Poetry Slam in Helmstedt

geschrieben am 21. März 2009 um 17:22 Uhr

Heute Abend findet in Helmstedt wieder ein Poetry Slam statt, zum vierten Mal organisiert von CUKS – der gelbe salon. Auch ich werde mich dort gegen 20 Uhr einfinden und eine geraffte Variante von Avatar lesen. Sollte ich in die Finalrunde einziehen, werde ich eine gekürzte Fassung von 5 Uhr 55 vortragen. Veranstaltungsort ist das Autohaus Bottke.
EDIT: Ich habe es auf den dritten Platz geschafft; immerhin 🙂

Schattenarchitekt

geschrieben am 22. Februar 2009 um 15:13 Uhr

Jede Maschine, sei sie noch so groß oder klein, besteht aus einzelnen Teilen, denen jeweils eine bestimmte Funktion zukommt. Die kleine Apparaturen, zu deren Bau selbst Menschen fähig sein mögen, bestehen aus Zahnrädern, aus Drähten und Platten, Hebeln und Lämpchen. Andere, kompliziertere, wie etwa diejenigen, die ihr benutzt, ohne sie gebaut zu haben, bestehen selbst aus Menschen.
Auch die gigantische Maschine, die die Welt beständig schafft und erneuert, der Apparat, den ihr nur schemenhaft begreift, mal als schöpferische Natur, mal als einfältigen Gott, besteht aus einzelnen Teilen.
Ihrem ungleich höheren Zweck entsprechend sind ihre einzelnen Bauteile komplizierter als eure einfachen Schwungräder und Scharniere. Auch sind die Elemente der Großen Maschine in sich wiederum aus Teilen zusammengesetzt, und jedes noch so kleine Teil eines Teiles ist größer und komplizierter als jede eurer Maschinen. Jedes einzelne für sich ist sinnlos, ebenso wie eine Feder aus euren mechanischen Uhren allein nichts bedeutet und zu nichts fähig ist, was einem höheren Zweck entspräche: So ist es auch mit uns.

Der SchattenarchitektEines der Elemente der Großen Maschine bin ich, und kein anderer Grund befiehlt meine Existenz. Meine Funktion bestimmt mich wie auch jedes andere Teilchen der Maschine durch seine Funktion bedingt ist; darüber hinaus gibt es nichts zu fragen, auch wenn ihr es vielleicht als unverständlich sehen werdet.
Wir, die Teile der Großen Maschine sind, wurden mit ganz verschiedenen Eigenarten entworfen. Einige von uns etwa füllen die Zeit nach, wenn sie zur Neige zu gehen droht. Andere schöpfen ein wenig ab, wenn zuviel davon in der Welt ist. Wieder andere schieben die Sterne und Planeten durch das All, die größten unter uns gar die Galaxien. In einigen von uns wurde die Fähigkeit angelegt zu erschaffen, in manchen dagegen die zu zerstören.
Ich bin nicht mehr als ein geringes unter der schier unendlichen Zahl der Elemente, auch wenn viele von euch mit meiner Arbeit vertraut sind. Vielleicht ist das auch der Grund, warum man mir die Kenntnis eurer Sprache eingab. In dieser niederen Sprache, die eure Ohren verstehen können, würdet ihr mich einen Architekten nennen, genauer, den Architekten der Schatten.

Ich allein bin es, der sie entwirft, sie mit all ihren Eigenarten bestimmt und erschafft. Es mag euch verwundern, da ihr meine Schatten nicht einmal zählen könnt, aber ich kenne jeden einzelnen der Myriaden von Schatten beim Namen, und jeder trägt einen anderen. Beinahe meine ganze Zeit verwende ich darauf, sie immer wieder  neu zu formen und zu entwickeln. Mit dem geringen künstlerischen Talent, dass man mir gegeben hat, suche ich die Glorie des Ganzen auch in den Schatten auszudrücken, und auch ich wachse an dieser Aufgabe. So dauerte es Äonen, bis ich verstand, dass es ausschließlich auf den Charakter des Schattens ankommt, nicht auf seine Form oder seine äußere Beschaffenheit. Von meinen frühen Arbeiten ist daher nicht viel geblieben, aber eine könnt ihr vielleicht sehen, wenn euer grelles, künstliches Licht scharf über einer Kante abfällt: Sie stammt noch aus einer Zeit, da es nicht einmal die Sterne gab.

