Schlafende Kinder (5)

geschrieben am 25. April 2005 um 01:12 Uhr

Realitäten huschten an ihr vorbei, unmerklich, leise, in schnellen, asynchronen Schritten, unzählige, unzählbare Wirklichkeiten, in den komprimierenden Symbolismus unbekannter Gesichter gestanzt, die nichts weiter verrieten als die Existenz dieser anderen Realitäten, wie der Klang unbekannter Fremdwörter nur leere Hülsen, entleerte Symbole, klinisch rein von jedem Inhalt, Platzhalter, so steril wie die Klingen in dem schwarzen Kästchen, dachte sie, und stieg in einen der Wagen. Es war spät, so spät wie immer, wenn sie nach dieser Schicht das Büro verließ, und sie kannte den Weg sehr gut, es war immer der gleiche Weg, eine Abfolge von determinerten Szenenwechseln wie in einem Hollywoodfilm, in dem jeder Zuschauer die nächste Szene vorherzusagen vermochte, weil er Klischees folgte, geheimen und nie ausgesprochenen Vereinbarungen zwischen dem Konsumenten und dem Künstler. Sie blickte nachdenklich in die vorbeifliehenden Lichter der inneren Stadtviertel, die wie sie und die anderen Anzugmenschen vom Zentrum der großen Stadt hinfortstrebten, als fürchteten auch sie die Nähe zu den riesigen Stahlblöcken, die in ihrer Mitte standen.
Ihre Hände lagen sanft in den Taschen des sorgsam gebügelten Blazers, spielten scheinbar unbesorgt und kaum bewusst mit dem Auslöser der Pfefferspraykartusche und einem Umschlag, den sie vor Verlassen des Büros sauber gefaltet hatte. Sie dachte an die Stunden, die hinter ihr lagen, Stunden vor Bildschirmen, Stunden über Papieren und den endlosen Zahlenkolonnen darauf gebeugt. Sie war gut in ihrem Job, aber sie hatte ihn nie gemocht, bemerkte sie oft, sie mochte es nicht, sie war viel lieber draußen, an der Luft, und in der Sonne, doch dieser Job brachte mehr Geld, und sie brauchte Geld, ihr Leben war teuer…

Er hatte den Job gemocht, wurde sie schmerzlich erinnert, für ihn war er genau das richtige gewesen, das hatte er zumindest einmal gesagt. Im Büro hatten sie schon darüber geredet, man hatte ihn gefunden, gestern oder vorgestern, sie wusste es nicht, sie hatte nur halb zugehört, hatte nur leise geschluchzt, nur für einen kurzen Moment, wie sie es oft tat. Dasselbe tat sie, als einer der Anzugmenschen zu ihnen herunterkam und eine kurze Rede über den Jungen hielt, ein fast schon ironisches Schauspiel, abgelesene Phrasen aus einem kleinen schmutzig-grauen Büchlein, so eines, wie es die Menschen aus den oberen Stockwerken immer bei solchen Gelegenheiten zückten, um die richtigen, immer gleichen Worte zu sprechen. Sie hatte nicht darüber lachen können, wie sie es früher oft getan hatte. Und danach war es fast wie immer gewesen, nein, eigentlich war es absolut wie immer gewesen. Bis auf die leere Zelle am Ende des Raumes, den blinden schwarzen Bildschirm. In dem grauen Büchlein war festgelegt, dass die Zelle weitere zehn Tage leer bleiben würde, wusste sie, erst dann würde sein Ersatz dort arbeiten, auch wenn er schon eingestellt worden war, heute, nach der Rede, ein Anzugmensch, dessen Blick dem der anderen glich.
Sie fröstelte, während sie den Namen der Haltestelle las. Ihre Finger hatten sich um den Umschlag gelegt, drückten ihn zusammen.
Die leere Zelle am Ende des Raumes. Sie hatte oft dort hingesehen, heute. Häufiger als sonst.
Er war ein Idiot gewesen, dachte sie, halb wütend darauf, dass sie Mitleid für ihn empfand. Er war nur einer dieser Anzugmenschen gewesen, nur einer unter Vielen, eines der vielen unbekannten Gesichter. Und sie wusste, dass sie das nicht glaubte.
Sie stieg aus, eine Haltestelle zu früh, wie immer an einem solchen Wochentag, und erinnerte sich an die Analogie zu den Actionfilmen, die sie früher oft gesehen hatte, ja, es war eine ebenso geheime Absprache, dass sie hier ausstieg, etwas ließ sie ehrlich sein zu sich selbst an diesem Abend. Sie erschrak und dachte doch weiter.
Nein, es war kein Zufall, keine Koinzidenz, dass sie hier ausstieg, denn sie tat es immer. Anfangs hatte sie sich eingeredet, aus Versehen hier auszusteigen, bis sie irgendwann stillweigend den Pakt geschlossen hatte, einfach nicht darüber nachzudenken, doch heute schien ihr das feige. Warum.
Es war immer der gleiche Weg. Er änderte sich nie. Die Jahreszeiten kamen und gingen, bedeckten die kleinen Menscheninseln mit Schnee und Sonnenschein, mit Regen und endzeitlichem Nebel, aber der Weg, der Weg blieb dennoch immer gleich, auf eine subtile, kaum wahrnehmbare Weise, dachte sie, während sie durch die Nacht ging. Ihr Interesse an dieser Wohngegend war nur aus der Langeweile entstanden, hatte sie sich gesagt, und dennoch, sie kannte jedes Auto hier, jede Gardine, jeden sorgsam gejähteten Vorgarten. Und wieder unzählige Menschenleben, an denen sie vorüberschritt.
Sie lachte über sich selbst, lachte lauthals, aber leise, um niemanden hinter den dunklen Fenstern zu wecken, um nicht den Schlaf von Kindern zu stören. Solchen Kindern, wie sie einmal eins gewesen war.
Wünschte sie sich etwa so ein Leben, war sie deshalb hier. Der Gedanke war von soviel Zynismus durchtränkt, von soviel bösem Gelächter, dass sie nicht anders konnte als zu lachen.
Sie wünschte sich so ein Leben.
Das Lachen erstarb und wurde zu einem leise präsenten Schweigen.
Ihr Kopf schüttelte sich langsam, ihre Schritte beschleunigten sich.
Nein, sie konnte nicht hoffen. Die Hoffnung war tot, so tot wie das kleine Mädchen in ihren Träumen, so tot wie die Menschen, die für das kleine Mädchen verantwortlich gewesen waren.
Sie dachte an den Umschlag. Jemand war gekommen, jemand von einer Behörde, und hatte ihr den Umschlag gegeben, als sie im Büro war, das namenlose Gesicht des Mannes hatte sie mit einem betrübten Ausdruck angesehen, vom dem er bestimmt auch in einem grauen Büchlein gelesen hatte, und war dann gegangen.
Ihre Bewegungen wurden langsamer. Sie blieb stehen. Zog den Umschlag aus der Tasche, strich die Faltkante gerade. Musterte den in klaren, sauberen, roten Buchstaben geschriebenen Namen. Den Namen ihrer Abteilung. Die Adresse einer der vielen Stahlriesen.
Und riss den Brief auf.
Ein kleines gefaltetes Papier, dahinter ein größeres.
Mechanisch zogen ihre Finger das kleinere Papier heraus.
Eine Zeichnung, in unsicheren, ungeübten Linien, gestaltet mit vielen, kleinen, auf eine seltsame Art verformten Bleistiftstrichen, dennoch ein klares Motiv, mit der offensichtlichen Mühe von Stunden eingefangen, detailiert, an den Rändern in verwischte graphit-graue Fingerabdrücke übergehend.
Ein Haus, offensichtlich ein Haus auf dem Land, mit einer großen, offenen Veranda und einem Hund vor der Tür, der mit großen Augen freundlich auf den Betrachter sah. Darum Wiesen und Bäume, in der Entfernung einige Felder.
Und vor dem Haus zwei Menschen, undeutlich gezeichnet von einem Amateur, und doch deutlich erkennbare Gesichtszüge, eine Frau mit offensichtlich hellen Haaren und großen tiefen Augen, daneben ein Mann, der fragend lächelt, Unglück in den Augen.
Ihr Mut schwand. Dicke Tränen rannten ihre Wangen hinab. Ihre Hände zitterten.
Ein Automatismus setzte ein, sie fühlte es. Mit einer verstörten Bewegung warf sie den Umschlag zu Boden.
Was für ein Idiot er gewesen war.
Was für ein Idiot.
Sie begann zu gehen, erst ungelenk, dann immer schneller.
Ein romantischer Träumer, ein Lebensunfähiger, der nie einsehen konnte, dass die Welt nun mal so war, wie sie war, und dass man sich eben entweder fügte oder unterging.
Sie begann zu laufen.
Nein, er hatte kein Recht auf ihr Mitleid, es gab kein Mitleid, keine Schuld, keine Liebe, alles Illusionen, alles romantische Verklärungen eines kindlichen Verstandes, sie wusste es, romantische Träumereien und Vorstellungen von jemandem, der immer Kind geblieben war.
Und blieb abrupt stehen, so schnell, das sie erschrocken stolperte und auf die Knie fiel.
Vor ihr lag ein Kind auf dem Bürgersteig.
Flashbacks. Ein weiterer Mechanismus setzte ein.
Es war nur eine Halluzination, die ewige Halluzination des blonden Mädchens, sie sollte aufstehen, sich abwenden, weitergehen.
Und dennoch blickte sie das Kind an, mit weit aufgerissenen Augen, unfähig sich zu bewegen, den Atem anhaltend.
Es schlief. Es schlief. Und es träumte. Es träumte von Dingen wie Häusern auf dem Lande. Von Hunden, die es morgens vorsichtig weckten, von warmen Sommerabenden. Von Prinzen und von Drachen. Von Mitleid. Von Romantik. Vom Bösen, das vom Guten überwunden wurde.
Sie verharrte dort eine Ewigkeit, dann blickte sie auf, als würde sie erwachen. Sie stand auf, drehte sich um, lief zurück, zurück zu dem Umschlag. Sie hob ihn behutsam auf, zog den Blazer aus und setzte sich auf den nassen Boden. Der Wind strich sanft über die schmalen Narben an ihren Armen. Sie bemerkte es nicht.

