des Berichts, ebenso wie genau Koordinaten der Massengräber in den Ozeanen. Ich konnte keine genauen Daten darüber finden, wie viele Menschen durch das Vergessen, durch den Erdbund zu Tode gebracht wurden. Selbst die direkte Frage danach hätte mich schon verdächtig gemacht: in meinem Verwaltungsbezirk sah ich etwa eine 200.000 geheime Todesurteile. Ich nehme an, man hat die Dokumente nach der Vollstreckung vernichtet. Auch ich werde bald zu diesen Verschwundenen gehören, wenn ich mir nicht das Leben nehme. Ich glaube, meine Frau hat bereits einen Verdacht, und vermutlich wird sie mich verraten, um unsere Tochter zu schützen. Ich kann es verstehen, auch wenn sie wissen müsste, dass sie damit auch ihr Schicksal besiegelt. Aber das bedeutet nichts; ich bin fertig mit meiner Arbeit.

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Dies ist der letzte Abschnitt meines Berichts: Die Sonde, von der ihr diese Datei erhalten habt, ist bereits fertig und liegt vor mir. Ich habe sie so konfiguriert, dass sie erst in genau 150 Jahren senden wird; falls sich ihre Lage nicht verändert, habt ihr sie in etwa 15 Metern Tiefe in einem Steinbruch bei Avaro, Sizilien gefunden. Ich habe sie selbst dort vergraben: Ich bin nicht wieder nach Italien zurückgekehrt. Die Gefahr, dass man meine Tätigkeit und die Position der Unterlagen aus mir herauspresst, ist zu groß. Es bleibt mir nicht mehr viel zu sagen: Heute ist der 12. März 2095, die Säuberung ist fast abgeschlossen. Die Menschen, die den Prozess schweigend erduldet haben, kehren langsam zu der seltsamen Art von Normalität zurück, die sie gewählt haben. Es macht ihnen nichts aus, an den seltsam leeren Häusern von Nachbarn und Verwandten vorbeizuschlendern. Nach allem, was ich erfahren konnte, funktioniert das Vergessen. Ich weiß nicht, ob es richtig ist, dieses Projekt, diese Hoffnung auf Hoffnung zu zerstören, aber ich habe es getan.

Ihr kennt nun die Wahrheit. Lebt damit, wenn ihr könnt: Wir konnten es offenbar nicht.


Ende der Audiospur. Wechsle in den Datenbereich, Codierung binär:

[…]

Die Große Schande (4)

Diesen Artikel drucken 9. April 2009

Zeitindex +12

Im Sommer 94 sendeten fast alle Kanäle eine offene Diskussion über die Ereignisse der Großen Schande. Natürlich sah ich es mir an, ebenso meine Frau. Unsere Tochter hatten wir ins Bett gebracht. Wie alle anderen Dokumente aus dieser Zeit ist auch die Aufzeichnung dieser Sendung bereits zerstört, aber da es sich um eine Übertragung eines italienischen Senders handelte, konnte ich wenigstens einen Audiomitschnitt retten. Einer der Gäste, Dr. Peter Den,  sprach mit einer seltsamen Kühle über die Große Schande; Er war es, der mich verstehen ließ, was die Menschen umtrieb. Später erfuhr ich, dass er nicht an den Ausschreitungen beteiligt gewesen war. Er lag zu der Zeit, die wir Große Schande nannten, mit schweren Kopfverletzungen in einem Krankenhaus und überlebte auf wundersame Weise. Ich gebe seine Worte auszugsweise direkt wieder, die vollständige Datei findet ihr am Ende dieses Berichts:

„[…]Wir können nicht auf die Weise weitermachen, wie wir es bisher tun, Herr Ramlow. Wenn wir die unfassbaren Geschehnisse von 88 betrachten, müssen wir uns einfach eingestehen, dass jedes Konzept, jede Theorie von Menschlichkeit, die wir uns denken konnten, falsch ist. In einer Situation der Normalität, wie wir sie vor der Großen Schande hatten, funktionierten die Konstrukte, die wir uns aufgebaut haben. Aber wir müssen doch… verstehen sie, wir müssen doch einsehen, dass nichts davon wahr ist. Im Angesicht der Vernichtung haben all unsere Mechanismen, all unsere Vorstellungen versagt. Die Menschen haben sich nicht wie vernünftige Wesen verhalten, sie haben sich nicht einmal mehr wie Tiere verhalten. Sie waren unberechenbar, zerstörerisch und mordlüsternd. Und jetzt sitzen wir hier wieder in einem Fernsehstudio bei einem Glas Wein und unterhalten uns darüber, als ob das alles nicht geschehen sei. Die Menschen fühlen ganz genau, das etwas zerbrochen ist, das der Glaube der Menschheit an sich selbst erloschen ist. Die gleichen Männer und Frauen, die ihre Familien ohne jede Rücksicht auslöschten, einfach nur aus einem Impuls heraus, die ihre Nachbarn folterten und ermordeten, die sitzen nun wieder vor dem Fernseher, möglicherweise mit ihren neuen Partnern, ihren neuen Kindern. Können sie wirklich glauben, dass sie ihre Partner und Kinder lieben? Das ihre Nachbarn freundliche und zuvorkommende Wesen sind? Wie wollen wir den Begriff des zivilisierten Menschen, der Zivilisation an sich noch rechtfertigen? Wie wollen wir diese Schuld abtragen? Wir können es nicht. Sehen wir der Wahrheit ins Auge; die Große Schande hat alles, wirklich alles relativiert. Sie hat die Religion relativiert, die Moral, sie hat die Empathie als glatte Lüge herausgestellt. Wie soll denn der Mensch noch aufrichtig von der Liebe zu seinen Kindern sprechen, wenn er doch weiß, was damals geschehen ist und was jederzeit wieder geschehen könnte? [An dieser Stelle wurde er unterbrochen, ich lasse diesen Abschnitt der Aufzeichnung aus] Eine Lösung kenne ich natürlich nicht, Herr Ramlow. Aber ich denke, wir können nicht darauf setzen, dass sich das Problem mit dem Alter und letztlich dem Tod der Generation, die diese Verbrechen begangen hat, von alleine löst. Wir werden unseren Kindern erklären müssen, was geschehen ist. Und diese Kinder werden deshalb auch in unserer Welt aufwachsen, und deren Kinder ebenso. Wenn wir uns aufrichtig zu uns selbst sind, dann müssen wir das Projekt Mensch schlicht verloren geben. All die nützlichen und auf so wunderbare Weise ablenkenden Dinge, die wir seit 89 aufgebaut haben, ändern nichts daran: Der Mensch hat sich in seiner Gänze, in seinem ganzen Wesen als Monster erwiesen. Wir sind an dem Punkt, wo wir entweder ein neues Projekt beginnen oder das alte vernichten müssen. Etwas anderes bleibt uns nicht. Und ein neues Projekt kann ich mir nicht einmal denken.[…]“

Ich habe bewusst diesen Auszug gewählt; der Rest der Übertragung sah niemand mehr, weil ich per Telefon das Kommando gab, den Kanal abzuschalten. Nur Stunden, nachdem ich diesen Befehl gegeben hatte, eigentlich mehr aus einer Panik heraus als aufgrund von Kalkül oder begründeter Überlegung, wurde der italienische Zweig von memento gegründet.

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Memento begann als lose politische Gruppierung mit dem Ziel, Zensuraktionen wie die von mir angeordnete Beendigung der Übertragung zu stoppen. Von Anfang an waren sie eng mit der Church of Restauration verbunden. Ihre Ziele wandelten sich im Lauf der Zeit; bald prangerten sich nicht nur die Zensur an, sondern versuchten aktiv auch selbst die Erinnerung und die Beschäftigung mit der Großen Schande zu fördern. In Asien und Nordafrika war memento schon vor der von mir gestoppten Debatte aktiv; dort hatten die staatlichen Maßnahmen früher begonnen. Natürlich reagierte der gesamte Erdbund nervös, zumal memento sich wie ein Lauffeuer verbreitete. Immer mehr Dokumentationen wurden verboten, immer mehr Ausstrahlungen verhindert. Memento druckte Flugblätter und Aufkleber, ihre Mitglieder verbreiteten Kopien von zensierten Fernsehsendungen, drehten eigene. Wir reagierten entsprechend, aber vorsichtig. Ich ließ Demonstrationen räumen, wenn sie zu einem Risiko wurden, und eine Abteilung der Verwaltung wurde von mir damit beauftragt, Flugblätter und ähnliche Druckerzeugnisse möglichst unauffällig einzuziehen. Ich muss sagen, ich wusste, das Den Recht hatte; er hatte genau das gesagt, was ich und viele andere nicht zu denken gewagt hatten. Die Große Schande würde nie vergehen, das mussten wir aufrichtig anerkennen, und die Menschen von memento erkannten das besser als viele andere. Dennoch entwickelte sich memento auch aus meiner Sicht immer mehr zu einer terroristischen Gruppe. Ihre illegalen Aktionen waren zwar harmlos, aber dennoch eben illegal. Heute denke ich, dass ich damals zu hart gegen sie vorging. Vielleicht hatten einige von ihnen schon eine Vorahnung von dem, was geschehen würde, und deshalb engagierten sie sich so: Ich dagegen wollte es vielleicht auf die eine oder andere Art nicht wahrhaben, auch wenn ich schon damals Gerüchte hörte. Ich wusste auch, dass es eine Art Konterguerilla gab, auch in Italien, die mit äußerster Brutalität die Aktivitäten von memento bekämpfte. Sie erklärten sich nie, sie übernahmen auch nie die Verantwortung für Anschläge auf Mitglieder von memento. Das Fernsehen sprach nicht von ihnen, aber ich wusste, dass es sie gab; ich wusste auch, dass der Erdbund sie unterstützte. Mir kam nicht einmal in den Sinn, es öffentlich zu machen.