Manche meiner imposantesten Werken werdet ihr nie erblicken, weil eure Sonne verlöschen wird, bevor ihr die Orte auch nur erreichen könntet, an denen ich sie geschaffen haben; aber die subtilsten, die auf die eine oder andere Art eindrucksvollsten meiner Kreationen existieren fast ausschließlich in eurer Nähe. Es gibt keine Regel dafür; es gibt kein Gesetz, das dies so vorschreibt. Aber ich denke, meine Sympathie für euch ist kein Zufall. Nein, man hat es sicher absichtlich so eingerichtet: Und so bin ich meist in eurer Nähe. Mit Leichtigkeit könnte ich die äußersten Bereiche des Universums erkunden. Ich könnte Schatten malen, die von gigantischen toten Sternen geworfen werden oder solche, deren Existenz allein euch schon erschrecken würde. Aber stattdessen verbringe ich so viel Zeit wie möglich damit, die Schatten auf Bahnsteigen zu malen; die Schatten von Butterblumen, von Bergen.

Es ist aus eurer Sicht schon eine lange Zeit vergangen, seit ich euch entdeckte. Schon die ersten von euch hatten dieses besondere an sich, dass ich mir immer nicht zu erklären vermag. Schnell wurde mir klar, dass ihr mir, so primitiv ihr auch seid, in gewisser Weise ähnlich seid: auch ihr versteht etwas von den Schatten; Ich kann es sehen, wenn ihr sie anseht. Aber auch über euch huschen Schatten; manche eurer Gesichter sind voll davon, und in ihrer Art und Verschiedenheit sind sie kaum zu zählen. Einmal fuhr ich in einer eurer Straßenbahn und sah einen alten Mann, der kein zu Hause mehr hatte: nicht weniger als 78 Schatten zählte ich in seinem schlafenden Gesicht, und keiner von ihnen hatte etwas Ordinäres.

So könntet ihr mich manchches Mal beobachten; gern fahre ich in Zügen. Meist sehe ich in die Dunkelheit, beobachte die Silhouette des Zuges. Ich weiß nicht, woher eure Leidenschaft für die Schatten kommt. Meine wurde mir in die Wiege gelegt, bei euch bin mir nicht mehr sicher. Ich beobachte euch gerne: auch wenn ihr so simpel konstruiert seid, auch wenn eure Körper so zerbrechlich sind und euer Verstand so gering, da ist etwas besonderes an euch. Man erwartet von mir nicht, dass ich Fragen stelle, und so besitze ich nicht die Neugier, Fragen zu stellen oder gar nachzuforschen, aber ich denke, eins ist mir inzwischen klar: Ihr seid nicht Teil der Großen Maschine.