„Träume sind Wirklichkeiten, die nicht enden wollen.“ – Hans Lohberger

Dialog (1) – Vertrauen

geschrieben am 26. März 2005 um 20:22 Uhr

Die beiden Lichtkegel bohrten sich tief in die pechschwarze Nacht, nur gebrochen durch Tropfen, die schwer und träge aus dunklen Wolken fielen. Räder, die endlos über wortkargen Asphalt rasten.
Wie kannst du so etwas sagen, sagte der Fahrer und blieb doch auf die Fahrbahn konzentriert, wie kannst du so etwas sagen, ich meine, woher nimmst du diese Sicherheit, und überhaupt, du bist doch noch so jung, so jung, das kannst du doch noch gar nicht beurteilen, das hat doch etwas mit Lebenserfahrung, mit Weisheit zu tun, oder nicht, also was soll diese pessimistische Sichtweise.
Er antwortete ruhig und konzentriert, aber nicht ohne einen gewissen Ausdruck der Verbitterung.
Es bin doch nicht ich, der diese Dinge erfindet. Es sind doch nicht meine Gene oder irgendwelche Sachen, die von mir ausgehen, es ist doch die Welt, die mir diese Dinge zeigt, ich spreche sie doch nur aus.
Nach einer Pause, in der die Gischt eines entgegenkommenden Fahrzeugs die Fahrt schwierig machte und die beiden einem sekundenlang brodelnden Schweigen überließ, entgegnete der andere.
Aber das ist doch verrückt, schau dich doch nur um, es gibt sicher auch schlechte Menschen, und- natürlich, natürlich – es passiert viel Scheiße in der Welt, aber es gibt doch auch gute Entwicklungen, schau dir doch nur allein die Möglichkeiten an, die heute jeder einzelne hat, bei Gott, nicht jeder nutzt sie richtig, aber die meisten doch schon, oder nicht, hey, im Prinzip kann doch jeder heute seinem Traum nachjagen, oder nicht, und seine Hände zitterten unsichtbar, als er mit einer Bewegung die Lichtkegel wieder ferner in die gähnende Leere vor ihnen schickte.
Welchen Träumen denn, fragte er, konnte kaum verhehlen, dass er seinem Fahrer gerne ins Wort gefallen wäre, welchen Träumen denn, sein Blick schien kurz aufzuflackern, der Punkt ist doch, welche verbindlichen Träumen gibt es denn noch, welche verbindlichen Ziele. Früher, ja früher, und er wusste, dass das abgedroschen klang, wie ein altes Filmzitat, ja früher gab es verbindliche Träume, Freiheit, oder Liebe, oder Freundschaft, aber wovon träumt man denn heute, wovon denn. Man träumt von einem kleinen bisschen Glück, man träumt davon, morgen nicht wieder nach der Arbeit auf die Fresse zu bekommen, man träumt davon, an den scharfen vielen Klippen des Lebens irgendwie halbwegs vorbeizukommen, man träumt davon, zumindest im System ein gutes, kleines Zahnrädchen abzugeben, das nennt man heute Träumen.
Er wartete kurz, nahm die Reaktion seines Fahrers auf, der scheinbar vollkommen in seiner Aufgabe aufging oder aufgehen wollte, dann sprach er weiter, beschwörend wie jemand, der seine Unschuld oder auch Schuld beteuerte, Träume setzen doch einen gewissen Idealismus voraus, den Willen zum Glauben an irgendwas, irgendwas, sagen wir, hmm, sagen wir zum Beispiel an den Menschen oder besser an das Gute im Menschen, ein Ideal der Aufklärung ist das, fügte er noch hinzu, dann drehte er den Kopf zu seinem Fahrer, und diesen Idealismus gibt es heute nicht mehr, also gibt es auch keine Träume mehr.
Wieso, widersprach er, dieses Ideal, wenn du dich auf dieses Beispiel festlegen willst, das gibt es doch noch, aber natürlich gibt es das noch, eine stakkatohafte Härte klang darin mit, ich sagte es schon, wie kannst du denn das so einfach sagen, du musst doch auf das Positive im Leben sehen, ich meine, wir waren doch gerade in diesem Etablissement, er wusste dass sein Passagier es immer so bezeichnete, in dieser Diskothek, klar, die Leute sind oberflächlich dort, größtenteils zumindest, aber grundsätzlich, die meisten Leute sind doch ganz nett, und überhaupt, wenn niemand mehr an das Gute im Menschen glauben würde, wie könnte dann so ein Ort existieren, an dem so viele Menschen sind, wie soll das denn gehen wenn jeder Angst hat, der andere könnte ihm gleich ein Messer in den Rücken rammen, wie denn, er hatte die Stimme erhoben und senkte sie jetzt wieder, als wäre er zufrieden mit sich selbst, blickte sogar einen Augenblick zu seinem Passagier hinüber, dessen Augen nachdenklich durch den Raum vor ihm glitten.
Einen längeren Moment sagten sie nichts, blickten nun beide nachdenklich auf die weißen Pfeiler, die an ihnen vorbeischossen, es schien, als schufen die Pfeiler allein den Weg, den sie befuhren.
Wenn das so ist, sagte der Passagier schließlich, wenn das so ist wie du sagst, warum bist du dann auf dem Rückweg, du erinnerst dich, auf dem Rückweg zum Auto auf die andere Straßenseite gewechselt, als uns andere Gäste entgegenkamen, und warum hast du dich dann ängstlich umgeguckt, als es in diesem Etablissement mal etwas lauter wurde, warum hast du jedem, denn du dort nur flüchtig kennst das gleiche erzählt, warum hast du dich auf das beschränkt, was alle tun, warum hast du gesagt Super geht es mir, obwohl du erst gestern wieder über deinen Rücken geklagt hast, warum hast du jedem die gleiche Frage gestellt, die Frage, du erinnerst dich, die Frage nach dem Befinden, und warum hat dir jeder diese Frage gestellt, warum. Warum hast du dein Glas nicht halbvoll abstellen wollen in diesem Etablissement, als du aufs Abort gingst, warum musste ich mit dem Glas in der Hand dort auf deine Rückkehr warten, warum hast du mich und das Glas so prüfend angesehen, als du wieder kamst, seine Stimme war leise, aber eindrucksvoll, warum hast du einer deiner ehemaligen Freundinnen ein Kompliment gemacht und einige Minuten später weniger schicklich über sie geredet, warum, der Blicks des Fahrers duckte sich tief in die Markierungen auf der Fahrbahn, warum.
Erst die Stille ließ wieder die Geschwindigkeit fühlen, mit der sie über die Markierungen schossen, und beide erschraken, er nahm den Fuß von einem der Pedale.
Sein Passagier blickte ihn an, der sanfte Blick eines Gefängnispfarrers, der auf ein Bekenntnis wartet, er wartete einige Sekunden, dann sprach er weiter.
Soll ich dir sagen warum, warum das alles so ist, du weißt es doch genauso gut wie ich, also warum leugnest du es, wir kennen die Wahrheit.
Jeder verrät jeden, so ist das. Jeder hat Angst vor jedem. Selbst vor sich selbst haben die Menschen Angst. Und warum, nun, weil sie es begriffen haben, sie haben hinter das Ideal geblickt, wissen dass es nicht wahr ist, sie wollen keine Opfer mehr sein, und deshalb wird jeder zum Täter. Er hatte wieder die Art von Verbitterung erreicht, mit der er zu sprechen begonnen hatte, hinter diesem oberflächlichen Lächeln, hinter diesen offenen und freundlichen Augen verborgen liegt ein Hass, ein unbändiger Hass auf alles und jeden, und eine Angst, eine Angst vor allem und jeden, beides versteckt sich hinter diesen Augen. Und deshalb handelst du und der Rest dieser ganzen Menschen so, ihr stellt euch immer die gleichen Fragen und gebt immer die gleichen Antworten um ja nie verwundbar zu werden, um niemals den vielen Wölfen um euch herum eine Chance zu geben, um euch zu schützen handelt ihr so, er lehnte sich tief zurück in das schwarze Kunstleder wie ein Anwalt, der gerade sein Plädoyer hielt, und ihr lästert und tratscht und macht euch über andere lustig weil ihr euch in Wirklichkeit hasst, ihr hasst euch selbst und ihr hasst auch jeden anderen.
„Du bist doch verrückt!“, sagte sein Fahrer, ein letzter verzweifelter Ausruf. Dann war das Gespräch beendet, und sie schwiegen eine lange Zeit.

„Der Tod der Harmonie macht euch
zu Krüppeln dieser Zeit
Es werden Meinungen zu Mörderminen
jeder Mensch zu Stacheldraht
und andern zu Helfen wird Hochverrat“

Thomas D. – Auf dem Planeten des ewigen Regens.