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Im Oktober 98 las ich die Ankündigung für ein „offenes Gespräch über die Große Schande“, das live im Fernsehen gezeigt werden sollte. Ich war nicht darüber informiert worden, aber die höchsten Gremien des Erdbundes hatten entschieden, selbst eine solche Runde zusammenzustellen und das ganze auf allen Kanälen auszustrahlen. Auch Peter Den war eingeladen, was mich noch mehr verwunderte; ich wusste, dass er inzwischen memento angehörte. Später sagte man mir, dass 95% der Bevölkerung die Sendung verfolgten. Das war auch der Plan; möglichst alle sollten es sehen.
Ich konnte zumindest die zentralen Stelle der Debatte rekonstruieren; im wesentlichen drehte sie sich um die Frage danach, wie es weitergehen sollte, wie man mit der Großen Schande weiterleben sollte. Sie ließen Den reden, seinen Standpunkt darlegen, wie er schon in der Sendung im Juli getan hatte. Danach sprach ein Vertreter des Erdbundes:

„Herr Den, ich stimme ihnen vollkommen zu. Sie wissen genau wie ich, genau wie die Menschen dort draußen, dass die Große Schande das Ende bedeutet. Wir haben wirklich erfahren, dass Religion wertlos ist; das Vernunft eine Illusion ist. Wir haben alle gesehen, wozu wir fähig sind. Ich selbst weiß nicht einmal, wie viele Menschen ich damals getötet haben, und es nagt jeden Tag an mir. Und sie haben auch Recht, wenn sie uns vor die Wahl stellen; entweder, wir geben uns und den Menschen auf, oder wir beginnen ein ganz neues Projekt. Aber ein solches Projekt ist nicht in Sicht; es bleibt nur der Tod.
Und ich muss ihnen sagen, es überrascht mich nicht, dass sie so etwas feststellen und es Millionen von Menschen sagen können. Für sie ist das einfach; sie lagen, wie wir alle wissen, damals in einem Krankenhaus. Sie waren nicht beteiligt an der Großen Schande. Sie mögen glauben, sie laste in gewisser Hinsicht auch auf ihnen, weil auch sie ein Mensch sind, aber so einfach ist es nicht. Meine, unsere Perspektive ist eine andere. Und deshalb sehe ich als Mensch, als Täter, auch einen Ausweg, der ihnen vielleicht nicht in den Sinn kommen konnte. Ich weiß, sie halten die Tradition der Erinnerung hoch, sonst wären sie wohl kaum Mitglied in der terroristischen Vereinigung memento. Aber, so frage ich sie, was wäre, wenn wir wirklich vergessen könnten? Wenn wir dafür sorgen könnten, dass die Große Schande wenigstens für unsere Kinder nie geschehen ist?“

Ich weiß nicht genau, warum Den ihn nicht unterbrach oder das offensichtliche entgegnete; das dies nicht möglich sei, dass es zudem unaufrichtig wäre. Vielleicht war er zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr im Studio, oder man hatte ihn massiv eingeschüchtert. Gegen Ende wandt sich der Vertreter des Erdbundes direkt an das Publikum, und was er sagte, überraschte auch mich, obwohl ich – wie gesagt – schon mehrfach Gerüchte gehört hatte:
„[…]Jedenfalls ist es möglich. Der Erdbund hat Hunderte von Experten zu Rate gezogen, und wir haben ein Ergebnis: Wir können dafür sorgen, das die Große Schande innerhalb von ein oder zwei Generationen komplett verschwindet. Es ist kein einfaches Unternehmen, aber es ist machbar. Natürlich können wir ihnen die Details nicht bekannt geben. Ihnen sollte aber klar sein, dass es viele Opfer kosten wird, und dass es auch ihnen etwas abverlangen wird. Wir können dieses Projekt nicht allein angehen; der Erdbund hat sich schon immer zur Demokratie bekannt. Deshalb findet am Sonntag in zwei Wochen eine weltweite Abstimmung statt. Es stehen nur zwei Optionen zur Wahl: Erinnerung oder Vergessen. Das ist alles. Wir geben diese Entscheidung in ihre Hände, sie haben meine Worte gehört, sie haben das schreckliche Bild von einer Zukunft gesehen, dass Herr Den ihnen gezeigt hat. Sehen sie ihre Kinder an: In was für einer Welt sollen sie aufwachsen? In was für einer Welt möchten sie mit ihren Enkeln spielen? Gehen sie in sich und stellen sie sich diese Fragen. Ich weiß, dass wir ihnen in gewisser Hinsicht ein unmoralisches Angebot machen – aber was sollte das für uns noch bedeuten? Die Terroristen von memento und anderen Organisationen möchten ihnen einreden, dass die Wahrheit, die Erinnerung wichtiger ist als das Leben, wichtiger als das Glück unserer Kinder, wichtiger als die gesunde Naivität der Menschheit. Viele von ihnen tragen wie Herr Den nicht die Schuld, die sie und ich fühlen, können nicht verstehen, was das bedeutet. Deshalb bitte ich sie, stellen sie sich diese Fragen. Fragen sie sich auch, was ihnen wichtiger erscheint: Fragen sie sich, liebe Zuschauer: Möchte ich leben oder wissen?“

Die Große Schande (3)

Diesen Artikel drucken 2. April 2009

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Es dauerte etwa vier oder vielleicht sechs Wochen, bis die Infrastruktur in Süditalien wieder in Betrieb genommen wurde. In anderen Gebieten der Welt mag es etwas schneller gegangen sein, aber für mindestens zwei Wochen waren wohl alle damit beschäftigt, einen fast dreiwöchigen Rausch auszuschlafen. Es ist unbekannt, wie viele Menschen sich während dieser Zeit noch das Leben nahmen und wie viele verhungerten oder verdursteten. Es scheint lediglich klar zu sein, dass ihre Zahl im Vergleich zu der der bereits Gestorbenen gering war. Meine Erinnerung setzt erst in Tropea wieder ein. Möglicherweise bin in den ganzen Weg dorthin gelaufen, ich weiß es nicht; es spielt für diesen Bericht auch nur eine untergeordnete Rolle. Als ich in Tropea zu mir kam, war die Armee dort bereits dabei, die Kontrolle zu übernehmen und wenigstens die Trinkwasserversorgung wiederherzustellen. Es waren nicht viele Soldaten, aber wir folgten ihren Befehlen. Im Verlauf des Dezembers konnten wir die Grundversorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser und Nahrungsmitteln größtenteils wiederherstellen. Wir hoben auch Massengräber aus, verbrannten und verscharrten die Toten: Allein in Tropea müssen es weit über 2000 Gräber gewesen sein. Wir sprachen nicht über das, was geschehen war. Ich weiß nicht, wie es an anderen Orten war, aber die wenigen Menschen, mit denen ich darüber sprechen konnte, berichteten Ähnliches. Niemand stellte Fragen, weil niemand Antworten hören wollte.
Ende Januar 2089 trat erstmals die Generaladministration zusammen, ich erfuhr davon aus dem Radio. Alles, was von den nationalen Regierungen noch übrig geblieben war, sammelte sich unter diesem Begriff in London. Die Verhandlungen über eine neue, übernationale Regierung dauerten fast ein halbes Jahr und verliefen parallel zu den Wiederaufbaumaßnahmen, die sich bald auch auf die mediale Neuvernetzung der Welt richteten.

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Die ersten Bilder aus Mitteleuropa sah ich kurz nach meiner Rückkehr nach San Bartolomeo; das Haus meiner Familie war noch intakt, und ich fand sogar den Fernseher funktionstüchtig vor. Kamerateams hatten sich mit Jeeps von Süden aus auf den Weg nach Zentraleuropa gemacht, um die Zustände festzuhalten. Wie schon die Berechnungen der Astrophysiker es nahegelegt hatten, war das Gebiet nicht einfach verschwunden. Das kreisrunde Areal mit einem Durchmesser von knapp 1500 Kilometern hatte zwar an der Oberfläche viel Masse verloren, insgesamt lag es aber im Schnitt nur einen Kilometer tiefer als das Umland. Das offenliegende Gestein war größtenteils leicht verstrahlt und deformiert, aber es war noch da. So sehr ich mich auch bemüht habe, ich konnte keine Fotografie der Ebene von damals finden; sie sind scheinbar schon alle zerstört worden. Ihr kennt die Ebene, von der ich spreche, vermutlich unter dem Namen Marquez-Rift, auch wenn die ursprüngliche Form und Größe nicht mehr zu erkennen ist.
Während der Wiederaufbau voranschritt, kam es im April zu einer ersten militärischen Krise im Mittleren Osten; die ehemaligen Machthaber weigerten sich, der Generaladministration beizutreten.
Ich  richtete mich wieder in San Bartolomeo ein und kontaktierte die Arbeitskollegen, die überlebt hatten: schließlich musste ich meinen Lebensunterhalt sichern. Im Mai arbeitete ich wieder als technischer Assistent für ein Büro des ehemaligen Innenministeriums.
Das nächste Jahr über, also vom Mai 89 bis zum Mai 90, arbeitete ich sehr viel. Der Wiederaufbau war das größte Projekt in der Geschichte der Menschheit. Viele der qualifizierten Arbeitskräfte waren tot, viele technische Einrichtungen zerstört, und zudem gab es immer wieder militärische Konflikte im Zusammenhang mit der Generaladministration, vor allem in Asien und Osteuropa. Aufgrund der leichten Aufstiegschancen erreichte ich schnell eine Position, von der aus ich Zugriff auf die Daten des ehemaligen italienischen Staates hatte. Ein Großteil der Erkenntnisse, die ich hier zusammengetragen habe, stammen aus dieser Quelle.