Wie wir Feinde wurden

geschrieben am 16. Februar 2009 um 04:39 Uhr

Wir kannten uns schon lange, hatten viel miteinander erlebt, und deshalb betrübte es mich sehr, als ich es erkannte. Es begann wie jede große Veränderung mit einem einzigen Wort, oder auch einem Satz. Wir waren auch früher manchmal unterschiedlicher Meinung gewesen, so ist das nun mal, wenn man sich lange kennt.
So war es auch, als es begann: Ich schenkte dieser Meinungsverschiedenheit keine große Bedeutung, erklärte mich und meine Gedanken, ließ es dabei bewenden. Dabei hätte es mir klar sein müssen, als ich sah, wie er sich kurz von mir abwandte, bevor er das Thema wechselte. Ich glaube, der Riss war schon in diesem Moment da; er konnte mich nicht ansehen, er konnte es einfach nicht ertragen, in das Gesicht zu blicken, das ihm widersprochen hatte. Das verstand ich nicht sofort, erst später habe ich mich daran erinnert. Damals habe ich es nur verwundert registriert; ich bemerkte auch, wie er immer stiller wurde, aber konnte mir darauf ebenfalls keinen Reim machen. Doch schließlich schwieg er mich immer an: wenn ich fragte, was denn sei, reagierte er störrisch und sah an mir vorbei, als wäre ich gar nicht da. Er antwortete nur, er sei müde oder krank oder betrunken. Einige Zeit später fiel mir auf, wie sehr sich unsere Freunde veränderten, was ihr Verhalten mir gegenüber anging. Immer hatte ich das Gefühl, sie wüssten etwas, das mir entgangen war. So, als ob jemand ihnen peinliche oder geheime Dinge über mich erzählt hätte, Dinge, die ich niemandem erzählen würde – von ihm einmal abgesehen. Es dauerte noch eine Weile, bis der Verdacht in mir wirklich keimte, schließlich hatte er schon so viel für mich getan, ohne Dank zu verlangen. Nicht ohne Grund hatte ich diese Dinge nur ihm erzählt.
Als ich jedoch endlich seine Veränderung, sein zurückgezogenes und grantiges Auftreten mir gegenüber dazu nahm, war der Argwohn in mir geweckt. Also stellte ich ihn zur Rede; ich fragte ihn, ob er wüsste, was mit unseren Freunden sei, warum sie mich so seltsam behandelten. Er schüttelte nur den Kopf und sah wieder an mir vorbei. Ich glaubte ihm nicht und fragte ihn noch einmal. Er knurrte; wirklich, er knurrte wie ein Hund. Ich verlangte von ihm, mir Antwort zu geben, mit mir zu sprechen, wenigstens das sei er mir schuldig, doch er gab mir keine. Nur sein Knurren wurde lauter. Ich konnte sehen, wie er die Augen verdrehte. Einen Schritt ging ich auf ihn zu, rief ihn an, er solle sich  bekennen. Er knurrte nur weiter, ich sah, wie seine krallenartigen Finger sich verkrampfen, er fletschte die Zähne wie ein Tier: so hatte ich ihn nie zuvor erlebt. Und immer noch starrte er an mir vorbei. Schließlich konnte ich nicht anders: Meine Hände fanden seinen Kopf, und einen Moment lang rangen wir miteinander. Dann ergab er sich, wie er sich meiner Gewalt bisher immer ergeben hatte, und ließ mich seinen Kopf drehen, so dass er mir in die Augen sehen musste. In seinem Ausdruck sah ich die seltsamste Empfindung, die ich mir denken kann, und ich weiß nicht, ob ich jemals richtig beschreiben werde. Es war Wut, aber nicht seine. Es war ein Gefühl, das eigentlich ich haben sollte. Doch nicht so, als ob mir dieses Gefühl fehlen würde; ganz im Gegenteil, der Wut fehlte ihr Träger, und so war sie auf ihn übergegangen, quälte ihn, machte ihn fast tollwütig vor Schmerz. Ich war erschrocken, mitleidig. Er hatte mir so lange Zeit so gut gedient, und jetzt war etwas geschehen, etwas, das wir beide nicht verstanden. Das dachte ich, als ich seinen Blick sah. Es dauerte nur Sekunden, nur einen Moment gestattete er mir, einen letzten Blick auf seine Augen zu werfen, dann riss er sich los und biss mir in der Hand; das hatte er noch nie getan. Jaulend lief er davon, während ich mir die schmerzende Hand hielt.
Seitdem habe ich nicht mehr ihm gesprochen. Er hält sich irgendwo im Verborgenen auf, ich weiß nicht, wo: er war immer gut darin, sich zu verstecken. Ich weiß bis heute nicht, warum es geschah, und allein die Frage danach, was überhaupt geschehen war, ließ mich lange grübeln.

Erst, als ich ihn einmal lange im Spiegel betrachtete, ihn wieder und wieder sah, begriff ich es wirklich. Wir waren Feinde geworden. Wir würden immer Feinde sein.