Die Psyche des Raumes (4)

geschrieben am 22. März 2005 um 01:11 Uhr

Vladimir Sowmeschenjik, Verlorene Wahrheit, Kapitel 2, Seite 44

Über die Psyche und den Raum

[…]Und so erging es auch dem Raum, die physikalische Revolution des 19. Jahrhunderts walzte ihn schier eben so platt wie zuvor schon die Zeit. Das mechanistische Weltbild, eine Meisterleistung der Differenzierung, der Zerlegung und Trennung des Ganzheitlichen, eben der kalten Analyse des Göttlichen, erklärte selbst den Raum zu einem Gefangenen der Physik, eingesperrt in Naturgesetzen, zu ewiger, fast schon christlich anmutender Dreifaltigkeit in Ziffern, in x, y und z verdammt. Der Raum sei gleichförmig flach, breite sich in alle Richtungen gleichermaßen aus, sei lediglich der Träger, die Bühne, das Medium, auf dem der Welten‘ Dinge sich bewegten.
Nun, schnell war der Zauber dieser unheiligen Fraktalisierung des Ganzen verflogen, und selbst der Physiker musste sich eingestehen, dass das Göttliche nicht zwischen den Dingen zu suchen war, dass es viel komplizierter war als jene Formeln .
Und mit dem Glauben an das universelle Chronometer oder dem chronometrischen Universum schwand auch die maskenhafte Starre des Raumes und der Zeit – so zumindest in der Physik Einsteins.
Doch aus einem Grund, den wir nicht genau benennen können, hält sich auch immer noch die Überzeugung, der Raum sei eben so flach, wie es das alte mechanistische Weltbild diktierte.
Dabei ist es doch so augenscheinlich, dass der Raum sich ständig stülpt, sich verändert, nicht in einem physikalischen, sondern in einem psychologisch-spirituellen Sinne.
Betrachten wir so zum Beispiel die Fahrt in einem Auto auf einer schnellen Straße, sagen wir, auf einem amerikanischen Highway. Wir steigen ein und fahren los, und augenblicklich scheint sich die Welt selbst, besser der Raum selbst, um uns zu krümmen. Denn was nun außen ist, verschwimmt unter dem Eindruck der Geschwindigkeit, mit der wir uns bewegen, und demnach wird sich der Effekt verstärken, je schneller wir fahren. Und wer erinnert sich nicht an Momente des Schocks oder des Erstaunens, in denen plötzlich ein im Vergleich zum gigantischen Universum winziges Ereignis aufgebläht wird, so dass es uns zu umschließen scheint, und genau das scheint mir auch die Wahrheit zu sein.
Wie ich schon einmal schrieb, sehe ich mich selbst nicht als Propheten oder als Philosophen, sondern als einen Naturwissenschaftler der Subjektivität.
Psychologen mögen sagen, es sei nicht der Raum, der sich um das Subjekt krümme, sondern viel mehr das Subjekt, dass seine Wahrnehmung krümme.
Doch das ist nicht die ganze Wahrheit – geht die moderne Wissenschaft doch immer noch zu großen Teilen von der Existenz eines objektiven Beobachters aus, absurd angesichts der Offensichtlichkeit von so unmöglich objektivierbaren Geschehnissen. Denn wer will von sich sagen, er sehe „den“ Raum jetzt gerade flach, er habe den objektiven Überblick über das Geschehen, die objektive Sicht des Raumes? Es scheint offensichtlich, dass nur das Göttliche selbst, das Universum selbst dazu im Stande ist, warum also bei dem alten Modell bleiben?
Werfen wir es über Bord, wenden wir uns dem Realen zu, wenden wir uns dem gekrümmten Raum zu. Besehen wir uns da zum Beispiel ein Subjekt, dass in einen Zug steigt, in eine abgedunkelte Kabine und dort die Fahrt über verweilt.
Am Ende der Reise wird das Subjekt sich fühlen, als sei es nicht gereist, verständlich angesichts der Tatsache, dass für das Subjekt der Raum zwischen Start- und Zielbahnhof ja gar nicht existent ist, da er auch nicht wahrgenommen wurde. Aus der Perspektive der Subjektivität, in der ich mich in diesem Buch üben möchte, scheint es, als ob der Raum um den Zug sich verändert hätte, zu etwas wurde, was man in der Physik vielleicht ein Wurmloch nennen würde, auch wenn dies ein psychologisches Phänomen ist, kein physikalisches.[…]

Der Traum (3)

geschrieben am 14. März 2005 um 01:11 Uhr

Sie lehnte sich vorsichtig in sich selbst zurück. Die Sequenzen waren ihr vertraut, sie überlagerten, schienen einem geheimen Algorithmus nach um sie zu rotieren, sich abzuwechseln wie Bilder eines Kaleidoskops. Doch ihre Entspannung war die einer Totgeweihten, die sich der Unausweichlichkeit des Endes bewusst wurde. Oft hatte sie versucht zu fliehen, den Bildern zu entgehen, zu erwachen, doch es war immer sinnlos, das Aufwachen wurde zum Wiedererwachen oder besser zum Widererwachen, zur Rückkehr in den Traum. Ja, man könnte es Wideraufwachen nennen, in einer metallisch-kalt sarkastischen Umkehrung des ursprünglichen Begriffs, dachte sie in einem Moment der Ruhe.
Aber es ging irgendwann vorbei, sie wusste das auf die merkwürdige halb-bewusste Weise, auf die man manche Dinge einfach ahnt, ohne zu wissen warum, und deshalb ertrug sie es jedes Mal, ließ es routiniert zu.
Es war nicht etwa so, dass sie sich des Vorgangs des Träumens bewusst war, hatte sie einmal festgestellt, vielmehr schien sie in den Bildern aufzugehen, wurde Betrachter und Teil des Bildes zugleich, eine sehr verzehrte Perspektive, wie sie fand.
Escher. Das erinnerte sie an einen Künstler namens Escher.
Die klarer werdende Bilderfront, die sie zum Teil selbst war, zwang ihren Verstand wieder zurück in die Defensive, Reflexion wurde ersetzt durch unreflektierbare Wahrnehmung.
Eine Armee aus hundert Augen oder mehr, starrend, durch die Dunkelheit rollend auf hammerförmigen Füßen, wie Pendel auf und ab schlagend, auf und ab, auf und ab, ein bedrohlicher Nebel aus Pupillen, der sich gleichförmig und ewig auf alles und jeden zu bewegte. Doch nicht dieser Nebel war es, der die Szene dominierte, sondern das Stampfen der Füße, seltsam abgehackt, wie mit einem schlechten Synthesizer erzeugt. Dann ein rascher Wechsel, der Nebel wurde substanzieller, schien unsichtbar zu glühen in der ohnehin herrschenden Dunkelheit. Sie hätte nicht hinblicken müssen, um zu wissen, was es war, sie wusste es ohnehin, aber abwenden konnte sie sich unmöglich.
Ein schwarzer Wolf mit giftig-glänzendem Fell, dass eher an eine Maschine erinnerte, an die glänzenden Klingen der riesigen Stahlungetüme, die in ihrer Kindheit schwarzes Gestein aus den umliegenden Gruben gefördert hatten.
Einmal hatte sie schweißgebadet wachend über diesen Wolf gelacht, er war eine interessante, eine intelligente Projektion ihres Unterbewusstseins, wie sie fand, eine irrsinnige Verknüpfung von Grimms‘ Perversionen und der kühl-strebenden Technologie der Neuzeit, eine postmoderne Variante oder besser Version von Rotkäppchen.
Und tatsächlich, wieder und immer wieder und auch dieses Mal formte sich einen zweite Gestalt aus der Dunkelheit, ein kleines Mädchen mit leuchtend-blutroten Flecken auf der weißen Bluse und panischen, fliehenden Augen, wehrlos.
Und da war doch ein Unterschied zu den albtraumhaften Wölfen aus Kinderbüchern, wusste sie, denn dieser Wolf hatte keine verschlagenenen Augen wie der Barkeeper, dessen Silhouette nunmehr fern am Rande ihrer eingeschränkten Wahrnehmung schwebte, nein, diese Augen waren klar umrissen, silbern, in ihnen spiegelte sich eine simple, unverhohlene Bösartigkeit und ein unbändiges Verlangen wider, eine Forderung, die niemand verneinen oder aufschieben konnte, weder sie noch das kleine Mädchen mit dem zerschlagenen Gesicht.
Das war eine Tautologie, sie ahnte es, das Mädchen und sie verschwammen auf eine seltsame Weise, die Perspektive schien unscharf zu wechseln, ihre Ohnmacht und Verzweiflung war auch die des Mädchens – oder umgekehrt, sie hatte es nie heraufgefunden, sie kannte das Mädchen nicht, hoffte sie oder wollte sie hoffen. Das war ein ein Grund, warum sie oft stundenlang in ihrem Bett lag und weinte, wenn sie an dieser Stelle des Traumes erwachte, wenn der Eindruck der unüberwindbaren Gewalt des Wolfes und des Ausgeliefertseins noch frisch in ihrem Bewusstsein war. Sie hatte einmal einen Text gelesen – sie wusste nicht wo, das Träumen legte ihren Erinnerungen Fesseln an- , etwas Metaphysisches über Räume, halb philosophisch, halb esoterisch, über die Krümmung von psychologischen Räumen. Das hatte sie an dieses Wechselbild ihrer Träume erinnert, denn der Wolf schien den Raum regelrecht zu schließen um sich und das Mädchen, er musste sich nicht bewegen, um sich ihr zu nähern, sie schließlich zu verschlingen und in Dunkelheit zu verschwinden, es war der Raum selbst, der ihm das Mädchen zuschob wie ein Wildhüter, der ein Raubtier zufütterte. Als führe er ein Eigenleben.

Sie erwachte schweißgebadet, wie immer, in ihrem Bett, in dem anderen Zimmer, ihrem einzigen Zimmer, was den Rest der Welt anging. Ohne zu zögern öffnete sie ihren Nachtisch, griff nach den Tabletten, die sie darin unter Illustrierten versteckte, die von Königshäusern und Diäten berichteten, sie hatte das irgendwie als beruhigend sarkastisch empfunden.
Ein letztes Bild blieb in ihrem Kopf hängen, bevor die Tabletten wirkten, das kleine Mädchen aus ihren Träumen, aber irgendwie anders, verfremdet, gebrochen vielleicht. Der Wolf schien durch ihre Augen zu schauen.