Zeitindex +9

Es muss absolut unverständlich sein, wie wir dies alles tun konnten – wie wir ignorieren konnten, was die meisten von uns getan hatten. Wie wir die Große Schande ignorieren konnten. In diesen schrecklichen Wochen haben wir Menschen gezeigt, wozu wir fähig sind; wir haben alles Menschliche vergessen, einfach vergessen, und danach konnten wir uns nicht einmal daran erinnern. Die Frage quält auch mich; warum konnten wir einfach weiterleben?
Auch hierzu gibt es keinerlei Untersuchungen mehr, sie sind alle vernichtet worden, ich kann daher nur für mich und die Menschen sprechen, die mir davon erzählt haben, Vermutungen aufstellen. Für einige Zeit, sagen wir zwei Jahre oder auch drei, verlor ich wirklich kaum einen Gedanken an die Geschehnisse von 89. Manchmal wachte ich nachts schreiend auf, ich wurde manchmal auch von Albträumen geplagt, aber am Tage dachte ich kaum daran. Ich arbeitete in dieser Zeit kaum weniger als 12 Stunden pro Tag, auch an den Wochenende, es gab schließlich viel zu tun, für jeden: Vielleicht ist das ein Faktor, der uns verdrängen ließ. Ich weiß aus meinen Quellen, dass die Selbstmordrate unter Erwachsenen 89 und 90 immer noch weit höher war als vor der Großen Schande, aber schon 91 sanken sie deutlich. Nicht ich, aber eine russische Historikerin, mit der ich mich unterhalten konnte, stellte die Vermutung auf, dieses Phänomen sei mit dem zu vergleichen, das in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zu beobachten gewesen sei. Ich stimme ihr insofern zu, als dass wir leben wollten; wir wollten nichts von den Taten hören. Ich hatte überlebt, ich war der eine Mensch, der statistisch gesehen überlebt hatte, während fünf andere gestorben waren. Ich hatte den sicheren Tod schon vor Augen, die Vernichtung bereits akzeptiert. Und doch war ich noch am Leben: Wir hätten nicht überleben können, wenn wir die Große Schande akzeptiert hätten. Aber wir wollten überleben, also vergaßen wir unsere Schuld. Ich denke, dieser Wunsch nach Vergessen war der Grund, warum die meisten Menschen ihren Wohnort wechselten. In San Bartolomeo war ich der einzige der alten Bewohner, der wenigstens zeitweise noch dort lebte. Alle anderen, Nachbarn, Freunde und Bekannte waren weggezogen.

Zeitindex +10

2093 war der Wiederaufbau größtenteils abgeschlossen, und in gewisser Hinsicht war es wenigstens in Italien fast so, wie es vor dem Untergang gewesen war. Alle wichtigen Ämter in dem aus der alten Generaladministration entstandenen Erdbund waren seit über einem Jahr besetzt, die letzten Konflikte in Indien und den ehemaligen USA waren beendet. Die Supermärkte füllten sich wieder mit Produkten aus aller Welt; die Geldwirtschaft kam wieder in Schwung. Die Zerstörung Mitteleuropas hatte große Industriezentren vernichtet, aber das brachte auch Vorteile mit sich. Die großflächige Abtragung hatte an einigen Stellen gigantische Erzlagerstätten freigelegt, und man war dabei, diese auszubeuten. Die Bevölkerungszahl wuchs langsam wieder an, zumindest legen das die Daten nah, die ich aus Europa bekam, ebenso war es in Nordafrika und Südamerika. Die Menschen gründeten wieder Familien; auch ich habe Ende 92 eine Arbeitskollegin geheiratet. Die großen Kirchen gehörten zwar der Vergangenheit an, aber einige evangelikale Sekten hatten überlebt und gründeten gemeinsam die Church of Restauration, die größte Religionsgemeinschaft nach der Großen Schande.
Und dann kehrten die Erinnerungen zurück. Es ist letztlich nicht genau zu klären, warum sie zurückkehrten, aber sie taten es. Es war ein schleichender Prozess, der sich zeitlich nicht genau einordnen lässt. Er war natürlich hochgradig individuell bestimmt, und bei mir dauerte es bis Mitte 94. Bei anderen müssen die Fragen früher zurückgekehrt sein.
Feststeht, dass im Januar 94 die erste Dokumentation zur Große Schande über die Kanäle lief. Journalisten aus Spanien hatten sie erstellt, ihrem eindringlichen Vorwort nach, weil es ihnen ein persönliches Bedürfnis gewesen war, über die Vergangenheit zu sprechen. Der Erdbund reagierte nicht: man ließ die Ausstrahlung geschehen. Ich denke, das ist auch ganz natürlich; die Regierungsvertreter waren genauso beteiligt, genauso betroffen wie alle anderen lebenden Menschen, und so wussten sie nicht, was sie tun sollten. Ich denke, selbst die Militärs haben an diesem Abend fassungslos auf den Fernseher gestarrt und ebenso geweint wie viele andere Menschen auch. Die Ausstrahlung führte zu einigen Selbstmorden und wenigen Ausschreitungen, aber im Großen und Ganzen waren die Menschen einfach fassungslos. In anderen Regionen der Welt mag der Film stärkere Reaktionen ausgelöst haben, aber davon weiß ich nichts. Ich war zu dieser Zeit schon stellvertretender Verwaltungschef für den Bezirk Italien/Marokko, und natürlich telefonierte ich noch an diesem Abend mit einigen Experten, befragte sie, soweit es möglich war, nach den Konsequenzen der Ausstrahlung. Man konnte mir Zahlen vorlegen, die den aufkommenden Wunsch nach Beschäftigung mit der Geschichte bestätigten. Die Dokumentation war vielleicht ein Multiplikator für das Denken einiger Menschen, sie trieb den Prozess der Bewusst-Werdens voran, aber sie war nicht der Grund für diesen Prozess, allenfalls ein Auslöser.

Zeitindex +11

Es dauerte einige Wochen, bis eine weitere Dokumentation gesendet wurde. In der Zwischenzeit wurde noch kein öffentlicher Diskurs geführt, die Menschen hatten den ersten Film gesehen, und in vielen hatte er eine Tendenz bestärkt, aber die wenigsten sprachen darüber. Ich hatte die Dokumentation mit meiner Frau zusammen angesehen, und auch wir beide waren tief betroffen; dennoch sprachen selbst wir nicht darüber, nicht über den Film, nicht darüber, wo wir zu dieser Zeit gewesen waren und was wir getan hatten.
Die zweite Dokumentation war von Anfang an als Serie ausgelegt. Ein Zirkel um die Produzenten herum gehörte, so erfuhr ich später, zur Church of Restauration, und wahrscheinlich hatten sie auch ein originär religiöses Interesse an der Thematik. Jedenfalls ging die Serie sehr viel mehr ins Detail. Sie zeigten sogar eine Aufnahme aus Tropea, allerdings vor meiner Ankunft; das verwackelte Foto, offenbar mit einer digitalen Kamera aufgenommen, zeigte Leichen und eine brennende Tankstelle. Man erwog schon zu dieser Zeit, weitere Ausstrahlungen zu unterbinden, doch die Administration zögerte: das Interesse an den Geschehnissen zog sich durch alle Gesellschaftsschichten und machte auch vor den Ministerien nicht halt. Auch in meinem Stab wurde darüber diskutiert, die Sender abzuschalten, aber ich lehnte es noch ab.
Letztlich war es unvermeidlich, dass die Menschen irgendwann über die Vergangenheit sprachen; der Charakter der Dokumentationen veränderte sich entsprechend. Es waren nicht mehr nur kommentierte Bildfolgen, immer häufiger wurden Psychologen interviewt und Menschen nach ihren Taten befragt. Die Stimmung kippte langsam; auch ich bemerkte, wie ich immer nachdenklicher wurde. Immer seltener sah ich Menschen lächeln: die Statistiken von damals belegten den Stimmungswandel. Ein Psychologe aus meinem Stab erklärte mir, das die Menschen sich in einem seltsamen Zwiespalt befanden. Einerseits zwang sie etwas, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen; andererseits führte die Beschäftigung zu einer Art von Unzufriedenheit, die kaum zu überwinden war. Ich verstand damals nicht gleich, was er meinte, auch deshalb, weil mich persönlich diese Unzufriedenheit noch nicht wirklich ganz erfasst hatte. Deshalb hatte ich mir auch noch keine Gedanken darüber gemacht, welche Auswirkungen das ganze haben würde. Jedoch denke ich, dass die Lösung für all dies schon damals in einigen Köpfen schlummerte.

Die Große Schande (2)

Diesen Artikel drucken 25. März 2009

Liebe Leser, auf Anregung Dritter werde ich die weitere Veröffentlichung etwas verzögern: jeden Tag um die 1000 Worte sind wohl auch etwas viel. Daher erscheint der dritte Abschnitt von „Die Große Schande“ am nächsten Donnerstag und dann jeweils wöchentlich.