Der arme Hass

geschrieben am 12. Februar 2009 um 03:10 Uhr

Wieviel klarer könnte eine Empfindung noch sein? Einzig und allein ihr Gegenteil besitzt die gleiche (eine größere?) Klarheit und Einfachheit. Spricht man von ihr, muss man eigentlich nichts mehr erklären; das warum ist vielleicht noch eine Frage wert, aber das betrifft das Gefühl selbst nicht, ist nur eine Ergänzung, eine kontingente Information, die ebenso zum Hass gehört wie die Ursache des Unfalls zum Unfall selbst; man mag danach fragen, vielleicht ist es sogar vernünftig, nach einer Antwort zu verlangen, aber wenn man sie hat, ändert das nichts. Aber schon in der Frage selbst unterscheidet sich Hass von seinem Gegenteil: man kann fragen, warum jemand liebt, aber die Frage selbst ist schon widersprüchlich.
Und vielleicht ist dieser Unterschied der Ursprung der Armut. Sicher, oft haben wir gute Gründe zu hassen: manchmal glauben wir das auch nur, aber oftmals mag es stimmen. Vielleicht verhält es sich so bei Kriegstreibern; bei Mördern; bei kalt rechnenden Bürokraten. Wenn es nicht zynisch wäre, könnten wir sagen, es sei klug, vielleicht sogar gut, diese Menschen zu hassen.
Wir gehen gern in diese Falle. Es scheint uns logisch: ist es nicht gerecht, diese Menschen zu hassen? Kann man uns dafür verdammen, dass wir diese Kreaturen, diesen Abschaum hassen? Und dann hat uns die Armut auch schon.
Es ist keine Armut des Geistes, auch keine der Worte oder der Antworten. Nein, alles ist ganz klar und einfach, so wie die Empfindung selbst. Aber sie reicht nicht aus, nicht einmal sich selbst, und darin besteht die Armut.
Wir denken an einen anderen, an das Objekt unseres Hasses. Wir denken an diese verhassten Taten, diese verhasste Art. Vielleicht geschieht es, während wir die Nachrichten schauen. Wir sehen das Gesicht eines Vergewaltigers oder Kriegsverbrechers – und dann hassen wir. Das dreckige Grinsen dieser Fratze stiert uns zuerst aus dem Bildschirm, dann aus dem Inneren unseres Kopfes an. Und die Fratze hat einen Mund. Sie hat Wangen und Ohren. Sie hat Augen. Sie steckt auf einem Hals, der auf einem Oberkörper ruht. An diesem sind Arme und Beine befestigt, an denen ihrerseits wiederum Hände und Füße mit Fingern und Zehen hängen. Alles ist gebildet von Haut und Fleisch, darunter von Knochen und Gelenken.
Wie wir es auch drehen wollen, diese Kreatur, dieses Objekt unseres Hasses ist – ein Mensch. Und bleibt ein Mensch.
Aber ist sie nicht doch ganz anders als wir? Müsste sie es nicht sein? Ist sie nicht ein Dämon, eine ganz andere Art von Wesen als wir? Wir schauen noch einmal auf das Bild: kein Dämon, ein Mensch. Ein verstörender Gedanke kommt uns: vielleicht sind wir ihr ähnlich. Aber das kann nicht sein: sie kann nicht sein wie wir. Und doch sieht sie so aus wie wir, isst wie wir, geht wie wir. Sie kleidet sich so wie ein Mensch: Sie spricht unsere Sprache.
Und dann bleibt nur noch eins: Wir müssen es ändern. Wir müssen dafür sorgen, dass dieses Ding, dieses Höllenwesen uns nicht mehr ähnelt: es reicht nicht, es zu hassen. Denn das schafft einen Unterschied, einen Graben zwischen uns und ihm, der sich in der Wirklichkeit – noch – nicht wiederfindet. Noch nicht. Vielleicht würde es schon reichen, wenn die Kreatur eingesperrt wäre. Vielleicht wäre das Differenz genug. Aber reicht das wirklich aus? Wahrscheinlich nicht. Schließlich spricht sie immer noch unsere Sprache, hat einen Körper, der unserem ähnlich ist. Was mehr könnten wir tun? Wir könnten ihm das Recht nehmen, zu sprechen; zu gehen; zu essen. Ja, das wäre eine Möglichkeit. Wir lassen sie hungern, und schon ist ihre abgemagerte Kontur der unseren nicht mehr so verwandt. Wir prügeln die Sprache aus ihr heraus. Was dann noch an Gestammel bleibt, erinnert kaum noch an die schönen Worte, die wir verwenden. Wir brechen ihr die Beine, und schon kann sie uns auch das Gehen nicht mehr gleichtun.
Aber ist das genug? Ist der Abstand zwischen uns und ihr groß genug? Ist da nicht immer noch der Hass, der uns sagt, dass dieses Ding nicht einmal in der Erinnerung mit uns verwandt sein darf? Und hat sie nicht immer noch unsere Gliedmaßen? Immer noch Augen, die uns auf so vertraute Weise anstarren?
Es reicht nicht, es reicht immer noch nicht: Es wird nie reichen. Wir können ihr die Augen ausbrennen, die Gliedmaßen abschneiden, wir können sie ermorden. Sie bleibt ein Mensch.
Hass ist arm; ihm fehlt die Wirklichkeit. Er muss sie schaffen. Immer weiter schaffen.