„Schlafen ist Verdauen der Sinneseindrücke. Träume sind Exkremente.“ – Novalis

Das geheime Zimmer (2)

geschrieben am 17. Februar 2005 um 01:10 Uhr

Sie öffnete die Augen, zum fünfundvierzigsten Mal in dieser Stunde, sie hatte mitgezählt.
Immer noch drehte sich die Welt um sie, aber langsam, beruhigend, als sei sie das Zentrum von allem. In gewisser Weise stimmte das, zumindest hier, in diesem, ihrem Zimmer.
Sie schloß die Augen wieder. Die dumpfe Musik, die vom Ende ihres Bettes leise herüberfloß, drang augenblicklich stärker in ihren Geist, Geräusche von Lüftern, Klimaanlagen, Autos – das hatte sie zumindest im Laden auf der Verpackung gelesen – unendlich verzehrt und gewaltsam gestaucht zu langen, grauen Klangtexturen, die in ihrem Kopf zu massigen, menschlichen Körpern kondensierten, die ewig über ihr schwebten. Fast hätte sie ein Gesicht erkennen können, es berühren können, doch sie öffnete die Augen wieder. Halluzinationen und Tagträume, sie war sie gewohnt, sie hatte oft welche nach solchen Abenden, hatte sich an die immer gleichen Symbole gewöhnt, schüttelte sie ab, konzentrierte sich wieder auf die Musik. Die Musik, sie mochte sie, die schweren Klangflächen erinnerten sie an das kosmische Hintergrundrauschen, dass sie während einer Vorlesung einmal zu hören bekommen hatte, oder an ein schlecht komprimiertes Video, dass nur aus groben Artefakten bestand, großen farbigen Blöcken, die das Bild brutal entstellten. Sie stellte sich unwillkürlich ihr Leben vor, in groben, farbigen Blöcken gerastert. Die Halluzinationen kehrten zurück.
Hastig drehte sie sich um, besann sich auf die Gegenwart, und begann routiniert, den vergangenen Abend wieder zusammensetzen, der in ihrem Kopf immer noch nur in Fraktalen existierte, zersplittert, lückenhaft, wie ein Gemälde, dass man absichtlich in kleine Stücke zerrissen hatte.
Als sie wieder zur Bar zurückgekommen war, hatte sie ein Wasser bestellt, das reserviert-angeekelte Lächeln des Barkeepers war aus einem Grund, den sie besser später erforschen wollte, in ihrem Kopf zurückgeblieben.
Und dann war ihr Bekannter doch noch gekommen, etwas spät, wie immer, später als andere Gäste, mit riesigen Pupillen und einem hastigen Lachen auf den ausgetrockneten Lippen. High, aber immer merkwürdig überlegt handelnd. Er hatte sie begrüsst, ihr einige bunte Tabletten zugesteckt, gegen Müdigkeit und Übelkeit, hatte er gesagt. Sie hatte natürlich gewusst, dass es keine Medikamente waren, er nahm nie Medikamente, sie machten zu schnell abhängig, hatte er einmal gesagt, aber die Tabletten halfen immer. Es interessierte sie auch nicht wirklich, woraus sie tatsächlich bestanden, sie hatte Stoff nie an der Wirkung erkennen können, manchmal glaubte, er könne das vielleicht.
Dann waren einige Leute zu ihm gekommen und er war mit ihnen gegangen, nach hinten, Geschäfte. Er sprach nie über seine Geschäfte, aber jeder – oder zumindest sie – wusste, dass er dealte, in großem Stil vielleicht sogar, sie hatte nie gewagt zu fragen. Er hatte sie nie geschlagen, aber sie zweifelte nicht daran, dass er das tun könnte. Sie stellte sich vor, was er wohl mit ihr anstellen könnte.
Ihr wurde schwindelig. Sie griff blind zu der schwarzen Kiste neben dem Bett, suchte mit immer noch leicht zitternden Fingern die runden Tabletten, die sie manchmal nahm, ein leichtes Valiumderivat, fand eine davon und schnitt sich an einer der vielen sterilen Rasierklingen, die in dem Kästchen verstreut lagen. Während sie die Tablette nahm, begann sie mit der Klinge zu spielen, wie sie das nannte. Sie grinste. Spielen.
Ihre Gedanken kehrten wieder zurück zum vorherigen Abend, während ihre Hand sich weiter bewegte, die Rasierklinge locker zwischen zwei Fingern.
Irgendwann war er wieder gekommen, aufgekratzt, überdreht, vermutlich von dem Stoff, den er hinten genommen hatte, vielleicht etwas von dem weißen Pulver.
Wie so oft hatte er gefragt, ob sie noch mitkommen wolle, und sie hatte eingewilligt. Sie hatte es bereut, wie sie es jedes Mal bereute. Sie fragte sich, warum sie immer wieder mitkam. Ihr Bekannter mochte sie, dachte sie, vielleicht war das der Grund. Aber sie wusste, dass das nicht stimmte, eigentlich glaubte sie nicht, dass er überhaupt irgendjemanden mochte.
Ihr Körper zuckte leicht, als sie etwas zu viel Druck auf die Klinge ausübte.
Sie waren als zu ihm gegangen und sie hatten nicht mehr viel geredet. Danach hatte sie stundenlang hellwach und überdreht neben ihm gelegen. Er hatte geschlafen, sie hatte wach neben ihm gelegen, mit dem lauten Rauschen der Brandung in ihrem Kopf, sie hatten einige Sachen genommen, davor, viel zu viele verschiedene. Sie hatte dort im Dunkeln gelegen und darüber nachgedacht, ob sie etwas von dem weißen Pulver nehmen sollte, dass auf dem Nachttisch lag, nur um etwas abzukühlen, um sich etwas Luft zu verschaffen, um die Halluzinationen loszuwerden.
Schließlich waren vor ihren Augen Menschen aus den Narben an ihren Oberarmen gequollen, winzige Menschen, kleine blonde Mädchen, und sie hatte sich furchtbar gefürchtet und schließlich doch das Pulver genommen.
Ein Kindheitserinnerung ließ sie lächeln. Das Sandmännchen. Schlafsand. Sie hatte die Mädchen Schlafen geschickt und war schließlich selbst eingeschlafen.
Als sie wach geworden war, war es schon fast Mittag gewesen, und sie hatte ihn geweckt. Er hatte sie nur grob geküsst und ihr Geld für ein Taxi gegeben, sich umgedreht und weitergeschlafen.
Sie zuckte wieder zusammen.
Geld für ein Taxi. Eines Morgens hatte er damit angefangen, es ihr zu geben, und sie hatte an diesem Morgen geschrieen und ihn geschlagen, und er hatte nur ihre Arme festgehalten und sie angesehen. Seitdem nahm sie das Geld. Und geschlagen hatte sie ihn nie wieder. Sie wusste nicht, ob aus Angst vor ihm oder aus Angst vor diesem Blick.
Und nun lag sie hier. Die Sonne, die sie in diesem Zimmer aus gutem Grund nicht sehen konnte, war sicher schon untergegangen. Langsam musste sie wieder in das andere Leben zurückkehren, es war schon spät. Morgen musste sie wieder zur Arbeit, Geld verdienen, funktionieren.
Sie fischte den grünen Kasten unter dem Bett hervor. Ein Kreuz war darauf aufgedruckt gewesen, das hatte sie zu zynisch gefunden und es mit etwas Farbe übermalt. Sie strich eine Salbe auf den Arm, stand langsam auf, um nicht hinzufallen und verließ das Zimmer. Wieder war ein Wochenende vorbei, dachte sie, und verschloss die Tür sorgfältig hinter sich, ihr kleines Geheimnis.

„Unter Drogen findet man nicht sich selbst, sondern nur den Teufel.“ – Konstantin Wecker

Seelenverschwörung/Potenziale

geschrieben am 1. Februar 2005 um 20:20 Uhr

Beim Rekapitulieren der letzten Texte meines Blogs stieß ich auf eine Frage, die ich selbst nicht ganz beantworten konnte.
Was ist eigentlich das Problem der Menschen, die die Texte beschreiben?
Was ist ihr wesentlicher Antrieb, sich selbst zu zerstören?
Sind sie im pathologischen Sinne krank, weil sie intrinsisch motiviert gegen sich selbst handeln?
Oder ist es die Umwelt, die sie traumatisiert und zu dem Untergang verdammt, der sie schließlich ereilt?
Eine Weile habe ich darüber nachgedacht, und mir ist eine interessante -medizinische- Analogie eingefallen, die vielleicht eine Lösung für diese Fragen anbietet, auch wenn sie vielleicht etwas unbefriedigend erscheint, wir wir sehen werden.
Betrachten wir zunächst einen menschlichen Körper, in den ein Fremdkörper eindringt, vielleicht ein Glassplitter, vielleicht auch ein Bruchstück eines Geschosses, das ist zunächst einmal irrelevant. Wie jeder weiß, der schon einmal einen Holzsplitter unter der Haut hatte, wird der Körper mit Abwehrreaktionen beginnen, da die Immunabwehr den Fremdkörper als Feind identifiziert und Gegenmaßnahmen einleitet, ganz ähnlich wie eine Armee, die einen feindlichen Späher hinter den eigenen Linien entdeckt.
Nun, im Gegensatz zu so einer fiktiven Armee, die rational handeln wird und den Feind mit minimalem Aufwand vernichtet, handelt der Körper weniger rational.
Je nach Material und Größe des Fremdkörpers wird das umliegende Gewebe sich verändern, Wundherde bilden, vielleicht nekrotisieren, eventuell sogar einen Cordon von Geschwüren, bösartigen Geschwulsten bilden. Gelingt es dem Körper nicht den – ja vielleicht harmlosen – Splitter zu zerstören oder abzudrängen, wird immer mehr Gewebe betroffen sein, der Blutkreislauf wird schließlich mit Antikörpern und den Zellgiften zerstörter Körperzellen inflitriert werden, der ganze Körper beginnt zu fiebern, vielleicht sogar zu sterben.
Betrachtet man dieses Verhalten mit einiger Distanz und aus einer mehr philosophischen als medizinischen Perspektive, so scheint es , als ob es da einen unsichtbaren Pakt zwischen eingeschlossenem Splitter und Körper gäbe.
Denn schließlich ist es nicht der Splitter, der den Körper zerstört – sofern er keine lebenswichtige Region berührt, wirkt er sich ja nur bedingt störend auf die umliegenden Organe aus. Es scheint vielmehr so, dass der Körper selbst in einer Art Doppelzüngigkeit, einer konspirativen Überlagerung von Ursache und Wirkung, beginnt, sich selbst zu zerstören.
Oberflächlich versucht der Körper nur, auf die Ursache, den Splitter nämlich, zu reagieren. Gleichzeitig ist diese kausale Wirkung aber wiederum auch Ursache eines Niedergangs des gesamten Körpers.
Mit ausreichend negativer Betrachtungsweise könnte man so sogar sagen, dass ein selbstzerstörerisches Potenzial des Körper exisitiert, dass sich an dem Splitter realisiert, aber eigentlich schon immer vorhanden war und sich nur nach Materialisierung sehnte, ähnlich wie eine Perle immer ein Potenzial, eine mögliche Realität der Auster ist.