Zeitindex +4

Als ich das Radio einschaltete, hatte das Töten schon begonnen. Irgendein Korrespondent berichtete gehetzt von den Ausschreitungen in einer Kleinstadt bei Barcelona. Heute glauben viele, dass die Medienberichten in den ersten Stunden als eine Art Multiplikator gewirkt haben müssen, denn schließlich schlugen nicht alle zugleich los; manche taten es sofort, bei anderen dauerte es einige Stunden; letztlich erreichte es fast alle. Wir hatten glaubten, die Menschen würden innehalten; wir glaubten, dass wenigsten die Religiösen das Ende in Gleichmut erwarten können. Wir waren sogar so vermessen, wenigstens uns selbst für besonnen zu halten. All das war, wie wir wissen und wie nun auch ihr wissen werdet, ein Trugschluss. An den ersten beiden Tagen des Novembers starben nach groben Schätzungen 526 Millionen Menschen. Ich kann nicht definitiv sagen, wie viele davon Selbstmord begingen, viele waren es nicht, in jedem Fall überwogen die Morde. Ich weiß nicht, warum die Menschen töteten; ich weiß nicht, warum ich tötete. Ich erinnere mich an eine ältere Frau aus dem Haus nebenan, die ich totschlug; ich erinnere mich an ihr Gesicht, an ihr Schreie, an ihr Flehen, aber nicht an das Warum. Ich erinnere mich auch an nichts Animalisches, an keine Ekstase. So war es bei allen, die ich umbrachte; ich tat es einfach, ich tat es geplant, ohne Wut, aber auch ohne Grund. Natürlich waren unter meinen Opfern auch solche, die mich töten wollten, und manchmal möchte auch ich mich heute noch darauf zurückziehen, dass ich in Notwehr gehandelt habe, aber das ist einfach nicht die Wahrheit; die Frau etwa, von der ich sprach, sie saß in einem alten Lehnstuhl auf ihrer Veranda. Als sie mich kommen sah, kreischte sie.

Zeitindex +5

Es gibt auch keine Studien zu der Frage nach den Gründen. Ich habe versucht, unauffällig Daten darüber zu sammeln, und alle, mit denen ich sprach, sagten mir Ähnliches. Es schien uns egal zu sein: Es war egal. Aus irgendeinem Grund waren in uns alle Dämme gebrochen, weil wir das Ende erwarteten, und das Allzumenschliche brach hervor. Wir brachten unsere Frauen und Männer um; unsere Kinder, unsere Nachbarn, irgendjemanden; wir brandschatzten, vergewaltigten; wir feierten. Niemand kann mir sagen, was wir feierten, vielleicht feierten wir einfach Nichts. Ich weiß es nicht, und die Erinnerung daran ist verschwommen. Wir tranken, wir koksten, wir konsumierten alles, was wir finden konnten. Natürlich blieben wir dabei die meiste Zeit allein und saßen zugedröhnt in irgendeinem Keller, aber in den größeren Städten soll es Nachts einen regelrechten Waffenstillstand gegeben haben, ohne dass irgendjemand diesen hätte ausrufen müssen oder können. Wenn der Rausch vorbei war, dann zogen wir wieder los und brachten jemanden um.
Die Große Schande (2) Man sollte glauben, dass diese Lebensweise irgendwann ermüdete; das man mit jedem Rausch, mit jedem Toten müder wurde, bis schließlich die Lethargie und das Versöhnliche überwog. Heute erscheint es auch mir unverständlich; irgendwann hätten wir genug haben müssen. Dann hätten wir uns auf den Boden gesetzt und auf das Ende gewartet, darauf, dass es endlich kam. Aber diese Sättigung setzte nicht ein; die Menschen feierten, die Menschen töteten, immerzu, immer wieder. Meine Frau und meine Tochter starben am 10. November. Ich weiß nicht, ob ich es war; ich habe nur eine zerfetzte Notiz mit diesem Datum bei ihren Leichen gefunden. Es war in meiner Handschrift verfasst; ich hoffe dennoch, es nicht selbst getan zu haben. Vielleicht war es jemand anders, wer weiß das schon. Ich lebte zu dieser Zeit in einem dünn besiedelten Gebiet in Italien, und dennoch habe ich mindestens 60 Menschen erschossen, erstochen oder totgeschlagen. Dabei kann ich mich noch ein wenig an die Gesichter erinnern, das ist alles. Ich weiß weder, wo ich in der Zeit bis zum 18. genau war, noch weiß ich, wie ich letztlich nach Tropea gelangte. So gut wie es möglich war, sprach ich mit anderen darüber; ein Mann aus Madeira versicherte mir erst letzte Woche, nicht weniger als 1200 Menschenleben ausgelöscht zu haben, einen ganzen Wohnblock.

Zeitindex +6

Niemand weiß, wie viele Menschen im Zeitraum vom ersten bis zum 18. November starben und wie viele vorher schon gestorben waren. Feststeht, dass es am 18. November wohl noch etwa 1600 Millionen Menschen gab. Das Objekt muss zu diesem Zeitpunkt einen Durchmesser von nicht weniger als 850 Kilometern besessen haben, ich erinnere mich, es über den Bergen gesehen zu haben. Es hatte die Farbe des Himmels, das weiß ich noch, und wenn man nicht auf das leichte Glitzern achtete, dann konnte man es fast übersehen. Ich verbrachte den Tag damit, einen alten Bauern, der ein alter Freund meines Vaters gewesen sein muss, durch die Halbwüste zu hetzen. Er lief noch schnell für sein Alter, aber letztlich muss ich ihn doch eingeholt haben; ich erinnere mich daran, dass ich ihn fallen sah. Möglich, dass ich den finalen Termin wirklich vergessen hatte. Vielleicht war er mir auch nur gleich. In meinem Bild von diesem Tag ist da einfach nur die Sonne, das glitzernde Ding im Norden und das Brennen der Pillen, die ich irgendwo eingeworfen hatte.
Als die Sonne unterging, legte ich mich wohl hin, einfach dort, wo ich gerade war: ich sah den Himmel über mir. Ich hatte keinen Hunger, keinen Durst; Ich hatte noch genug Tabletten bei mir. Irgendwann hörte ich das Geräusch, dass ich schon einmal zuvor gehört hatte. Einige Zeit später stand ich auf und sah in Richtung Norden.
Das Objekt verschwand gegen 22:30 Uhr vollständig. Niemand weiß es so ganz genau, weil kaum jemand auf die Uhr schaute.

Die Große Schande (1)

Diesen Artikel drucken 24. März 2009

Liebe Leser, ich habe nach langer Arbeit einen sehr schönen Text fertiggestellt. Aufgrund seiner Länge habe ich beschlossen, ihn zunächst stückweise zu veröffentlichen. Jeden Tag um 10 Uhr erscheint ein neuer Teil. Viel Spaß beim Lesen.

Zeitindex +0

Was würde geschehen, wenn die Welt morgen aufhören würde zu sein?
Was wäre mit den Menschen, wenn sie davon wüssten?
Wie würden sie sich verhalten? Wären sie wie Menschen? Wären sie wie Tiere?

Auf all diese Fragen gibt es eine Antwort, die man euch lange vorenthalten hat. Vielleicht ist es eine Art von Verrat, sie euch zu geben; vielleicht ist es falsch, den Schleier des Nichtwissens von euch zu nehmen. Nur die Geschichte wird ein solches Urteil fällen können – doch kann es ein solches Urteil noch geben, wenn es nicht die wahrhaftige Geschichte ist, die dort richtet, sondern eine erfundene, eine erlogene Geschichte?

Aus der Zeit des Anfangs ist nicht mehr viel erhalten. Bei der Suche nach Quellen konnte ich den genauen Ursprung, die genaue Ursache für das Ereignis nicht ausmachen. Klar ist, dass es im September 2088 erstmals von den Medien aufgegriffen wurde, aber da war die Anlage schon zerstört worden. Auch das Phänomen selbst konnte ich bei meinen Recherchen nicht eindeutig identifizieren; die meisten Aufzeichnungen sind schon gelöscht. Es muss sich um eine Art Artefakt gehandelt haben, nicht direkt um eine Singularität, aber um etwas Ähnliches; vielleicht ein unwahrscheinlicher Übergang oder eine lokale C-Streckung. Die Daten geben nicht mehr her. Wichtig ist nur, dass es rein physikalisches Objekt war; das wurde mehrmals empirisch bestätigt. Nach den Messungen hatte es die vorausberechnete Abstrahlcharakteristik eines Nullstrahlers, kaum gefährlich, wenn man sich nicht in direkter Nähe befand.

Zeitindex +1

In den ersten Tagen wussten wir genauso wenig, was vorging, wie die Journalisten; im Fernsehen sah man immer wieder diesen dunklen Fleck mitten in einem Rapsfeld irgendwo in den Alpen; der Fleck reflektierte zum Teil die dunkle Erde, aber an einigen Stellen auch den Raps, und ich erinnere mich, in einer Liveschaltung das Wachstum dieses Flecks verfolgt zu haben; ich sah es mit meiner Tochter zusammen. Es war vielleicht die Spiegelung des gelben Rapses, die eine Panik noch verhinderte. Irgendwie schien es nicht gefährlich, dieses kleine Ding im Raps. Dennoch war klar, das etwas sehr Beunruhigendes vorging, zumal man zusehen konnte, wie das Ding langsam wuchs. Trotzdem verschwand es gegen Mitte September aus dem Programm, vermutlich hatten die Regierungen einen Informationsstop verhängt.
Ich weiß nicht mehr, was zwischen Mitte September und Anfang Oktober geschah, aber das ist nicht ungewöhnlich. Es muss Alltag gewesen sein; von dem ist mir nicht viel geblieben aus dieser Zeit.
Am 3. Oktober wurde das Ding schlagartig größer. Es muss vormittags geschehen sein, oder aber erst gegen Mittag. Der Durchmesser vergrößerte sich wohl von drei Metern auf 100 Kilometer, so sagte man es zumindest in den Nachrichten. Die meisten Berichterstatter in der Schweiz wurden von dem Ding einfach verschluckt, in Sekunden oder Minuten, daher gab es nur noch Satellitenbilder von dem Objekt. Aus dem Orbit sah es aus wie eine dunkle Blume; die Sterne funkelten darin, und der Kommentator wurde nicht müde, auf den silbernen Fleck hinzuweisen, der die Spiegelung des Satelliten zu sein schien.