Die Fahrt zurück

geschrieben am 24. Januar 2009 um 16:56 Uhr

Die Bahn passiert Städte, Dörfer, Höfe – Lichtinseln in der Dunkelheit – doch du siehst nur Schwarz, darauf fliehende Lichtflecken, schwindend, bald wie Punkte, bald ganz verloschen.

Die Waggons rattern über die Gleise, die Motoren dröhnen sonor, die Klimaanlagen rauschen gelangweilt, doch du hörst die feinsten Klänge von splitterndem Glas und die Stimme von Tausend Toten, ihr monotones Schweigen.

Im Fenster spiegelt sich, hart vom Kunstlicht, ein Gesicht.
Du siehst keinen Mund,
du siehst keine Augen.
Was du siehst?

Einen Lichtfleck, schwindend, fast verschlungen.

Der Zug fährt nach Rostock,
du fährst ins Dunkel.

Avatar

geschrieben am 23. Januar 2009 um 09:50 Uhr

Als ich vier Jahre alt war, beherrschte ich bereits zwei Sprachen flüssig, da meine Eltern großen Wert auf meine frühe Ausbildung legten.
Sport betrieb ich, sobald ich laufen konnte: Ich spielte Fußball, Handball, Basketball, ich joggte, mit zehn begann ich Gewichte zu heben.
Auch meine musische Ausbildung begann früh. Mit sieben lernte ich Geige und Klavier von einem alten, russischen Meister. Er war streng, aber ich tat alles, was er verlangte.
In etwa dem gleichen Alter bekam ich meinen ersten Privatdozenten, der mir neben einer dritten Sprache auch Kenntnisse der Naturwissenschaften, der Philosophie, Psychologie und des Wirtschaftswesens vermittelte. Es war nicht einfach, aber ich lernte dennoch schnell, viel schneller als andere Kinder meines Alters.
Als ich 14 wurde, hatte ich bereits mein erstes Studium begonnen; ich legte die Prüfung einen Tag vor meinem 17. Geburtstag ab. Direkt danach konzentrierte ich mich zum Ausgleich auf den Leistungssport. Für vier Monate trainierte ich acht statt zwei Stunden am Tag: Dabei benötigte ich keinen Trainer mehr, ich war längst mein eigener geworden.
Abends übte ich meine sozialen Fähigkeiten: ich ging zu Bällen und Banketten, ich traf mich mit vielerlei Arten von Menschen. Auch Proleten waren darunter: mein letzter Sozialcoach lehrte mich, dass auch diese Art von Kontakt Aufmerksamkeit und Übung verlange. Ich tat es konzentriert und durchaus interessiert, und das Training schärfte in der Tat meinen Sinn für das so genannte Menschliche. Ich schloss Freundschaften, ich fand eine angemessene Partnerin. Ich interagierte, bis mir das Behandeln von Menschen ebenso ins Blut überging wie der Stabhochsprung oder die Platonischen Dialoge.
Heute bin ich 20 Jahre alt. Ich spreche fünf Sprachen, ich laufe die hundert Meter in weniger als zehn Sekunden. Ich habe Dutzende von Urkunden, Pokalen und Medaillen in gläsernen Vitrinen, die die Schnelligkeit meiner Auffassungsgabe, die Stärke meines Körpers und die Unabänderlichkeit meines Willens bezeugen. Ich habe drei Studiengänge abgeschlossen und bin auf dem Gebiet der Philosophie ebenso firm wie auf dem der Naturwissenschaften oder der Theologie; meine Reden sind beliebt, meine Diskussionsbeiträge gefürchtet. Die meisten Anstrengungen anderer verblassen, ganz ohne Arroganz, vor meiner Leistungsfähigkeit, und manchmal bemerke ich sie nicht einmal mehr.
Dabei ist der Neid der anderen unbegründet: es war nicht einfach, so zu werden, wie ich es jetzt bin.
Ich musste lernen, meinen Körper zu hassen, ihn vernichten zu wollen, um dann diesen wunderbaren, anderen Körper aus der Asche wachsen zu lassen, den ich nun lieben darf.
Ich musste lernen, meinen Geist zu verachten, ihn stumm zu machen, um ihn mit all den perfekten Ideen neu zu füllen, die die großen Denker und Dichter einst hatten, bis schließlich ein neuer Sinn, ein neuer Geist meine Welt ausfüllte.
Nun bin ich, was ich sein soll; makellos und rein. Wer mich kennt, wer ehrlich zu sich selbst ist und meine Leistungen nicht schmähen will, der muss zugeben, dass ich im Rahmen dessen, was dem Menschen möglich ist, perfekt bin.