Ganz ähnliches gilt für die Seele der Protagonisten. Sie alle haben Dinge erlebt, die sie nie ganz verarbeitet haben, kleine, vielleicht große Bruchstücke dieser in ihrem Geiste behalten, und ganz ähnlich wie der Körper in der Analogie beginnt auch die Seele mit einem scheinheiligen Abschottungs- und Schutzmechanismus, den Fremdkörper einzuschließen. In einem unsichtbaren Pakt, einem geheimen Bündnis, einer subversiven Verschwörung mit dem, was sie eigentlich bekämpfen will, entwickelt die Seele dieser Menschen Strategien, sich vor den Splittern zu schützen, vielleicht durch Flucht (vgl. ‚Dunkler Bunter Regen‘ ff.) oder auch durch das Konstrukt einer eigenen, anderen Realität(vgl. ‚Prelude/Lullaby I-IV‘), die im Kern doch nur zerstören, was sie eigentlich schützen sollten. Es sind nicht die Erfahrungen, die die Protagonisten zerstören, es sind die Dinge, die die Seele mit diesen Erfahrungen macht, denn anstatt sie vollständig zu integrieren, was die einzig rationale Lösung sein mag, realisiert sich in diesen Menschen das Potenzial der Autodestruktivität, nutzt den Splitter aus, um sich selbst zu gebären.
Was bedeutet dies also für die Eingangsfrage?
Nun, es scheint so, als ob der Grund für das Verhalten der Protagonisten sich genau zwischen den Begriffen extrinsisch-intrinsisch bewegt; die kausale Ursache, die „Schuld“ an dem, was geschieht, scheint auf eine schwer fassbare Weise zwischen äußeren und inneren Antrieben zu verschwimmen. Ohne die selbstzerstörerischen, inneren Potenziale der Protagonisten wäre ihr Untergang genauso wenig denkbar wie ohne die Außenwirkungen, die sie diese Potenziale erst realisieren lassen. Diese Antwort scheint sehr unbefriedigend zu sein, und das ist sie auch, schließlich zerstört sie das Konstrukt der unbedingten Unterscheidbarkeit von Außen und Innen und ersetzt sie durch ein dynamisches Zusammenspiel, eben dieser Seelenverschwörung, von der der Titel kündet.

Aus der Warte dieser Potenziale des Menschen könnte man jemanden, der etwas Fiktives aufschreibt (der Begriff Autor oder Schriftsteller ist hier obsolet, weil dies Begriffe sind, die von der Gesellschaft ‚verliehen‘ werden), als jemanden beschreiben, der die Potenziale (negative und positive) seiner eigenen Welt auf einem Blatt Papier realisiert, also quasi die Topologie seiner eigenen Realität der Potenziale kartografiert. In gewisser Weise schafft er dadurch in dem, was erzählt, eben diese Metarealität der Potenziale, besser noch, ein Meta-Alter-Ego seiner selbst, die eben nicht nur enthält, was er ist, sondern auch, was er nicht ist und was er sein könnte. Denn selbst das, was wir nur sehen und dann beschreiben, ist etwas, das allein durch den Vorgang des Rezipierens zu einem unserer Potenziale geworden ist.

Jemand, der Fiktives auf Papier schreibt, ist immer jemand, der eine Auster sieht und eine Perle beschreibt – bad_indicator.

Dunkler bunter Regen (1)

geschrieben am 25. Januar 2005 um 01:10 Uhr

Große, schlauchförmige und -vor allem- merkwürdig bunte Tropfen.
Sie mochte Regen. Aber dies war kein normaler Regen, stellte sie fest.
Die Tropfen strömten um sie und durch sie hindurch. Ein Hauch Verwunderung erfasste sie. Kein Schmerz, nur das warme, prickelnde Gefühl des Regens unter der Haut, ansonsten nichts, nicht mal ein echtes Ich. Sie ließ den Gedanken fallen, er wurde ihr zu schwer, viel zu schwer. Eine Erinnerung durchhuschte den Schauer wie ein flüchtiger Bekannter. Ein junges, blondes Kind, ein Mädchen, das eine schwere Milchkanne wie einen Schatz vor sich her trug, mit offenen, weiten Augen. Große Tore, durch die die Welt ungehindert Einlass fand.
Stunden vergingen, während sie im Regen stand und an dieses Kind dachte.
Dann fiel ihr auf, dass der Regen zwar bunt, aber trotzdem unsagbar dunkel war, vor dem Auge floh. Sie versuchte ernsthaft, einen klaren Gedanken zu fassen.
Zum einen konnte ihrer Meinung nach Regen weder schwarz noch bunt sein. Schon gar nicht beides gleichzeitig. Zumindest glaubte sie das.
Zum anderen schien es ihr nicht ganz richtig, dass der Regen durch sie hindurchfloss.
Sie kniff die Augen zusammen, versuchte sich auf den Regen zu konzentrieren. Sah Schemen dahinter.
Die Konzentration wich wieder. Ihr Kopf schien ein Termitenhügel zu sein, dezentral, zerstreut, unfähig, sich in eine Richtung zu bündeln. Sie versuchte sich zu erinnern, warum das so war.
Dieses Mal hatte sie zuviel genommen.
Der Gedanke schnitt durch die wabernden Geistertermiten, verschwand wieder.
Eine Stimme hinter dem Regen, sie sang. Sang etwas, dessen Sinn sich ihr nicht erschloss, auch wenn sie sicher war, dass sie die Stimme schon mal gehört hatte.
There’s no beginning there is no end
There is only change
Progression backwards is this where we are heading
Take back your soul forget your emptiness