Zeitindex +2

Wenn ich daran zurückdenke, ist es seltsam, was mir erhalten geblieben sind; das Ding verschwand von da an nicht mehr aus dem Fernsehen, und ich weiß noch genau, was die Fernsehsprecher berichteten, immer und immer wieder. Dutzende von Wissenschaftler wurden interviewt, sie alle sagten immer nur das gleiche. Eine präzise, physikalische Antwort lieferten sie nie, aber das mag dem Publikum geschuldet gewesen sein. Irgendwann muss ich im Netz einige theoretische Arbeiten dazu gelesen haben, die man hektisch zusammengestückelt hatte, aber daran erinnere ich nicht mehr genau. Daher kann ich auch nicht sagen, was genau dieses Ding war. Geblieben sind mir vor allem diese Bilder auf dem Bildschirm. Die aus dem Rover, den man an das Loch heranfuhr; die Spiegelung des Rovers in einem silbrigen Nichts, das sich langsam ausdehnte. Die Metallstange, die man in die Anomalie schob, um sie entsprechend verkürzt und mit glühendem Ende wieder herauszuziehen. Die Aufnahmen von den startenden Interkontinentalraketen, ihr wirkungsloses Eindringen ins Ziel.
Ich denke, es dauerte etwa ein oder zwei Wochen, bis die Prognosen kamen. Ich erinnere mich an drei oder vier Interviews mit Theoretikern, die plötzlich durch Bildstörungen beendet wurden; ich nehme an, die Regierungen oder das Militär haben die Ausstrahlung unterbunden. Letztlich war das egal; einige Sender gingen nach diesen erzwungenen Störungen nie wieder auf Sendung, auf anderen konnte man später die kalkweißen Gesichter der Reporter sehen, die stotternd nach einer Entschuldigung suchten. Es war klar, dass es schlimm um uns alle stand, und das auch ganz ohne wissenschaftliche Erklärung. Zu diesem Zeitpunkt gab es die ersten Unruhen, meist in den größeren Städten. Einige Endzeitsekten begingen kollektiven Selbstmord, wenn die Armee sie nicht daran hinderte. Im Großen und Ganzen jedoch blieb es relativ ruhig; Gewaltausbrüche wurden rigoros niedergeschlagen. Das Fernsehen zeigte zwischen Nachrichten und Satellitenbild immer häufiger Gottesdienste oder Andachten; einmal habe ich sogar eine Live-Übertragung aus einer Moschee gesehen. Auch in meiner Gegend gingen immer mehr Menschen in die Kirche. Vielleicht war ich auch da, einige Male, das ist möglich, mit Gewissheit kann ich es nicht sagen.
Schließlich, es muss Mitte Oktober sein, wurde auf allen Sendern gleichzeitig der Wortlaut eines Papiers verlesen, auf dass sich die nationalen Wissenschaftsräte geeinigt hatte; ich weiß nicht, warum die Regierung es zuließ, vermutlich warum sie zu der Überzeugung gelangt, dass alle das Recht hätten, es zu erfahren. Mir ist nicht bekannt, wie sie zu diesem Entschluss gelangten; ich kann ihn dennoch gut verstehen.

Zeitindex +3

Der Bericht hielt sich nicht lange mit Erklärungen auf, er nannte Daten. Jeder Mensch, den damals lebte, muss den Wortlaut noch genau in Erinnerung haben; Unsere Berechnungen hinsichtlich der Entwicklung der Störung wurden auf nationaler und auch auf internationaler Ebene hundertfach wiederholt und mehrfach verglichen. Es gibt keinen Zweifel daran, dass der Radius des Objekts mit einer mittleren Geschwindigkeit von 50m pro Tag wachsen wird. Weiterhin ist unstrittig, dass nach der sprunghaften Expansion, die wir schon erlebt haben, weitere folgen werden. Es ist uns uns möglich gewesen, diese Sprünge exakt zu berechnen. Am 1. November wird es in den Morgenstunden auf einen Radius von etwa 743,25 Kilometer plus minus drei Meter anwachsen. Am 18. November wird es gegen 22:00 Uhr auf einen Radius von 11343,34 Kilometern plus minus zwei Meter anwachsen. Damit wird die Anomalie die gesamte Erde einschließen. Die Chance, dass nach diesem Zeitpunkt noch irgendeine Art von Leben auf der Erde existiert, ist Null.
Nachdem ich diese Worte zum ersten Mal gehört hatte, sah ich herüber zu meiner Frau. Sie hielt unsere Tochter im Arm. Beide weinten; das ist der letzte Moment mit ihnen, der mir im Gedächtnis geblieben ist.
Ich weiß nicht, warum sie das Wort Weltuntergang nicht verwendeten, auch nicht Apokalypse, nicht Armageddon. Nach der Verlesung jedenfalls waren die Fernsehsender voll von diesen Worten, zumindest, solange sie noch arbeiteten. Eigentlich war jedes Gespräch voll von diesen Begriffen und vor allem von diesem Gedanken.
Natürlich gab es unmittelbar danach große Unruhen; Buenos Aires brannte, Tokio. New Orleans. Einige europäische Städte fielen ebenfalls in den ersten Tagen nach der Botschaft. Was in Zentral- und Ostasien geschah, kann niemand mehr genau sagen, die Chinesen kappten alle Verbindungen zum Ausland und es sind zu wenige Menschen übrig geblieben, die man heute noch fragen könnte. Das Militär zog sich aus den Unruhegebieten zurück, zumindest war das die Aussage der wenigen verbliebenen Fernseh- und Radiosender. Dennoch herrschte eine doch recht gefasste Stimmung. Soziologen und Psychologen meiner Generation wussten nie, warum das so war; einige schoben es auf eine Art retardiertes Moment der menschlichen Psyche, andere verwiesen auf lang tradierte, äußerst stabile gesellschaftliche Systeme und meinten damit vor allem die Kirchen.
In der Tat waren die Kirchen in diesen Tagen voll mit Menschen, ich bin mir sicher, ich war auch einer von denen, die sich dorthin flüchteten. Andere zogen sich in ihre eigenen Vorstellungen zurück; in die von einem Jenseits, in die von einer letztendlichen Gerechtigkeit, die die Menschheit nun traf. Wieder andere hielten ihre politischen Botschaften aufrecht, manchmal sah man sie noch im Fernsehen. Sie sprachen vom Frieden; oder von der Würde des Menschen, die selbst im Angesicht des Untergangs nicht verloren ging. Und tatsächlich verlief sogar die Flucht der Millionen Mitteleuropäer nach Westen oder Osten recht ruhig ab.
Dann, es muss in den letzten Tagen des Oktobers gewesen, leerten sich die Kirchen wieder. Niemand weiß, woran das lag; die Wissenschaftler haben auch hierzu ihre Theorien, aber keine klingt in meinen Ohren plausibel. Ich weiß nur, dass der Fernseher plötzlich nur leere Kirchen zeigte.
Irgendwann am Morgen des 1. Novembers hörte ich ein lautes Geräusch; ich saß auf der Terrasse, niemand von uns hatte schlafen können. Es war ein Geräusch wie das eines Autos, das scharf bremste, nur viel durchdringender und lauter. Ich erinnere mich, wie ich nach Norden sah; es war noch dunkel, aber ich konnte das silberne Glänzen des Lochs erkennen. Mitteleuropa war verschwunden.

Fortsetzung folgt.