ich weiß, dass ich im Zenit meiner Leistungsfähigkeit stehe. Ein paar Jahre noch, dann werden die Jahre ihren Tribut fordern. Auch das werde ich stoisch hinnehmen: meine sittliche Ausbildung ist abgeschlossen und vollständig..
Und doch bewegt mich eine Frage, keine die Unvermeidlichkeit des Alterungsprozesses betreffend, sondern eine andere, die sich mir im Hier und Jetzt stellt:
Als ich jung war, da suchte ich die Herausforderung, weil meine Eltern mich dazu anspornten, so sagt es zumindest die Psychologie. Später, als ich diese Interessen als eigene Vorstellung internalisiert hatte, strebte ich um meiner Selbst willen nach immer mehr: Daran kann ich mich erinnern. Selbst in der Pubertät, die unter Entwicklungspsychologen als schwerste Phase der Undiszipliniertheit gilt, mussten mich meine Eltern nur selten züchtigen. Ich war es, der aus sich selbst heraus den Kant las, statt den Mädchen nachzuschauen: der trainierte, statt mit Gleichaltrigen zu raufen; der Klaiver spielte, anstatt Bars zu besuchen.
All dies tat ich ohne Zweifel oder Widerstand. Niemand kann mir vorwerfen, ich hätte mich nicht voll und ganz den ehernen Gesetzen der Selbstkontrolle ergeben, um mein Ziel zu erreichen, eben das Ziel, besser zu werden, immer noch besser zu werden.
Und so habe ich im stetigen Voranschreiten wirklich einen Mensch erschaffen, den viele für ein Kunstwerk halten. Ich bin dem Himmel näher als der Erde, schrieb einer einst über mich; anderen, vielleicht euch, diene ich als Vorbild, als Idol.
Und so will ich nicht undankbar erscheinen, wenn ich mich frage, wozu ich dies alles tat. Mein ganzes Leben lang schien es klar zu sein, doch jetzt weiß ich es nicht mehr. Dabei ist es kein Fehler des Gedächtnisses; ich habe es nicht vergessen. Es ist so, als hätte ich mein Leben lang auf den Gipfel eines Berges hinzugestrebt, doch jetzt, wo ich auf diesem Gipfel bin, stellt mich das nicht zufrieden. Mein Weg war weit und beschwerlich, doch ich bin stets vorangeschritten und habe dabei den Ort, an dem ich jetzt bin, die Art und Weise, auf die dieser Mensch, der ich bin, jetzt existiert, immer ins Auge gefasst. Doch jetzt, wo ich dieses Wesen erschaffen habe, wo es nun mehr nicht nur am Horizont der Vorstellung existiert, sondern mir vielmehr in Fleisch und Blut im Spiegel erscheint, da erscheint mir der Weg, den ich hinter mich gebracht habe, kaum noch lohnenswert. Ich bin auf dem Gipfel, doch über mir klafft nicht der Himmel, sondern das Vakuum, der leere Raum zwischen den Sternen. Ich kenne selbstredend die Theorien über die Unstetigkeit des Menschen, über seine Neigung, niemals Ruhe zu finden. Aber das ist es nicht, was mich beschäftigt: es ist, so denke ich, mehr das Missverhältnis zwischen Vorstellung und Wirklichkeit. Ich weiß, welchen Zauber die Vorstellung hat, in einer Weise perfekt zu sein, effizient, funktional; einen beträchtlichen Teil meines Lebens trachtete ich danach, dies zu erreichen. Doch, und das ist es wohl, was mich zu diesen Zeilen treibt, der Zauber verfliegt, wenn man ihn im Spiegel betrachtet. Alles, was vorher mythisch verklärte Vorstellung war, ist am Ende der Reise doch nur Fleisch und Knochen; sehe ich in den Spiegel, so sehe ich kein Wunder, wie ihr es manchmal in mir zu sehen scheint. Ich sehe eine Maschine, eine effiziente, eine funktionale, eine perfekte Maschine vielleicht, aber eben doch nur eine Maschine, geschaffen durch Ausbildung und Training. Ich kann und will euch nicht der Antriebe berauben, die das Bild in eurer Vorstellung – und mein Bild – in euch wecken. Aber beherzigt meinen Rat; seid achtsam mit euren verklärenden Wünschen. Perfektion ist eine Hure: Glaubt ihren Lügen nicht.