Eine zweite Stimme, viel näher. Ihre eigene.
Etwas berührte sie am Arm. Wie eine gespannte Feder schnappte ihr Geist zurück in die Realität. In die andere Realität, verbesserte sie sich. Eine warme, vertraute Hand, die sich reflexartig wieder um die Welt legte, aus der sie stammte.
Sie blickte in helle Augen, in denen sich eine weit entfernte Heimtücke widerspiegelte, sie lächelten scheinbar besorgt.
Der Barkeeper, sie erinnerte sich. Und fand die eigenen Arme auf der Bar wieder.
Diesen Ausdruck, sie kannte ihn genau. Diese Art von Boshaftigkeit, die man erst viel zu spät sah.
Bitter lächelte sie zurück. Solchen Augen hatte sie oft genug vertraut. Mindestens einmal zuviel.
Verkrampft hielten ihre Hände ein Glas. Die Knöchel traten weiß hervor, als wollten sie möglichst viel Abstand zu dem Getränk gewinnen.
Dieser Gedanke amüsierte sie. Bestimmt hatte er etwas in das Glas gemischt. Schließlich nahm sie sehr selten zuviel. Kontrolle. Sie hatte es unter Kontrolle.
Ihr war klar, dass das nicht stimmte. Aber sie fühlte sich noch so fern von sich selbst, dass ihr das egal war.
Mit einem Nicken drehte sie sich von dem Mann weg. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie er sich enttäuscht ebenfalls abwand.
Sie lehnte die Arme vorsichtig an die Theke, achtete darauf, dass die langen Ärmel keine Flecken bekamen oder hoch rutschten. Außerhalb der Wohnung trug sie immer lange Klamotten, auch im Sommer, immer.
Diesen Platz mochte sie. Von hier aus konnte sie die Tanzfläche überblicken. Ja, das war der Grund, dachte sie und drehte das Glas langsam in einer Hand. Die Eiswürfel darin machten ein Geräusch, das sie nur fühlen konnte.
Nicht, dass sie hier oft jemanden sah, den sie nicht kannte. Fremde kamen hier nur selten her. Und wenn, dann hatten sie sich meist aufgrund ihres Zustands in der Tür geirrt. Aber sie sah gern den anderen zu, wie sie sich amüsierten. Oder das taten, was sie darunter verstanden, dachte sie grinsend.
Sie hob das Glas, roch daran. Ein schwerer Geruch von Kräutern stieg ihr in die Nase, wurde aber nach einigen Sekunden von einem leichteren, industriell-chemisch neutralen Geruch verdrängt. Das Grinsen erstarb.
Nicht unbedingt die Dinge, die man normalerweise in ein Glas Cola füllte.
Sie überdachte die Option, sich umzudrehen und irgendetwas zu sagen. Irgendetwas sehr Unfreundliches. Schüttelte dann unmerklich den Kopf und trank aus. Er war hartnäckig. Jetzt, da ihre Gedankengänge – ihrem Empfinden nach – weniger einem arbeitsamen Termitenvolk als mehr oder weniger geraden Linien entsprachen, fiel es ihr wieder ein. In den letzten Wochen hatte er solche Stoffe mehrmals in ihr Glas geschüttet.
Sie betrachtete die kleinen, luminiszierenden Tropfen am Boden des Glases. Winzige, längliche Kohlenwasserstoffketten, an denen schwere Sauerstoffatome klebten, auch einige andere, weniger freundliche Toxine. Sie schwangen im Takt der Musik. Ein Freund, nein, ein Bekannter hatte ihr mal gesagt, dass ähnliche Ketten auch im allerersten Ozean getanzt hätten, Bausteine gewesen seien für das erste Leben. Schöpfung und Zerstörung, so nah beieinander. Der Mensch erkämpfe sich den Weg zurück in die Ursuppe, hatte er gelacht. Sie wusste, dass dieser Vergleich nicht ganz stimmte, aber sie hatte es sich trotzdem gemerkt.
Heute war er nicht da, der Bekannte. Oder Freund. Ihr Blick schweifte wieder zur Tanzfläche. Einige Leute verließen sie gerade, wohl genervt von der Musik. Ein paar der Menschen sahen sie an, nickten ihr zu oder lächelten nur wissend.
Das Geräusch einer nicht endenden Brandungswelle kündigte die Rückkehr des Regens an. Regen.
Sie erinnerte sich an den Jungen aus dem Büro. Die Polizei, sie hätte die Polizei rufen sollen. Was hätte sie sagen sollen? Dass sie so eine Ahnung hätte?
Sie unterdrückte den aufkommenden Rausch. Stellte sich vor, wie sie über der schwarzen Welle stand, auf einem dunklen Brett darüber hinwegritt.
Vielleicht war ihm gar nichts geschehen, vielleicht hatte sie sich nur etwas eingebildet. Flashbacks. Sie hatte schon früher welche gehabt.
Nein. Irgendetwas in ihr wusste, dass das nicht stimmte. Er war tot, sie wusste es. Sie hatte es zwischen den Buchstaben gelesen. Irgendwo in dem Blau zwischen den Buchstaben. Deshalb war sie ja hergekommen. Um sich zu amüsieren, um sich abzulenken. Um Luft zu holen in der Gegenwelt, die sie jetzt unterdrückte.
Ihre Finger glitten hinter ihrem Rücken über eine Unebenheit im billigen Holz der Thekenwand. Eine Schnitzerei. Sie dachte daran, wer sie gemacht hatte, sie war ja dabei gewesen. Den Text hatte sie unzählige Male gelesen, während sie hier stand, manchmal mit den Augen, jetzt mit den Fingern. Death is no option hatte er eingeritzt, mit zitternden, schwitzenden Händen. Als ob er sich dessen selber versichern müsste.
Ihre Gedanken fanden wie von selbst zurück zu dem Jungen. Sein Credo war das augenscheinlich nicht gewesen, stellte sie ohne Ironie fest. Diese Gefühlskälte stammte nicht vom Alkohol, dass wusste sie. Sie stammte von dem anderen Zeug, das in dem Glas gewesen war.
Wahrscheinlich lag er immer noch in seinem Appartement. Oder wo auch immer er wohnte.
Einen Moment stellte sie sich vor, wie lange sie wohl in ihrer Wohnung liegen würde, bleich, Tablettenschachteln im Kreis um sich. Wie Opfergaben vor einem Altar.
Ihre Hände fanden wieder die markanten Schnitte im Holz hinter ihr. Eigentlich ein schöner Gedanke, fand sie, dann stieß sie sich von der Wand weg, ging den vertrauten Weg zur Toilette und übergab sich.

„Wir streben mehr danach, Schmerz zu vermeiden, als Freude zu gewinnen.“ – Sigmund Freud

Prelude/Lullaby IV

geschrieben am 17. Januar 2005 um 00:59 Uhr

Mit dem Erschrecken eines Unschuldigen wachte er auf.
Aber sie lag noch neben ihm. Er konnte ihren warmen Körper neben sich spüren. Ihren Atem hören, leise, wie Blätterrauschen in einer Sommernacht. Beruhigt schmiegte er sich an sie, legte einen Arm um sie.
Und schrak wieder hoch, so schnell, dass sein Geist noch für einige Momente in dem Traum verweilte.
Er rief sich zur Ordnung, stand schnell auf von der Couch, als ob sie nun gefährlich für ihn wäre.
Träume. Schon lange hatte er sich nichts mehr aus ihnen gemacht, nicht auf sie geachtet. Sie kamen und gingen, wie Besucher aus einer anderen, fremden Welt.
Einer Spiegelwelt, dachte er, vollkommen anders, aber doch ähnlich, auf eine subtile Weise.
Manchmal zeigten sie ihm Bilder von einem anderen Leben, das nicht seins war, aber auch niemandem sonst gehörte.
Und manchmal war auch die Angst dort, in den Träumen, demonstrierte ihre Macht in schmerzvollen Bildern, dem Tod seiner Mutter, dem Porträt seiner ersten großen Liebe und immer wieder endlosen, menschenleeren Steppen, in denen er alleine war.
Allein. Vielleicht fand seine Einsamkeit noch ein Ende, dachte er und atmete tief ein, immer noch ungewohnt frei. Das Gewicht, das sonst auf seiner Brust lastete, war nicht da. Immer noch nicht wieder da.
Er blickte auf eine Uhr, die auf dem Fernseher stand. Es war noch Zeit. Misstrauisch nahm er wieder Platz auf der Couch, berührte sanft die Lehne. Als wolle er ihr für den Traum danken. Er lächelte. Ein ganz und gar irrationaler, aber schöner Gedanke.
Seine Augen schlossen sich wieder, versuchten wieder zu den Bildern zu finden, die eben so real gewesen waren.
Eigentlich wusste er nicht, ob er so viel Hoffnung haben durfte, warnte ihn etwas, aber er ignorierte es.
Suchte weiter nach den Bildern, nur um sich die Zeit zu vertreiben, erklärte er sich selbst.
Ein Haus, weiß, rote Dachziegeln, die in der Sonne zu glühen schienen, irgendwo auf dem Land. Ein großer Hund auf der Veranda, er erinnerte sich, ein Labrador. Die Tür öffnete sich, er trat ein, wusste, wo er hingehen wollte, die Treppe hinauf, an den großen Fenstern im Flur vorbei, großen, bunten Rahmen mit klaren Scheiben, dahinter weite, grüne Felder, die das Licht zurückwarfen wie blankpolierte Spiegel.
Er trat auf eine Tür zu, sie wich seinem Geist, und dort stand das Bett. Und dort war auch sie, wie er sie verlassen hat, wieder das leise Wispern von Blättern, wenn sie atmete.
Er öffnete die Augen. War das eine mögliche Zukunft? Die Warnung nahm wieder Gestalt an, diesmal ernster. Er durfte sich nicht sinnlosen Hoffnungen hingeben, nicht die Kontrolle verlieren. Doch diese Worte begannen, hohl und blechern in seinem Kopf zu klingen.
Ein weiterer Blick auf die Uhr. Bald müsste er sich umziehen, sich „fertigmachen“, er fand den Ausdruck furchtbar, hatte ihn irgendwo aufgeschnappt. Der schwarze Anzug lag schon seit Stunden neben ihm, sauber gefaltet auf einem Stuhl.
Wann hatte er ihn zuletzt getragen? Es war bei einer Beerdigung gewesen, entsann er sich. Aber bei welcher?
Früher hatte er diesen Anzug oft getragen.
Er lehnte sich wieder zurück, versuchte besorgt zu wirken, zumindest auf sich selbst.
Die Situation war verwirrend. Es fiel ihm schwer, Begeisterung und Optimismus im Zaun zu halten.
Er fragte sich, ob das nur an ihr lag.
Vielleicht war es Vertrauen.
Unschlüssig drehte er sich zur Seite, hatte die Uhr jetzt immer im Blick.
Vielleicht vertraute er ihr oder auch sich selbst plötzlich.
Vertrauen. Er lächelte. Dieses Wort hatte er schon lange nicht mehr benutzt.
Oder vielleicht… vielleicht war das auch seine letzte Chance. Er dachte an heute Morgen, an die Ampel, an seine Gedanken, während er die Straße überquert hatte, an die schwarze Kiste unter seinem Bett. Und begriff.
Ja, das stimmte. Das war seine vielleicht letzte Chance, die Dämonen zu besiegen, die ihn auffraßen. Dämonen. Was für ein geistloser Ausdruck. Aber das war ihm egal, stellte er verblüfft fest.
Noch einmal schloss er die Augen, suchte ihr Gesicht, das immer jeden Zweifel weggewaschen hatte. Ihre Lippen, die ihn beruhigt hatten, ohne ein Wort zu sprechen.
Er hörte ein Geräusch und setzte sich auf.
Ein Mobiltelefon. Sein Mobiltelefon.
Die Zweifel kehrten genau so schnell zurück, wie sie gegangen waren.
Seine Hand zitterte, als er das Telefon hielt.
Eine Kurznachricht.
Sie würde sich verspäten. Sie wüsste noch nicht genau, wann sie kommen würden.
Nein, korrigierte er, sie würde gar nicht kommen.
Er hatte es doch geahnt, oder ahnen müssen. Die Spielregeln, die Regeln, die ihn schützten, er hatte sie verletzt. Er erinnerte sich an die letzten 30 Minuten, wie peinlich. Wie hatte er sich dazu hinreißen lassen. Wieder sah er ihr Gesicht vor sich, diesmal kalt, gehässig, lachend. Wie hatte er nur…
Sein Körper zitterte. Die Uhr zeigte mit großen, grinsend-goldenen Zeigern schon fast auf die verabredete Uhrzeit.
Verabredet, spottete er über sich selbst.
Die Verzweiflung verwischte jeden Zweifel.
Nein, es hatte nie eine Verabredung gegeben. Anders war es nicht denkbar. Aber er musste sich sicher sein, absolut sicher, also las er die Nachricht noch einmal, noch einmal, noch einmal. Erkannte nicht den Sprachstil des gelben Zettels, des lächelnden Gesichts im Büro. Nur die Sprache des immer noch gehässig lachenden Porträts in der Düsternis seines eigenen Schädels. Ja, er hätte es wissen müssen. Menschen waren Verrat. Das Leben war Verrat.
Er ließ das Handy achtlos fallen.
Das war seine Schuld, nur seine. Die Regeln, er hatte sich nicht an die Regeln gehalten. Die Angst, die mit der Verzweiflung zurückgekehrt war, legte eine kalte Hand auf seine Schulter.
Sie hatte ihn beschützt, dachte er, immer beschützt, hatte ihm Regeln gegeben.
Sie hatte ihn die Tage überstehen und die Nächte zumindest überleben lassen, nur sie.
Nicht dieses kalte, gehässige Mädchen, die Angst hatte ihn bis hierher gebracht, niemand anders.
Die Hoffnungslosigkeit schwemmte auch diesen Gedanken weg.
Ein paar Tränen rannen sein Gesicht hinab, nicht viele, wie bei jemandem, der über Tränen weit hinaus war.
Nur einige kleine, runde Tropfen.
Wie die letzten Ratten, die das Schiff verließen, dachte der Zyniker in ihm.
Er hätte sich keine Hoffnungen machen dürfen, jetzt fiel er umso tiefer, er hätte es wissen müssen.
Warum sollte ihn auch jemand mögen? Ausgerechnet ihn, der Nichts war, nicht mal etwas Gewöhnliches?
Still legte er sich wieder auf die Couch, glitt hinab in Dunkelheit, ließ Agonie und Angst wie Geier über und in ihm kreisen.
Jetzt konnte er nicht mehr zurück, wohin auch.
Ein Bild baute sich hinter seinen geschlossenen Augen auf, er kannte es, wollte es nicht sehen.
Zurück ins Büro? Dort war sie, nein, schon den Gedanken ertrug er nicht.
Das vertraute Haus, jetzt verdorben, verfallen, die Ziegeln gespalten, die Felder von der Sonne verbrannt und vom Wind davon getragen. Auf der Veranda der verwesende Körper eines Hunds, der aus toten Augen starrte.
Nein, er hatte Recht gehabt, dass war seine letzte Chance gewesen, er hatte zu viel gewagt, es gab kein zurück. Vertrauen. Seine Lippen formten das Wort. Es klang spöttisch, klang schon immer spöttisch.
Das Bild begann zu verschwimmen, wurde unscharf unter der glühenden Sonne, die herab brannte. Es zeigte keine Einzelheiten mehr, wie ein entferntes Echo.
Nein, falsch. Seine Augen fanden ein Detail. Etwas, das auf der Veranda lag, als wäre es schon immer dort gewesen.
Eine kleine schwarze Kiste aus Holz, solchem Holz, aus dem man Türen herstellte.