Schneeflocken

Diesen Artikel drucken 6. November 2008

Als ich klein war, da hat es einmal geschneit: natürlich hat es sicher viele Male geschneit, als ich noch klein war, aber dieses eine Mal ist mir im Gedächtnis geblieben. Ich stand auf der Veranda und sah hinaus auf die Straße. Weiße Flocken tanzten in der Luft, und eine schwebte sacht am Dach des Hauses vorbei, wurde von einem leichten Windhauch auf die Veranda geweht und landete in meiner geöffneten Hand oder besser, meinem Handschuh. Voller Verwunderung sah ich dieses weiße, unförmige Ding an: schon damals waren meine Augen ziemlich schlecht (und natürlich hasste ich meine Brille), so dass ich nicht viel erkennen konnte: Aber ich sah, dass die Schneeflocke – meiner damaligen Sprache nach – aus sehr vielen kleinen Schneeflocken bestand, das Wort ‘Eiskristall’ kannte ich damals ja noch gar nicht, und wirklich erkennen konnte ich diese ohnehin nicht. Ich sah nur ein Glitzern und die seltsam losen, aber doch stabil verbundenen kleinen Dinge, die die größere Flocke formten. Von dieser Struktur war ich fasziniert: ich hatte so etwas nie gesehen und fragte mich, wie sie zu Stande kam. Die Flocke löste sich förmlich unter meinem Blick auf; zu der Zeit glaubte ich, dass der Schnee einfach zu Luft wurde, wenn er schmolz; das ist sogar für ein Kind eine seltsame VorstelSchneeflockenlung, aber so dachte ich es mir wohl.
Als ich bald darauf wieder hineingerufen wurde (meine Mutter war immer sehr ängstlich, was meinen Gesundheitszustand anging), fragte ich meinen Vater danach, warum die Schneeflocken nicht einzeln vom Himmel fielen, sondern in größeren Ballen: ich glaube, es dauerte eine Weile, bis er meine Frage verstand. Ich weiß nicht, ob er die richtige Antwort wusste (eigentlich hat es wohl damit zu tun, dass die Eiskristalle in einer Wolke sich ja in Bewegung befinden und sozusagen aneinander kleben bleiben – aber genau weiß ich das nicht) oder ob er sie nicht kannte: vielleicht dachte er sich, die physikalische Antwort sei zu unromantisch oder zu schwer für ein Kind. Aber er hatte ohnehin ein Faible für Geschichten aller Art, vor allem für Märchen, und es ist gut möglich, dass er mir nur deshalb diese andere Antwort gab, denn nachdem er mich kurz etwas verträumt angeschaut hatte (ich wollte immer augenblicklich eine Antwort auf meine Fragen, daher ist mir dies im Gedächtnis geblieben), erzählte er mir folgende Geschichte:
Vor langer Zeit, als die Menschen noch in Höhlen aus Stein lebten, da gab es noch keine Autos und auch kein Haus aus Stein: aber natürlich gab es schon den Schnee. Im Winter fiel er in den Tälern, wie er heute auch bei uns fällt; das ganze Jahr über fiel er in den hohen Bergen.
Doch damals war es anders mit den Flocken; sie fielen ganz allein, und so sah es eher aus wie ganz feiner Nebel, wenn die einzelnen Schneeflöckchen zu Boden schwebten, oder wie ein ganz feiner Nieselregen.
Die einzelnen Flöckchen, so erklärte er mir, sind so klein, dass der Weg zu Boden aus ihrer Sicht beinahe eine Lebensspanne dauert, so klein, dass der Abstand zwischen ihnen immer groß ist, egal wie dicht die Flöckchen auch fielen. Und so sahen sie ihre Artgenossen (dieses Wort wird er nicht verwendet haben, aber es war etwas Ähnliches) nur aus großer Entfernung, und weil sie eben so schlechte Augen hatten wie du, konnten sie auf diese Entfernung fast gar nichts von den anderen erkennen.
Einmal jedoch, da passierte das Unvermeidliche; zwei der Schneeflöckchen hatten so etwas wie einen Auffahrunfall (diesen Ausdruck hat er wirklich benutzt, glaube ich – ich kannte ihn, weil wir einmal einen Unfall mit dem Auto hatten), und obwohl die Natur es eigentlich anders eingerichtet hatte, rasten die beiden nicht etwa haarscharf aneinander vorbei, sondern prallten direkt aufeinander.
Natürlich herrschte zwischen beiden erst einmal betretenes Schweigen: So etwas war noch nie, nie passiert, und keiner wusste recht, was er tun sollte. Schließlich begann eine der beiden zu reden, und natürlich entbrannte ein Streit darüber, wer nun schuld sei an dem Unglück: doch nach einer Weile ging der Streit in eine Diskussion über, schließlich in ein normales Gespräch. Es dauerte lange, bis den Flöckchen gewahr wurde, wie lange sie schon sprachen und wie viel länger noch sie schon zusammen durch den Himmel schwebten.
Sie wussten natürlich, dass man es anders eingerichtet hatte für die Schneeflöckchen, aber ihnen war ebenso klar, dass es keinen Zufall sein konnte, dass ausgerechnet sie aufeinandergeprallt waren, obwohl das doch noch nie vorher geschehen war.
Schließlich kamen sie zu dem Schluss, dass ihre Aufeinandertreffen so etwas wie Schicksal sein musste: nach dem langen Gespräch hatten sie Gefallen aneinander gefunden, und auch wenn es noch Tausende von Auf- und Abs brauchen würde, bis sie sich des ganzen Ausmaßes ihrer früheren Einsamkeit bewusst werden würden, empfanden sie so etwas wie Traurigkeit, als sie den Boden nach langer Zeit näherkommen fühlten. Und sie versprachen sich, wieder zusammen zu reisen, wenn sie wieder in den Wolken ankämen.
So taten sie es auch, und das alles sprach sich bald herum in den Wolken, über den Tälern, auf den Bergspitzen. Andere folgten ihrem Beispiel; immer mehr von ihnen reisten jetzt zu zweit, manche sogar zu zehnt, schließlich reisten sie beinahe immer in großen Gruppen.
Mein Vater sagte mir noch, dass man sogar hören könne, wie sich die Flöckchen flüsternd voneinander verabschiedeten; das sei das Geräusch, das sie beim Auftreffen auf den Boden machen.
Ich hörte ihm damals gebannt zu und hielt die Vorstellung, die er in mir geweckt hatte, noch lange aufrecht, solange ich eben ein Kind war. Heute weiß ich natürlich, dass sie Unsinn ist, dass die ganze Geschichte nur ein Märchen ist. Aber trotzdem beeinflusst sie mich manchmal: Sie gefällt mir immer noch. Ich denke, es hat wohl damit zu tun, dass ich gern glauben möchte, jede gute Geschichte und überhaupt jede gute Sache in der Welt beginne mit der Entscheidung zweier Wesen, sich zusammen auf einen Weg zu machen.

Discontra III

Diesen Artikel drucken 20. Mai 2008

Keine Zeilen, nur Schritte mit nichts als der Leere der eigenen Seele dazwischen, darüber Worte wie das überreizte Rauschen eines tauben Wasserfalls.
Keine menschliche Stimme spricht sie aus, keine Wärme und kein Happy End dahinter, aber auch keine Raserei und kein Exzess, nur Worte, nicht mehr als Bedeutungen ohne Beziehung, ohne Ursprung, all das, Emotion, Intention, Relation, herausgeschnitten oder – genauer – gefiltert, überlagert. Leerer als die Zeit zwischen den Schlägen ist nur der Raum, der nur sich selbst anbietet – (er)finde deine eigene Geschichte oder stirb, ich habe keine für dich, ich bin dein und nicht mehr als das.
Und wirklich, da ist niemand, niemand außer dir selbst, das denkst du noch, drehst sich dabei schwerelos im leeren Raum.
So bist du also Astronaut geworden, schwebst weit ab um den Planeten, auf dem du einst lebtest. Warst du auch damals schon allein?

Ein Gebäude (3)

Diesen Artikel drucken 5. Januar 2008

Wenn er nachts durch die Flure schleicht, dann bleibt er ab und zu stehen und horcht: Er schaut links und rechts die Gänge hinunter. Manchmal bleibt er auch unvermittelt stehen und lauscht auf etwas, dass nur er hören kann. In diesem Gebaren hat er eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Katze. Er bewegt sich kaum so geschmeidig wie eine Katze, aber ebenso leise; vielleicht ähnelt er auch eher eine Ratte, die mal hier, mal dort schnüffelt und etwas Essbares zu erspähen sucht; ja, eine Ratte, das kommt auch seiner Gestalt recht nahe.

Früher, als noch alles anders war, da war er ein recht hochgewachsener Mann mit einem etwas dümmlichen, aber klaren Ausdruck in den Augen gewesen: Etwas besonderes war er nie. Seine Vergangenheit war, inzwischen sogar für ihn, nicht der Rede wert; irgendwann nach einer mittelmäßigen Karriere als Kleinkrimineller hat er einmal angefangen, als Hausmeister zu arbeiten, und das tut er immer noch. Ein gewisses Geschick für die kleinen technischen Dinge war ihm schon immer gegeben gewesen, und so konnte er in diesem Beruf einigermaßen über die Runden kommen. Vor diesem Gebäude hat er schon viele andere betreut, Facility Management nennt man das heute, aber das weiß er nur aus seinem Arbeitsvertrag, und an den denkt er nur selten.
Die Menschen, die ihn heute noch sehen, haben seine Veränderung kaum erkannt; sie meiden ihn, wenn sie können, ansonsten sind sie so freundlich wie nötig, um das zu bekommen, was sie von ihm brauchen; meist Hilfe bei verklemmten Türen, streikenden Steckdosen, verstopften Abflüssen, Blutflecken im Flur.
Auch er selbst ist sich der Veränderung nicht immer bewusst; noch kann man von einem Leben sprechen, dass er lebt, vielleicht werden es einmal zwei verschiedene werden, die nichts voneinander wissen. Physisch gesehen ist er in jedem Fall immer noch eine Einheit, auch wenn sich sein Aussehen verändert hat; Sein Rücken ist ganz krumm geworden in den wenigen Jahren, die er hier schon arbeitet. Die Schultern geben langsam der fehlenden Spannung der Nackenmuskeln nach und haben sich dicht an das Rückgrat gelehnt, und so macht er den Eindruck eines alten Kirchenschiffs, das langsam in sich zusammensinkt. Die Augen sind meist blutunterlaufen und liegen in tiefen Kratern, im Halblicht der nächtlichen Beleuchtung kann man sie kaum erkennen. Manche der Schwestern tuscheln, er trinke, aber das stimmt nicht.

Aber nicht nur er hat sich verändert; auch alles um ihn herum ist anders geworden. Als die seltsamen Selbstmorde begannen, war er es gewesen, der Gitter vor den Balkonen anschraubte. Doch danach waren immer wieder Menschen vom Dach in den Tod gestürzt, und niemand konnte es sich erklären; Studenten waren unter den Toten, Ärzte, Patienten, Schwestern. Die meisten hatten sich gegen Morgen das Leben genommen, meist während eines langen Bereitschaftsdienstes oder nachdem sie einige Stunden geschlafen hatten. Inzwischen ist das der Grund, warum immer mehr Angestellte das Gebäude verlassen und nicht wiederkommen. Auch die Patienten meiden das Gebäude, wenn es möglich ist. Einen Teil der Bettenhäuser hat man schon stillgelegt, weil es nicht genug Personal gibt. Die wenigen, die bleiben oder bleiben müssen, weil sie keine andere Anstellung finden, leisten nur ungern Nachtdienste; manche munkeln, es spuke in dem Komplex. Die Ärzte, die Schwestern, ja sogar schwer kranke Patienten versuchen sich in der Nacht mit Fernsehen, Spielen und Aufputschmitteln wach zu halten, um ja nicht einzuschlafen: Mit trüben Augen und leerem Blick wanken sie dann durch die Gänge, starren auf die Uhren, warten, gehen, warten.

Es gibt nur noch einen, der in diesem Gebäude schläft, und das ist er, der Hausmeister. Er ist schon immer von einfachem Gemüt gewesen, und auch deshalb ist er sich dessen gar nicht so recht bewusst. Es fing ganz kurz nach den ersten Selbstmorden an. Er erinnert sich gut daran, denn er war es, der die Blutlachen im Innenhof beseitigen musst; das gefiel ihm nicht, beim ersten Mal war ihm sogar schlecht gewesen. Doch nach ein paar Malen gewöhnte er sich daran, es war auch nur Dreck, Dreck, wie er ihn jeden Tag beseitigte, wenn etwa ein Unfallopfer durch die Flure geschoben wurde.