Updates

geschrieben am 21. Januar 2009 um 00:13 Uhr

Ich habe einige kleinere Veränderungen vorgenommen – zum einen habe ich endlich die Tags in die Beiträge integriert; diese sind jetzt über den Kommentaren zu finden. Zum anderen habe ich die Drucken-Funktion endlich wieder richtig konfiguriert und nicht zuletzt ein wenig von dem Sprachmischmasch eliminiert.

Paladin

geschrieben am 19. Januar 2009 um 14:49 Uhr

PaladinSein Mut kennt kaum Grenzen; sein Einsatz ist unbegrenzt. Nur irdische Fesseln, nur der Tod seines Körpers kann ihn aufhalten. Sein Willen, seine Seele gehört einzig und allein der einen, der guten Sache. Er ist taub für Bestechung, Leid nimmt er stoisch hin. Er erträgt alles; er fühlt keinen Schmerz.
Wo immer es auch in seinem Einflussbereich ein Unrecht gibt, wirft er seine Kraft in die Waagschale und befördert das Gute, das Gerechte, das Unschuldige. Geachtet wird er von denen, die Recht tun und unter seinem Schutz stehen. Gefürchtet ist er unter denen, die in den Schatten kauern, deren Köpfe voller Hass und böser Absichten sind. Er steht allein; er fühlt keine Angst.
Irgendwo, vielleicht am anderen Ende der Welt, vielleicht nur einen Blick entfernt, gibt es noch andere wie ihn, das weiß er. Nicht alle kämpfen auf diesem, seinem Schlachtfeld; einige sind vielleicht Soldaten, andere Buchhalter, sie gleichen sich dennoch. Die Berufe mögen unterschiedliche sein, die Oberflächen, aber im Kern sind sie gleich. Und dennoch, eines Tages wird er fallen, und er wird allein sein; er fühlt keinen Gram.
Selbst, wenn er scheitern sollte, wenn sein Körper schließlich nachgeben wird, fürchtet er nicht um seine Mission: andere werden kommen und seinen Platz einnehmen.
Der Paladin unterwirft sich mit all seinen Eigenarten und Fähigkeiten dem einen Prinzip, das Gute zu verteidigen, unwiderruflich und absolut. Der Paladin ist blind für seine Schmerzen, für seine eigenen Bedürfnisse und selbstlos in jeder Konsequenz. Der Paladin ist mitleidlos und rücksichtslos, wenn er gegen das Böse kämpft, selbst wenn er töten muss. Der Paladin fühlt sich als Teil einer Gemeinschaft, einer Gemeinschaft aus vielen, die einen bilden; Der Paladin ist Faschist.