Und er wurde sehr ruhig.
Seine Augen öffneten sich. Eine merkwürdige Klarheit breitete sich aus, Angst und Verzweiflung wichen ihr, stützten sogar seine Beine, kannten seinen Weg. Zielstrebig bewegte er sich.
Es war das Beste so. Er zog die Kiste hervor. Sie schabte mit einem Seufzen über den Boden, ließ sich auf das Bett heben.
Nie wieder würde er verzweifelt sein.
Und die anderen, nun, sie müssten nie wieder verleugnen, was sie dachten. Über ihn dachten.
Seine Hände bewegten sich schnell in der Kiste, von etwas geführt, was nur er sehen konnte. Das wusste er, aber es spielte jetzt keine Rolle mehr.
Er schob Munition beiseite, fand die drei Briefe, vor Wochen geschrieben, fein säuberlich adressiert, in großen, roten Buchstaben.
Aufmerksam legte er sie gestapelt auf den Tisch, genau an die Tischkante.
Dann nahm er den anderen Gegenstand aus der Kiste, legte ihn auf den Tisch. Strich einen Moment über das warme Holz der Kiste. Schloss sie dann bedächtig.
Das Gewicht war größer, als er es in Erinnerung hatte. Er hob den Lauf.
Dann zögerte er.
Dankbarkeit hatte sich in den absurden Frieden gemischt, den er empfand.
Die letzte Chance. Dankbarkeit, irrationale Dankbarkeit für Hoffnung, die sie kurze Zeit gebracht hatte.
Es war unhöflich, das einfach zu vergessen, es war unhöflich, sie einfach zu vergessen.
Der Lauf senkte sich wieder.
Er fand das Telefon neben der Couch, wo er es hatte fallenlassen. Einen kurzen Augenblick wusste er nicht, was er schreiben sollte, dann huschten seine Finger einige Sekunden über die Tasten. Das Telefon fiel wieder neben die Couch.
Er lächelte zufrieden.

Und mit einem lauten Knall, der einem Schuss ähnelte, schloss sich die Tür aus schwarzem, schwerem Holz hinter ihm.

An einem anderen Ort steht eine junge Frau im Regen. Blonde, kurze Haare, vom Regen aufgeweicht. Winzige Sturzbäche, in denen der Regen entlang kleiner, abstehender Strähnen nach unten fällt.
Sie mag Regen, eigentlich. Aber jetzt ist sie abgelenkt. Sie hat den Kopf tief gesenkt, wie zum Gebet. Aber sie betet nicht. Sie liest.

Warte nicht auf mich.
Kühles, verbleichendes Blau, dass sich in ihrem Gesicht widerspiegelt. Schwarze, grobe Buchstaben, die sich wie kleine Klingen in das Display eingraben.
Warte nicht auf mich.

Eine winzige Träne der Vorahnung huscht durch ihr regennasses Gesicht, unsichtbar.
Sie starrt das Display an, immer länger. Sie sieht auch nicht auf, als der verspätete Bus kommt, auf den sie so lange gewartet hat. Auch nicht, als der nächste Bus kommt.
Sie steht einfach da und starrt auf das Display. Und denkt an die Kiste unter ihrem Bett. Schwarzes, schweres Holz. Wie das, aus dem man Türen macht.

„Man kann nicht für sich allein leben. Das ist der Tod.“ – Leo Tolstoj

Prelude/Lullaby III

geschrieben am 14. Januar 2005 um 00:59 Uhr

Stille. Nur das leise Nachgeben der Tasten unter seinen Fingern. Sie schienen ihm zu dienen, zu gehorchen. Keine anderen Menschen in Sichtweite.
Immer noch war er konzentriert auf die kleinen kryptischen Symbole auf seinem Schirm, die sich veränderten, verschoben, nur durch seinen Willen.
Ein Geräusch drang durch dünne Pappwände.
Er sah auf grässlich-grüne Ziffern einer Uhr. Mittagszeit. Sie gingen alle zum Essen. Alle, bis auf ihn.
Sie fragten ihn nicht einmal. Diese unverwundene Unhöflichkeit verwunderte ihn. Anfangs hatten sie ihn immer gefragt. Natürlich hatte er es abgelehnt, mitzukommen. Sie fragten ja nur, um den Schein zu wahren.
Er sei krank. Oder er habe keinen Hunger. So etwas hatte er geantwortet.
Seine Finger zogen sich von den Tasten zurück, wie ein Krebs, der sich aus seiner Schale zurückzog. Bildeten eine Faust. Entspannungsübungen.
Er kannte sich aus, er kannte die Spielregeln. Immer ein Vorwand auf den Lippen, das war eine Regel. Er wollte ihnen nicht mehr zur Last fallen, als er das offensichtlich schon tat.
Jetzt fragten sie erst gar nicht mehr. Er fragte sich warum. Vielleicht war eine seiner Entschuldigungen nicht gut genug gewesen. So war es bestimmt.
Die Mittagspause mochte er. Er grinste. Wenn er an diesem Ort überhaupt etwas mochte.
Wie allein er jetzt war. Er konnte es fühlen. Für einen Moment wich mit den Menschen auch die Angst, gab einen Blick auf das Büro frei.
Das Sonnenlicht war jetzt fast weiß. Das gefiel ihm. Neutrales, simples Weiß. Solches, das man auch für wissenschaftliche Experimente benutzte. Zumindest stellte er es sich so vor.
Das Auge des Sturms. Der Ausdruck fiel ihm ein. So fühlte es sich an.
War es das, was er vermisste; Einsamkeit?
Er dachte an das Ereignis von heute morgen. Vielleicht.
Er wünschte, dass es so wäre, aber andererseits.
Sie störte. Diese Emotionen störten. Es ärgerte ihn.
Er stellte sich vor, wie es wohl ohne sie sein würde. Es war so schwer genug, durch dieses Leben zu kommen.
Warum dann noch das?
Aber nein, sie konnte nichts dafür. Es war seine Schuld, nur seine Schuld. Er würde sich zusammenreißen. Diese irrationalen Reaktionen einfach ignorieren. Wie lächerlich es war.
Er ließ sich tief in den blauen Stuhl sinken, die Hände fast locker im Nacken verschränkt.
Ein Hauch von einem Lächeln zog über sein Gesicht.
Arbeit war entspannend, wenn er allein war.
Er stellte sich vor, wie sie jetzt alle an Tischen saßen, viele Menschen, und redeten, vielleicht über ihn redeten. Und sie, wie sie daneben saß. Mit demselben Lächeln wie heute morgen.
Sie, schon wieder sie. Nie wieder dieser Gedanke.
Ein Geräusch hinter ihm. Wie von selbst schnappte sein Oberkörper hoch, die Schultern weit hochgezogen, der Kopf abgesenkt.
Dann ihre Stimme. Sie? Was wollte sie noch?
Seine Füße fanden den Fußboden, der Sessel drehte sich widerstrebend. Wieder ihre Augen, doch diesmal nicht. Diesmal würde er Widerstand leisten.
Er stellte sich große, dunkle Zellen vor, die die Armada aus seinem Blut rissen.
Das kleine rote Bändchen an ihrer ordentlich gebügelten Bluse bewegte sich mit ihrem Atem, durch ihren Atem. Er zögerte kurz. Oder war es umgekehrt? Ein sinnloser Gedanke.
Ob er heute etwas vorhätte.
Warum wollte sie das wissen?
Er sollte ja antworten, er kannte die Spielregeln, fand immer einen Vorwand.
Doch vielleicht… nein. Er durfte sich nicht wieder gehen lassen, auf keinen Fall. Objektiv. Er versuchte sich daran zu erinnern, was das Wort bedeutete, warum es wichtig war.
Dann huschte ein Nein über seine Lippen, wie ein sich versehentlich lösender Schuss, nur viel leiser.
Zu spät. Spanien siegte wieder. In seinem Geist sah er unscheinbare Moleküle, feiernd, in seinem Blut schwimmend.
Sie legte bedächtig einen Zettel auf seinen Schreibtisch, dann ein Lächeln, sie verschwand.
Was hatte er sich dabei gedacht?
Ein Teil von ihm wusste es.
Der Zettel war gelb, ordentlich beschriftet. Ihre Schrift, er erkannte sie.
Der Name einer Bar. Eine Uhrzeit. Der Hinweis, dass sie sich freuen würde.
Es war unmöglich. Und doch.
Wie konnte das sein?
Er las den Zettel noch einmal. Es konnte nicht sein. Oder doch?
Vielleicht hatte er alles an ihr falsch verstanden, bis jetzt. Vielleicht…
Mit Bedacht faltete er den kleinen Zettel. Vorsichtig steckte er ihn in sein Hemd.