Dann begannen die Träume. Es waren Albträume, aber seltsame sterile; viele der Menschen, die hier arbeiteten, hatten auch solche gehabt, aber er war der einzige, der sich an einzelne erinnerte. Anfangs waren sie schockierend gewesen, Träume von seltsam verdrehter Grausamkeit, Bilder von den Blutlachen, aber aus einer merkwürdigen Perspektive betrachtet. Menschen, die in den Tod stürzten, Schreie und immer wieder ein verkrüppeltes Lachen wie von Blechdosen, die man zusammendrückte. Und am Ende jedes Traumes ein riesiges Raubtier, so riesig, dass man es nur hören, aber nicht sehen konnte, als wäre man bereits verschlugen worden.

Damals hatte auch er darüber nachgedacht, das Gebäude zu verlassen und zu kündigen. Aber draußen gab es nichts für ihn; eine Frau oder Freundin hat er nie gehabt, Freunde auch kaum. Seine Eltern waren früh gestorben. Vor den Träumen hatte er das Gebäude schon seit Jahren nicht mehr verlassen; er wohnt in einem ausrangierten Patientenzimmer. Was er braucht, kauft er im hauseigenen Laden, wo er Rabatt bekommt; er isst immer in der Kantine.
Es gab nichts, wo er hätte hingehen können, und deshalb blieb er. Am Anfang fiel ihm das schwer, die Träume verstörten ihn mehr und mehr, er schlief wenig. Doch nach einer Weile verflog der Schrecken. Er hatte sie immer noch, diese Albträume, sie machten ihm immer noch Angst; aber es war eine andere Art von Angst, eine sterile vielleicht. Er wachte nicht mehr schweißgebadet auf. Seine Angst vertrocknete langsam, wurde zu einer Konstante seines Alltags, die ebenso wie andere Routinen keine Reaktion mehr provozierte. Mehr noch; in gewisser Weise begann er, etwas Beruhigendes in der ständigen Präsenz dieses großen Tieres zu sehen.

Dann, irgendwann, fiel die Lüftung in seinem Zimmer aus; er bemerkte das nicht sofort, denn das Rauschen der kleinen Lüfter in Decken und Wänden ist zwar allgegenwärtig, aber leise – so leise, dass es drei Nächte dauerte, bis er es bemerkte.
Was ihm auffiel, das war das Fehlen der Träume – sie schwanden zusammen mit dem Flüstern der Lüftung.
Er muss den Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen erkannt haben. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, tauschte er nach diesen drei Nächten den Lüfter in seiner Decke aus und hatte fortan wieder seine Träume.

Er vermutet manchmal, diejenigen, die schon den Tod gefunden haben, könnten ähnliche Träume gehabt haben. Dann fragt er sich auch, warum er nicht gesprungen ist, und weiß die Antwort, ohne sie aussprechen zu können. Seit die Träume da sind, ist er unwirscher geworden, er spricht kaum noch mit anderen Menschen. Die anderen, selbst verängstigt, manche vielleicht schon vollkommen von Sinnen, meiden ihn umso mehr, aber das stört ihn nicht mehr. Wenn sie etwas von ihm wollen, dann lächelt er sie schief an und sein Gegenüber erkennt, dass dieses Lächeln aufgesetzt ist, nur eine Maske. Manche erkennen noch etwas anderes, etwas Bedrohliches in diesem Lächeln, etwas, dass sie an kaltes Linoleum erinnert, aber sie brauchen ihn, und deshalb akzeptieren sie das; einmal wollte man ihn ersetzen, aber niemand wollte seine Arbeit machen. Also ist er geblieben und kommt seinen Aufgaben nach: Wenn ihn jemand bittet, die losen Teile der Balkongitter wieder festzuschrauben oder die Wegweiser an den Wänden neu zu tünchen, dann lächelt er wieder schief und tut es.
Nachts jedoch, wenn er fast allein in dem Gebäude ist, da steht er manchmal auf, schleicht durch die Gänge, um ungesehen zu bleiben, und schraubt die Gitter wieder lose. Oder er reißt wahllos Pfeile von den Wänden. Oder sperrt Türen auf, die eigentlich verschlossen bleiben sollten.

Ihm ist nicht zu jeder Zeit klar, dass er das tut. Noch ist seine Psyche zwar ein zusammenhängendes Ding, eine Person. Doch sie ist verbogen, gekrümmt wie sein Rücken, und manchmal kann man deshalb nicht mehr von einem Ende hinüber zum anderen sehen. Dann kann er sich nicht daran erinnern, Hausmeister zu sein; oder er kann sich nicht daran erinnern, nachts aufgestanden zu sein.
Manchmal bemerkt er diese Lücken sogar; aber es berührt ihn nicht, im Gegenteil. Er ist gern die Ratte, er mag seine Metamorphose: dieses Wort kennt er noch nicht lange, jemand hat es ihm eingeflüstert. Er spricht es immer noch falsch aus, wenn er mit sich selbst redet.
Seine Metamorphose, seine Veränderung begann, nachdem er die Lüftung in seinem Zimmer erneuert hatte und er wieder seine Träume durchlebte.

Denn von nun an sprach das Raubtier zu ihm.

Ihm ist nicht klar, warum das so ist. Er versteht auch nicht alles, was dieses Ding zu ihm sagt. Manchmal jedoch erzählt es ihm einfach Geschichten, oft gruselige, brutale Märchen, in denen es um lebende Häuser geht und um kleine tückische Wesen, die sie bewohnen. In einigen Nächten trägt es ihm nur lange, monotone Gedichte vor, deren Begrifflichkeiten er nicht versteht; doch er versteht den Ausdruck, den die Stimme des Raubtiers dabei hat.
Manchmal gibt ihm das Ding auch Anweisungen; etwa den Auftrag, die Tür zum Dach wieder aufzuschließen. Er befolgt die Anweisungen immer sofort. Danach erzählt es ihm oft eine neue Geschichte. Die Stimme in seinem Kopf lässt nie einen Zweifel daran, dass er nichts bedeutet; er und das Tier werden nie Freunde sein, aber von Freundschaft hat er nie viel gehalten. Das Ding in seinen Träumen ist viel mächtiger und stärker als er, auch das versteht er. Aber das Tier braucht ihn für einige Tätigkeiten, und das macht ihn zu einem mächtigen Mann. Er hat sich noch nie im Leben so mächtig gefühlt, bevor er zu der Ratte wurde. Ratte, so nennt ihn das Ding in seinen Träumen.

Inzwischen kann er das Tier auch tagsüber hören, wenn er wieder durch die Korridore schleicht, leise und verstohlen; die Lüfter sind überall in dem Gebäude, die Stimme ist allgegenwärtig. Manchmal bleibt er dann stehen, meist unter einem der Lüftungsrohre, und lauscht der Stimme.
Ihm ist klar geworden, dass dieses Tier in den Mauern stecken muss, oder dahinter; mehr weiß er nicht, aber mehr will er auch nicht wissen. Ihm reicht die Gewissheit der Stimme in seinem Kopf. Er findet es nicht mehr falsch, wenn die Menschen vom Dach stürzen: Das Tier hat Recht, denkt er. Die anderen gehören nicht hierher. Diese Welt gehört nur dem Raubtier – und ihm.

Discontra (II)

Diesen Artikel drucken 7. Januar 2007

Wie wichtig das doch alles schien, wie überaus wichtig und unverzichtbar, alle die Namen, die vielen Namen und die geschützten Logos und Farbmuster, nein, niemand würde sie als austauschbar bezeichnen, es waren nicht nur Namen und Ikonografien, sie hatten etwas Magisches, Religiöses, etwas Geheiligtes. Sie schienen realeren Charakter zu besitzen als andere Dinge, sogar als Menschen, obwohl nichts Reales an ihnen war – aber was war schon real, war das nicht ohnehin ein leeres Wort, eine Farce, eine verdrängte Erinnerung an ein Außen, auf das hier nichts mehr verwies?
Dieser Ort war nicht mehr zwingend an Worte gebunden, im Gegenteil, er lehnte das Wort und die inhaltliche Kommunikation ab, sein Code war der des Tanzes und der Marken, der Brüste und Cocktails, und auch das schuf diese greifbare Indifferenz. Hier brauchte es kein Es mehr, kein Ich, schon der Lärm sublimierte jede individuelle Stimme und ließ nur kollektive Symbolik über, sexuelle, ökonomische, technologische. Alle vereint in einem seltsam anmutenden Konsens, denn was außerhalb als Widerspruch erschien, zeigte hier oft sein wahres Gesicht, ein Janusgesicht. Das Artifizielle, Menschengemachte und das Menschliche etwa, beides zerfloß hier, technische Prothesen stützten biologische-sexuelle Parameter, biologische Parameter verstärkten technische Prothesen, beides mischte sich mehr und mehr und schließlich war kaum noch zu entscheiden, was zuerst da gewesen sein könnte, ist es die Kleidung oder die Frau darin?
Menschen schienen hier mehr wie Schattenrisse, oder besser noch, Oberflächen, reine Reliefs, ohne Inhalt, ohne Inneres, die genau wie die Bilder fremder Monde nur Reliefs zeigten; nicht hohl, aber dennoch leer. Ihnen fehlte der Bezugspunkt, sie blieben referenz- und inhaltslos und offenbarten nur das Triviale, Obszöne.
Manchmal fragte man sich vielleicht, ob das gewollt sei, ob es Teil des Spiels sein könnte; die Frage bleibt nicht lösbar, denn der Diskurs oder das Nach-Forschende ist hier ebenso fern wie das Tageslicht. Es gibt hier keine Antworten, weil es auch keine Fragen mehr gibt. Warum auch, warum sollte man diese Fragen noch stellen? Alles ist schon hier, außerhalb gibt es nichts mehr. Es bleibt nur das ewige Spiel der Oberflächen, der Tanz von Codes und Fragmenten, von Symbolen, deren Bedeutung lang, lang schon verloren war – oder hier niemals existent gewesen war.