/btw(5)

geschrieben am 16. Januar 2009 um 14:10 Uhr

Kunst ist für den einzelnen das, was subjektiv so empfunden wird, für die Gesellschaft das, was sich verkauft und für die Geschichte das, was überlebt.

Der Wunsch

geschrieben am 12. Januar 2009 um 21:11 Uhr

Er ist selten deutlich, eigentlich fast nie, und wenn, dann schreien andere Gedanken und Vorstellungen in seinem Kopf so laut auf, dass er ihn nicht hören kann. Dennoch weiß er sicher, dass er ihn hat, denn zu einem gewissen Teil ist er es, der über dieses Aufkreischen befiehlt. Er braucht diesen Wunsch, aber zu groß und zu schwer darf er ihm auch nicht werden, das ist ihm klar; es ist ein diffizil zu haltendes Gleichgewicht, das ihn und den Wunsch am Fallen hindert, und er hält es, obwohl er sich gar nicht sicher sein kann, ob er den Sturz denn grausamer finden soll als das leere Bett, auf das er jeden Morgen starrt, als den erbarmungslosen Sonnenaufgang, an dem er auf dem Weg zur Arbeit vorbeifährt.

Der Wunsch Aber natürlich gibt es immer auch andere Wünsche und Antriebe, und so hält er eben die Balance, die zwischen dem Hunger (jeder Art von Hunger) und dem Wunsch, die zwischen dem Durst (jeder Art von Durst) und dem Wunsch und so weiter und so fort, so dass er am Ende stets ein wenig von dem Wunsch hat, ohne dass es ihn hinabreißt. Natürlich aber droht das immer; so ist es nun einmal, wenn man balanciert, es bräuchte nur einen kleinen Stoß, einen winzigen Ruck, um alles zunichte zu machen, und jeder, der schon einmal lange genug auf einem Bein stand weiß, dass man sich diesen Stoß irgendwann selbst geben möchte: Die Balance ist nicht nur schwer zu halten, sie ist auch schwer auszuhalten. Vielleicht möchte man sie vernichten, nur damit die Stasis aufhört, damit etwas, nur irgendetwas geschieht; Er weiß nicht, warum dem so ist. Vielleicht ist es eine Art von Destruktivität, die in jedem schlummert, vielleicht auch nur eine Art Spieltrieb. Er jedenfalls erwischt sich manchmal dabei, wie er sich selbst heimlich einen Stoß gibt.
Niemand weiß besser als er, wann der Wunsch am stärksten ist, und wie jeder gute Verschwörer hat er gelernt, unauffällig zu planen und subtil einzugreifen.
So kann es sein, dass er abends ganz beiläufig die Heizung im Bad abstellt, bevor er zu Bett geht. Er sagt sich dann, es sei zu warm oder es koste zu viel Energie.
Wenn er dann am Morgen nackt in der Eiseskälte auf tauben Füßen zittert, dann weiß er natürlich, was er getan hat und eigentlich auch, warum, und er ärgert sich furchtbar darüber, obwohl er weiß, dass er es wieder tun wird. Die frühen Stunden belasten ihn ohnehin schon, und nichts beflügelt den Wunsch mehr als diese feuchte Kälte, die die Füße hinaufkriecht, den Bauch erreicht und schließlich den Kopf befällt.
Das ist sicher nicht die einzige Art von Stoß, die er sich gibt; manchmal denkt er auch daran, das Gleichgewicht ganz zu kippen. Diesem Wunsch kann er nicht nachgeben, das weiß er, aber es gibt andere, vielleicht solche, die man gegen den originären austauschen könnte. Manchmal etwa stellt er eine Flasche aus dem Spiritousenschrank auf den Frühstückstisch und sieht sie fest an; er trinkt nie daraus, zumindest hat er es bisher nicht getan. Es ist nicht so, dass er es nicht wollen würde: er wagt es nur noch nicht. Es kann nicht mehr lange dauern, bis er seinem Wunsch nachgibt oder diesem anderen. Er weiß das, aber es macht ihm nichts aus. Vielleicht gibt es nichts Schlimmeres auf der Welt, als ewig ein Gleichgewicht zu halten.