Die Angst flog mit einem entsetzten, aber stummen Schrei hinter die Ränder seiner Wahrnehmung, verweilte dort, beobachtete.
Das Licht war angenehm, plötzlich. Er stand auf.
Wie lange war er wohl nicht in der Kantine gewesen? Er wusste es nicht. Es war zu lange her, fand er, und machte sich auf den Weg.

„Hoffnung ist die zweite Seele der Unglücklichen.“ – Johann Wolfgang von Goethe

Prelude/Lullaby II

geschrieben am 11. Januar 2005 um 00:58 Uhr

Mit leise wisperndem Widerwillen betrat er den Lift. Die Türen schlossen sich mit einem düsteren Geräusch, dem Geräusch einer Patrone, die sich in ein Magazin fügt. Ein Sarg, dachte er, ein stählerner Sarg. So einer, in dem man verstrahlte Leichen transportierte. Die Türen gingen mit einem Ruck wieder auf. Ein Mann stieg zu. Seine Angst lächelte ihm kurz durch das Gesicht des Mannes im Anzug an. Er schob sich, soweit er konnte, in eine Ecke des Sargs, den Kopf starr geradeaus gerichtet. Der Anzug kam ihm bekannt vor.

Ja, er gehörte zu einem der Anzugmenschen aus den oberen Stockwerken. Musste er ihn grüßen? Und warum war er hier, gerade jetzt, mit ihm?
Sein Blick blieb auf die unfreundlichen Dioden über der Tür fixiert. Er war schon fast da. Gleich, gleich, konnte er hier raus. Gleich.
Ein beißender Geruch stieg ihm in die Nase. Rasierwasser. Seine Augen wendeten sich unwillkürlich zu dem Anzugmenschen hin. Was er jetzt wohl dachte. Wahrscheinlich schmiedete er Pläne. Er malte sich aus, was das wohl für Pläne sein könnten.
Einige dumpfe Silben durchschnitten seine Überlegungen. Sein Blick wurde trüb, als würde er durch Nebel blicken.
Er stellte sich vor, wie die Silben die Wand aus Furcht um ihn lautlos verbogen, sie durchdrangen.
Der Anzugmensch sah ihn direkt an, sein Mund bewegte sich.
Sein Name. Dann eine Frage.
Eine verlogene, verräterische Frage nach seinem Wohlbefinden. Dann seine Stimme, eine Silbe, die Antwort.
Hatte der Anzug irgendwie gehört, was er gedacht hatte? Nein, das war nicht möglich. Die Physik verbat es.
Er spürte den kleinen Splitter des Zweifels, der blieb, der immer blieb. Wie ein kleiner Glassplitter, der im Dunkeln wartet, dass man sich an ihm schneidet.
Die Lifttüren öffneten sich mit einem Seufzen. Endlich. Sein Stockwerk, seine Hölle. Immerhin seine eigene. Der letzte Gedanke entlockte ihm ein Grinsen. Er stellte vor, wie er jetzt aussehen würde. Wie ein grinsender Totenschädel in einem Anzug. Mit einiger Anstrengung zwang er sich, ein professionelles Lächeln aufzusetzen. Eine Maske, eine notwendige Maske.
Das Klingeln hinter ihm rief ihn zurück ins Jetzt. Die Sargtüren schlossen sich. Der Anzugmensch, er musste ihm die ganze Zeit nachgestarrt haben. Er konnte das spüren, genauso wie er sein Lachen hören konnte. Es war leise, aber es war da, er wusste es, er konnte es fühlen.
Dicht an der Wand durchquerte er den Korridor zu seinem Büro. Seine Kollegen hatten einmal gescherzt, seine Haltung deute an, er würde sich auf einem Schlachtfeld bewegen, schlangenhaft, geduckt. Er hatte nichts geantwortet. Hier oben sagte er nie viel.
Durch die Wände konnte er die anderen Menschen spüren. Während er um die scharfen Ecken der Flure steuerte stellte er sich vor, wie er sie durch die Wände fühlen konnte. Jeder einzelne verbunden mit den anderen, jeder einzelne mit einer Bestimmung, einem Zweck. Einer Aura, vielleicht war das ein adäquater Ausdruck, auch wenn er ihm metaphysisch-lächerlich vorkam. Er konnte sie lachen hören, sie lachten immer über ihn. Nicht bösartig, nein. Es war verständlich, er würde oft gerne mit ihnen lachen. Natürlich lachten sie aber nie, wenn er dabei war. Dennoch, er fühlte ihre Verachtung, ihre falsche Höflichkeit. Er fühlte keine Wut, dass hatte ihn früher irritiert. Eine Weile hatte er darüber nachgedacht.
Jäh streifte seine Schulter eine Wand, als er einem Anzugmenschen auswich, der ihn nicht wahrgenommen hatte. Zumindest war er ein Niemand hier, das beruhigte ihn auf eine faszinierende Weise. Seine Konzentration richtete sich wieder nach innen.
Diese Überlegungen hatten zu dem Schluss geführt, dass er gar nicht das Recht hatte, wütend zu sein. Im Gegenteil, sie hatten Recht, er war nichts, er war niemand. Er hatte kein Legitimation, ihre Aufmerksamkeit, ihre Anteilnahme, ihre Akzeptanz zu verlangen. Mit einem vogelartigen Schulterzucken bestätigte er sich die Richtigkeit dieser Annahme. Das Büro lag vor ihm. Das Licht fiel an einem solchen Tag viel zu hell hinein, wie er fand. Seine Gedanken schweiften wieder zu dem strahlungsisolierten Stahlsarg. Nun, er hatte nicht das Recht, sich zu beschweren.
Die anderen Anzugmenschen in dem Büro begrüßten ihn. Zwei, drei, vier. Sie waren alle da. Alle bis auf das Mädchen. Mit der Art von Sanftheit, mit der ein Musiker ein uraltes Instrument vorsichtig stimmt, erwiderte er beiläufig ihre Begrüßungen. Natürlich, sie waren freundlich, taten so, als ob er dazugehören würde.
Sie war nicht da. Vielleicht hatte sie sich versetzen lassen, er könnte es verstehen. Er würde auch nicht gerne in seiner Nähe arbeiten müssen. Vielleicht war sie auch einfach nicht da, um ihn ein wenig zu quälen.
Ein Druck auf einen roten Knopf, sein Computer bootete. Schaute ihn durch seine roten und dunkelblauen LEDs grinsend an.
Hinter ihm ein Räuspern. Langsam drehte er sich um, immer noch in der verschlagenen, geduckten Haltung, ein Boxer, der auf einen Schlag wartet.
Und dort stand sie. Sie blickte ihn aus hellen, grauen Augen an. Blonde, kurze Haare.
Er hasste es. Wellen von Endorphinmolekülen, die durch seine Venen spülen wie eine Armada.
Er hasste es.
Aber er liebte sie.
Ihre Augen fesselten ihn, er hörte nur halb, was sie sagte. Wie schön sich das Licht in dem Büroraum in ihren Pupillen fing. Wie schön das Licht ihr ganzes Gesicht einfing.
Und sie war zu ihm gekommen. Vielleicht…vielleicht… aber das konnte nicht sein.
Wie zum Beweis klingelte mit unverhüllter Häme ein Telefon. Ihr Telefon.
Sie blickte ihn noch mal an, wand sich dann von ihm ab. Noch einmal ihr Haar in der Morgensonne, viel zu helles Licht.
Er hatte es doch gewusst, immer gewusst. Aber er konnte es ihr nicht übel nehmen, er war nun mal, was er war. Und sie war nur ein Mensch wie jeder andere.
Sie war Verrat, Menschen waren Verrat, das Leben war Verrat. Er dachte an das kleine Kästchen unter seinem Bett, schwarzes, warmes Holz, bevor er sich dem leise flüsternden Rechner zu wand. Schwarz und schwer, wie das Holz, aus dem man massive Türen machte. Kurz verweilte er bei dem Gedanken, wohin diese Tür führen mochte, dann war er in seine Arbeit vertieft.

„All the ill that is in us comes from fear, and all the good from love.“ ~ Eleanor Farjeon