Leicht kommt man auf den Gedanken, dieses Spiel könne womöglich auch reichen; vielleicht ist es die menschliche Natur selbst, die es formt, vielleicht ist es ja umgekehrt: Vielleicht ist es diese Welt, die real ist, vielleicht ist es die Welt dort draußen, die auf Lügen fußt, auf falschen Versprechen und Tiefgründigkeiten, die nur falsche Reflexe sind, die nichts verbergen als Oberflächen. Vielleicht sagt dieser Ort wirklich alles, alles was man wissen muss, wissen muss über uns Menschen.

Ein Gebäude (2)

Diesen Artikel drucken 19. Dezember 2006

Du schrickst hoch, unangenehm berührt von einem Traum, an den du dich schon nicht mehr erinnerst. Halbwach hebst du den Kopf, siehst dich klarer werdend um.

Bist du schon lange hier, fragst du dich, wie lange, wie lange nur?
Der Tisch, auf dem dein Kopf geruht haben mochte, ist mit Büchern übersät, einige sind aufgeschlagen, als hättest du hier gearbeitet, hast du hier gearbeitet?
Nein, das kann nicht sein, was solltest du auch gearbeitet haben, die Seiten sind staubbedeckt, über und über. Nur mit einiger Mühe kannst du ihn herunterwischen.

Und darunter – nur leere Seiten, du blätterst hektisch darin, nur leere Seiten, leere Seiten und kein Wort.

Du greifst nach dem Buch, auf dem dein Kopf lag, der kreisrunde Ausschnitt im Staub verrät es dir.
Die Seiten sind gefüllt mit Buchstaben, du atmest laut auf, überfliegst den Text, während du blätterst. Es fällt dir schwer, alles zu verstehen, Schrift und Sprache scheinen dir alt – wie alt? – und träge.
Es scheint eine Erzählung zu sein, eine merkwürdig handlungsarme Geschichte, in einer ebenso seltsamen Person geschrieben; an manchen Stellen ist das dünne Papier verwaschen und vergilbt, dennoch erkennst du den Stil einer Biografie, der Biografie eines Menschen, dessen Namen du nirgendwo liest, doch das scheint dir nicht so wichtig.
Jemand hat die letzten beiden Seiten herausgerissen, stellst du seltsam erschrocken fest, ja, zwei sind es, du versuchst, die letzten Worte auf den Fetzen zu lesen.

Er schrak hoch, steht dort in vergilbten Lettern, der Rest ist fort. Ein bekanntes Gefühl schleicht sich in dir hoch, hast du diese Worte schon einmal gehört, wo und wann?
Verwirrter als zuvor schlägst du es wieder zu.

Die Wände scheinen dir auch bei näherer Betrachtung einfach nur weiß, oder nicht, doch, es ist weiß. Wirklich? Irgendetwas scheint dir merkwürdig an dieser Farbe, du weißt es nicht genau.
Der Raum ist größer, als du zunächst angenommen hast, er ist voller Bücher und Regale, du sitzt am einzigen Tisch.
Langsam stehst du auf, greifst zufällig ein paar vergilbte Bücher aus den Regalen, sie sind alle leer, alle bis auf das auf deinem Tisch. Du fährst dir durch die Haare, was ist hier geschehen, wo bist du?

In einer der Wände dreht sich leise ein Lüfter, flüstert verschwörerische Silben, fast ist dir, als könntest du einen Sinn heraushören, doch dein Geist bildet immer nur die gleichen Worten, die selben wie in deinem Buch, mit einer seltsamen Intonation versehen.
In der Tür des Raumes steckt ein Schlüssel, du drehst ihn herum, öffnest sie. Für einen Moment glaubst du, jemand stünde dahinter, aber nein, der Korridor ist leer, nur ein langer Flur nach links und rechts. Von seinem Boden steigt ein aufdringlicher Geruch übertriebener Hygiene auf, die unter dem surrenden Kaltlicht eine merkwürdig matte Spiegelung erzeugt.
Unschlüssig trittst du heraus, siehst nach links und rechts, während sich die Tür hinter dir leise schließt.
Du entscheidest dich für die linke Seite, gehst los. Deine Schuhe verursachen ein schrilles, quietschendes Geräusch auf dem Linoleum, einem Protest gleich. Schnell erreichst du das Ende des Korridors, hörst hinter der Biegung Stimmen oder vielleicht nur eine Stimme, lächelst, schreitest um die Ecke und blickst – nur einen weiteren leeren Flur herunter.
Oder doch nicht? Du glaubst, einen Schatten am Ende des Korridors gesehen zu haben, als du um die Ecke kamst, rufst, schreist, läufst hinterher, biegst an der nächsten Ecke in irgendeine Richtung ab – und schaust wieder in einen leeren Korridor.
Schwer atmend bleibst du stehen. Über dir vibriert leise ein Klimaanlage wie zum Hohn. Du widerstehst dem Drang, in Panik davon zu laufen. Siehst dich genau um. Und entdeckst die Wegweiser an den Wänden. Einstmal waren sicher Worte und Zahlen darauf geschrieben gewesen, an einigen Stellen sind sie noch zu erkennen, aber unleserlich. Nur die Pfeile sind noch zu sehen, die in die verschiedenen Richtungen weisen, aber auch sie sind alle verblasst und kaum noch zu erkennen – alle, bis auf einen. Ein würdevoll verzierter, schwarzer Pfeil weist noch seine Richtung.
Du beschließt, diesem merkwürdigen, letzten Symbol zu folgen, schlägst eine neue Richtung ein. An der nächsten Abzweigung folgst du ihm weiter. Immer weiter. Und weiter. Bei jeder Richtungsänderung siehst du ihn wieder, diesen Schemen am anderen Ende des Korridors, mehrere vielleicht sogar, und so beschließt du, den Kopf zu senken, lässt dich von deiner Hand führen, die über die kalten Wände streift, während du starr auf den Boden blickst.

Und dann kannst du sie plötzlich immer sehen, aus den Augenwinkeln, erst ganz verschwommen, dann immer deutlicher. Es sind Menschen, oder Schatten, oder vielleicht Schatten von Menschen, die da mit dir zusammen durch die Gänge huschen. Einmal blickst du kurz auf, willst einen der Schatten genau fokussieren, doch dann verschwindet er plötzlich, erscheint dir erst wieder, als du den Kopf senkst. Deine Verwirrung wird mehr und mehr zu einer gefrorenen Agonie, geronnene Panik rast durch deinen Schädel und lässt nur einen Satz beständig rotieren, Er schrak hoch, wo hast du diesen Ausdruck schon einmal gehört, wo.
Doch das kümmert nur noch den kleinen Rest an Verstand, der dir noch geblieben ist, dein Körper folgt weiter stur dem scharf gezackten schwarzen Pfeil an den Wänden, und du findest – Nur weitere Gänge und verschwommene Gestalten in den Gängen, Phantomen gleich. Ab und zu kommst du an einem blinden Fenster vorbei, stolperst fast, weil deine Hand kurz den Kontakt zu den Wänden verliert, doch durch die milchigen Scheiben hindurch kannst du nichts erkennen, oder doch, du weißt es nicht, vielleicht siehst du ja etwas Wages, etwas, das hier drinnen seinen Platz schon lange verloren hat, aber es interessiert dich auch nicht mehr, du durchläufst nur Korridor für Korridor.
Du merkst dir nicht, wieviel Zeit vergeht, du siehst nicht, dass die amüsierten Neonröhren immer schwächer herabglimmen. Du siehst deine Haare nicht wachsen, den Boden nicht stumpf und alt werden, verlierst dein Empfinden für Hunger und Durst.
Und schließlich, nach Stunden, Wochen oder Jahren – du weißt es nicht -, da stehst du plötzlich vor dieser großen schwarzen Tür, immer noch die letzte Zeile in deinem Buch auf den Lippen.
Zum ersten Mal seit langer Zeit blickst du wieder vorsichtig auf, musterst sie. Dein Verstand kommt nur langsam wieder an die Oberfläche deiner Wahrnehmung zurück, ein bestimmter Satz liegt dir auf der Zunge.
Ein Ausgang. Endlich.

Und dann bemächtigt sich ein mächtiger Impuls deiner, vor Glück kreischend und halb wahnsinnig rennst du auf die Tür zu, die sich vor dir leise öffnet, und dahinter siehst du nur noch helles Licht, unschuldiges Licht eines wachen Tages. Du läufst in dieses blendende Weiß, du bist frei, und dann

– Dann fällst du.
Und erinnerst dich an dein Buch in dem Zimmer, erinnerst dich wieder, wer die beiden Seiten herausgerissen hat.
Du selbst warst es, stellst du schwerelos fest, dein Geist findet zurück zu diesem Augenblick, du selbst hast die Seiten vor langer Zeit herausgerissen, sie liegen wohl immer noch versteckt zwischen den Lamellen des Ventilators. Deine Augen gewöhnen sich langsam an die Helligkeit, und schwach funkelnd siehst du den Boden tief unter dir näherkommen.
Jetzt erst erinnerst du dich an die Worte auf der letzten Seite deines Buches, ganz unten, siehst dich selber lesen und formst mit deinen Lippen die Worte,

Nach Jahren erst erkennt man: dies ist der Traum eines Gebäudes;
Die Tür zum Dach öffnete sich, ein Ausgang. Endlich.
Er schlug auf.

Und schlägst auf.

Nach einem Kommentar von Tien zu Ein Gebäude

Tiens Blog